Afghanistan:Taliban erobern Kundus

Grenzübergang zwischen Pakistan und Afghanistan

Die Taliban überrennen Afghanistan: Immer mehr Geflüchtete sammeln sich an der Grenze zu Pakistan

(Foto: dpa)

Wenige Wochen nach Abzug der letzten Bundeswehr-Soldaten ist die afghanische Stadt Kundus gefallen. Das Auswärtige Amt will nun auch den Asyllagebericht der rasanten Verschlechterung anpassen.

Die militant-islamistischen Taliban haben in Afghanistan die Provinzhauptstadt Kundus im Norden des Landes eingenommen. Die Stadt sei am Sonntag nach heftigen Kämpfen gefallen, bestätigten drei Provinzräte sowie ein Bewohner der Deutschen Presse-Agentur. Auch mehrere wichtige Regierungsgebäude sind offenbar erobert worden. Die Regierungssoldaten hätten weiterhin den Flughafen und ihren eigenen Stützpunkt unter Kontrolle, sagte ein Abgeordneter der Provinzversammlung der Nachrichtenagentur Reuters.

In Deutschland ist Kundus vor allem bekannt, weil die Bundeswehr jahrelang in der Nähe ein großes Feldlager hatte. Die letzten Bundeswehr-Soldaten wurden am 30. Juni nach fast 20 Jahren abgezogen. Auch das Auswärtige Amt sieht eine Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. Ein Ministeriumssprecher sagte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, die Situation entwickle sich rasant. "Auch mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen wird derzeit eine Aktualisierung des Asyllageberichts vorbereitet." Die Bundesregierung hatte zuletzt deutlich gemacht, dass für sie ein genereller Abschiebestopp für Menschen aus Afghanistan derzeit nicht infrage kommt. Der Asyllagebericht bildet allerdings den Stand vom Mai dieses Jahres ab.

Weder Wasser noch Essen in Kundus

Einem Sprecher der afghanischen Sicherheitskräfte zufolge bemühten sich die afghanischen Soldaten nach wie vor, Teile der Stadt mit ihren etwa 370 000 Bewohnern zu verteidigen. Die Menschen hätten weder Wasser noch Essen. Sie hielten sich in ihren Häusern versteckt, berichteten die Provinzräte. Kundus, das seit langem von Taliban-Kämpfern belagert wurde, gilt als strategisch wichtig, weil es am Zugang zu den an Rohstoffen reichen Provinzen im Norden des Landes und in Zentralasien liegt.

Erst kurz zuvor hatten die Islamisten auch die Stadt Sar-i Pul erobern können. Damit brachten die Taliban, die ihre Offensive in den vergangenen Tagen verstärkt haben, innerhalb von drei Tagen vier Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan Anfang Mai laufen mehrere Offensiven der Taliban. Zunächst konnten sie vor allem im ländlichen Raum massive Gebietsgewinne verzeichnen. Mittlerweile kontrollieren sie mehr als die Hälfte der etwa 400 Bezirke des Landes und auch mehrere Grenzübergänge. Zuletzt verlagerten sich die Kämpfe zunehmend in die Hauptstädte der 34 Provinzen.

USA fliegen weiter Luftangriffe

Die Lage in der Stadt Sar-i Pul mit geschätzt 180 000 Einwohnern ähnelt der in Kundus. Provinzräten zufolge haben die Islamisten seit Sonntagmorgen die wichtigsten Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle. Die Sicherheitskräfte hätten sich in der Nacht schwere Gefechte mit ihnen geliefert. Als allerdings der zweite Polizeibezirk fiel, hätten sie ihre Posten verlassen und sich in eine Militärbasis einen Kilometer vom Stadtzentrum zurückgezogen. Auch Regierungsvertreter befänden sich nun in dieser Militärbasis. Die Taliban feuerten auf sie.

Der Provinzrätin Massuma Schadab zufolge liegen mehrere Leichen in den Straßen. Es traue sich aber niemand, diese zu bergen. Sar-i Pul hat geschätzt 180 000 Einwohner. Die Provinz, in der Ölvorkommen gefördert werden, grenzt unter anderem im Osten an die Provinzen Balch mit der Hauptstadt Masar-i-Scharif und im Norden an die Provinz Dschausdschan. Die Regierung halte in der Provinz nur noch den Bezirk Balchab, sagten die Provinzräte weiter.

Nach Angaben des afghanischen Verteidigungsministeriums fliegen die USA, die ihren Abzug aus Afghanistan praktisch abgeschlossen haben, weiter Luftangriffe in dem Land. Ein Taliban-Treffen in der Stadt Schiberghan sei mit B-52-Bombern angegriffen worden, teilte ein Sprecher auf Twitter mit. Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist amerikanischen Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.

© SZ.de/DPA/Reuters/lala/sebi
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