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Afghanistan:Regierung und Taliban wollen am Samstag Friedensgespräche beginnen

Ein Mann in Kabul schwenkt die afghanische Flagge. In dem Land sollen nach 19 Jahren Krieg Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban beginnen.

(Foto: AP)

Nach 19 Jahren wollen sie den Krieg am Hindukusch beenden. Die Islamisten sind aus mehreren Gründen in einer komfortablen Situation für die Verhandlungen in Doha.

Von Moritz Baumstieger und Tobias Matern

Nach 19 Jahren Krieg in Afghanistan sollen an diesem Samstag in Doha die Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban beginnen. Zunächst hatte dies die katarische Regierung mitgeteilt, auch die Taliban verbreiten die Nachricht über die sozialen Netzwerke. Sediq Sediqqi, der Sprecher des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani, bestätigte der Süddeutschen Zeitung am Donnerstagabend das geplante Treffen. "Endlich" sei der Moment dafür gekommen.

Bereits Ende Februar hatten sich die USA und die Taliban in Doha auf ein Abkommen verständigt, wonach die Amerikaner und in ihrem Gefolge die verbliebenen westlichen Truppen bis April 2021 das Land schrittweise verlassen, wenn die Islamisten sich an bestimmte Bedingungen halten. Die Taliban sollen unter anderem ihren Teil dazu beitragen, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr mehr ausgeht.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die USA mit breiter internationaler Unterstützung in Afghanistan einmarschiert, weil das damals herrschende Taliban-Regime sich geweigert hatte, Al-Qaida-Chef Osama bin Laden auszuliefern. Bin Laden gelang aber die Flucht und er wurde erst im Jahr 2011 von den USA in Pakistan aufgespürt und getötet. Die Taliban konnten die USA schnell aus Kabul vertreiben und installierten in Hamid Karsai einen Präsidenten. Doch militärisch konnten sie die Taliban nicht bezwingen, die Islamisten zogen sich nach Pakistan zurück und gruppierten sich neu. Immer wieder haben sie die westlichen und afghanischen Truppen mit Anschlägen aus dem Hinterhalt zermürbt. Der Krieg befindet sich in einer Pattsituation, aber um die Taliban zu einem umfassenden Friedensabkommen zu bewegen, gehen Beobachter davon aus, dass die Regierung von Präsident Ghani ihnen weitreichende Zugeständnisse wird machen müssen.

Die Islamisten sind für die nun anstehenden Verhandlungen am Samstag in einer komfortablen Situation: Die Regierung Ghani hat Tausende Taliban aus der Haft entlassen, um den Weg für die Gespräche zu ebnen. Der Westen ist zudem kriegsmüde, erst in der Nacht zu Donnerstag hatten die USA bekanntgegeben, dass sie nicht nur aus dem Irak 2000 Soldaten abziehen wollen, sondern ihre Truppenpräsenz auch um mehr als 4000 Streitkräfte in Afghanistan zurückschrauben. Damit verbleibt nur noch ein kleines Restkontingent amerikanischer Soldaten am Hindukusch.

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen in den USA im November vollzieht das US-Verteidigungsministerium einen groß angelegten Abzug aus dem Mittleren Osten. Das US-Engagement in diesen "endlosen Kriegen" zu beenden, war eines der zentralen Wahlversprechen von Präsident Donald Trump in seiner Kampagne 2016. Pünktlich zu Beginn der heißen Phase seiner Kampagne für eine Wiederwahl will Trump nun offenbar verkünden: Truppen auf dem Heimweg, Versprechen eingelöst.

Wie der amerikanische Marine-General Frank McKenzie in einer telefonisch abgehaltenen Pressekonferenz verkündete, sollen bis November die Zahl der in Afghanistan stationierten Truppen fast halbiert werden - statt derzeit 8600 Soldaten sollen dann nur noch 4500 verbleiben.

Der Abzug lässt sich kaum damit begründen, dass sich die Situation im Land entspannt hat, wie Vorkommnisse der vergangenen Tage zeigten. Zwar sind die Taliban nun bereit, sich in Doha mit der afghanischen Regierung an einen Tisch zu setzen, doch bleiben sie ihrer Strategie treu, vor Verhandlungen durch Angriffe deutlich zu machen, zu was sie fähig sind. Wohl um solch eine Drohkulisse zu schaffen, fielen Kämpfer am Dienstag in die bisher friedliche Provinz Pandschschir ein. Am Mittwoch entging Afghanistans Vizepräsident Amrullah Saleh nur knapp einem Bombenattentat, drei Leibwächter und sieben Zivilisten starben. Saleh ist ein entschiedener Gegner der Taliban. Diese dementieren, hinter dem Angriff zu stecken

© SZ vom 11.09.2020
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