Umgang mit den Taliban:Die gefährliche Strategie der pakistanischen Generäle

Nach dem Ende der Kämpfe stehen Afghanen am Dienstag Schlange, um aus Pakistan zurückzukehren. Pakistan öffnete den Grenzübergang Chaman nach Verhandlungen mit den Taliban wieder in beide Richtungen.

Nach dem Ende der Kämpfe warten Afghanen am Dienstag an der Grenze, um aus Pakistan nach Afghanistan zurückzukehren. Pakistan öffnete den Grenzübergang Chaman nach Verhandlungen mit den Taliban wieder in beide Richtungen.

(Foto: AFP)

In Islamabad wird der Sieg der Taliban eher mit Freude als Bestürzung aufgenommen. Islamistische Kämpfer und Terroristen dürfen im Land seit Jahren unterschlüpfen. Doch das könnte sich rächen.

Von David Pfeifer

Osama bin Laden wurde in Pakistan zur Strecke gebracht. Er war der bekannteste Terrorist, der sich nach Pakistan zurückzog, aber längst nicht der einzige. Als der US-Geheimdienst ihn 2011 dort ortete und Navy Seals sein Haus stürmten, wurde die Regierung in Islamabad angeblich nicht einmal vorab informiert. Washington traute den Pakistanern nicht. Die USA und Indien werfen Pakistan seit Jahren vor, dass es auf seinem Staatsgebiet Terroristen duldet. Verwundete Taliban-Kämpfer wurden in pakistanischen Krankenhäusern behandelt, getötete dort beerdigt.

Die reicheren Islamisten besitzen Häuser in Pakistan, ihre Kinder gehen dort zur Schule. Damit das Konsequenzen hat, wurde diese Woche der Hashtag #SanctionPakistan ins Leben gerufen. "Gleichzeitig feiern es die Islamisten in den sozialen Netzwerken weltweit als großen Sieg, dass die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind", sagt Harsh V. Pant. Der Professor für internationale Beziehungen am King's College in London ist auch für den regierungsnahen indischen Thinktank "Observer Research Foundation" tätig.

Pant zitiert Pakistans Premier Imran Khan, der unmittelbar nach dem Abzug der Amerikaner sagte, die Afghanen hätten sich nun aus der Sklaverei befreit. "Aber tatsächlich dürfte dies ein Sieg des mächtigen pakistanischen Militärs sein, das die Taliban über Jahre unterstützt hat", erklärt Pant per Video-Call in Delhi. Terroristen würden in Pakistan "wie am Fließband hergestellt und exportiert, etwa so wie Autos in Deutschland" - so hatte es der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar deutschen Journalisten erklärt. Pant sagt nun: "Vieles, was Pakistan tut, muss man im Zusammenhang mit Indien sehen." Pakistan habe sich strategisch im Nachteil gefühlt, weil es sich eingekeilt sah zwischen dem Erzrivalen Indien und den in Afghanistan stationierten Amerikanern.

Dass Afghanistans Regierung die Nähe zu Indien suchte, hat die Pakistaner irritiert

Andererseits ist die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan umstritten. Eine stabile afghanische Führung könnte also Anspruch auf Gebiete Pakistans erheben. In jüngster Zeit war man in Islamabad irritiert, weil die afghanische Regierung unter dem nun geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani Nähe zu Indiens Regierung suchte. Harsh V. Pant sagt, "vielleicht ist das ein Grund, warum das pakistanische Militär nun jubelt. Aber die Sache wird auf Jahre Folgen haben. Islamisten auf der ganzen Welt dürften sich motiviert fühlen. Es ist ein Irrglaube zu denken, ein ideologischer Krieg lasse sich auf Territorien begrenzen." Die pakistanischen Taliban verüben auch in Pakistan selbst seit Jahren schwere Anschläge, 2014 unter anderem auf eine Schule, mindestens 145 Menschen wurden getötet, die meisten waren Kinder.

Die Verbindungen des pakistanischen Geheimdienstes nach Afghanistan gehen zurück auf die Zeit vor dem Einsatz der USA, als die Islamisten sich gegen die sowjetischen Besatzer zur Wehr setzten - mit Unterstützung der US-Geheimdienste, welche die Mudschahedin mit Waffen und Know-how versorgten. Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass die USA in Afghanistan nach einem Regimewechsel in die eigenen Gewehrläufe blicken. Während die USA und Indien als Feinde gelten, sucht Pakistan derzeit die Nähe zu China. Wohl auch deshalb hat Pekings Außenminister vor Kurzem einen Führer der Taliban zu Gesprächen empfangen.

Bei seinem Antrittsbesuch in Indien forderte US-Außenminister Antony Blinken im Juli Pakistan auf, "zu tun, was immer möglich ist, um zu verhindern, dass die Taliban sich das Land mit Gewalt zurückholen". Doch es war nicht anzunehmen, dass Islamabad sich offen gegen die Islamisten im Nachbarland stellen oder auch nur indirekt gegen sie vorgehen würde. "Washington erhöht den Druck auf Pakistan", schrieb die New York Times nun Anfang dieser Woche.

Regierungschef Imran Khan solle sich klar gegen die Taliban aussprechen. Das vermied er aber bisher, und wird es wohl auch in Zukunft nicht tun. Öffentlich hatte sich Islamabad Washingtons Linie angeschlossen und die Verhandlungen zwischen den USA, den Taliban und afghanischen Unterhändlern der amtierenden Regierung unterstützt. Der New York Times sagte Khan noch im Juni, Islamabad "übt den maximal möglichen Druck auf die Taliban aus".

Doch der größere Machtfaktor in Pakistan ist das Militär, und "es hat hier einen großen Sieg errungen", ist Harsh V. Pants Einschätzung. Das pakistanische Militär erlaubt es den US-Streitkräften auch nicht, aus Pakistan Luftangriffe auf die Taliban in Afghanistan zu fliegen. Der Nachrichtensender Al Jazeera berichtete am Montag, das pakistanische Außenministerium habe angeboten, Menschen zu helfen, die Afghanistan verlassen wollen. Zahid Hafeez Chaudhri, ein Sprecher des Ministeriums, erklärte Al Jazeera, dass "Pakistan weiter die Bemühung unterstützen wird, die Lage politisch zu lösen" - eine Ankündigung, die im Licht der Ereignisse zynisch klingt.

Allerdings hat Pakistan auch früher schon nicht nur Taliban aufgenommen, sondern ebenso Menschen, die vor den Islamisten flohen. Etwa 1,4 Millionen afghanische Flüchtlinge leben bereits im Nachbarland, die meisten unter schlechten Bedingungen. Zuletzt haben jede Woche etwa 30 000 Flüchtlinge Afghanistan Richtung Pakistan verlassen, auch deswegen muss Islamabad die etwa 2600 Kilometer lange Grenze künftig besser sichern. Allerdings haben Kämpfer der Taliban bereits am Freitag Torkham eingenommen, einen der zwei großen Grenzübergänge zwischen beiden Ländern. Auf beiden Seiten der Grenze geraten nun die in Feindesland, die keine Islamisten sind.

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