Afghanistan:Vergessene Helfer

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Afghans Who Worked With U.S. Seek Help Through Special Visa Program

Bitte um Hilfe: Ortskräfte von Hilfsorganisationen wie hier in Herat fühlen sich bedroht.

(Foto: Paula Bronstein/Getty Images)

Tausende Ortskräfte standen in Diensten deutscher Organisationen. Die Menschen müssen nun um ihr Leben bangen.

Von Michael Bauchmüller und Stefan Braun

Sie haben kapituliert, und nun sind sie unterwegs nach Kabul: Sie fliehen. Lehrer, die in Afghanistans Provinzen Mädchen und junge Frauen unterrichteten. Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen, die sich um die Opfer sexualisierter Gewalt kümmerten. 70 Frauen etwa arbeiten allein bei Medica Afghanistan, einer Partnerorganisation der deutschen Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale. "Die fühlen sich in ihrem Leben bedroht", sagt Sara Fremberg, die den Politikbereich der Kölner Organisation verantwortet. "Die Taliban wissen sehr genau, wer sich für Frauenrechte eingesetzt hat."

Viel wird gerade diskutiert über die Aufnahme etwa von Ortskräften der Bundeswehr, auch sie bangen um ihr Leben; der Bund will sie deshalb nach Deutschland bringen. Aber was ist mit den vielen Helfern, die für deutsche Hilfsorganisationen am Aufbau in Afghanistan beteiligt waren, und das häufig im Auftrag der Bundesregierung? Es gibt Organisationen, auch große, die über dieses Problem lieber nichts in der Zeitung lesen möchten. "Wir haben Angst, unsere Mitarbeiter so noch zusätzlich zu gefährden", heißt es bei einer. Man unternehme aber alles, um mit der Bundesregierung eine Lösung zu finden.

Auch die Arbeit von Medica Afghanistan wurde aus Deutschland gefördert. Doch diejenigen, die sich nach Kabul durchschlagen können, stehen vor einem ungewissen Schicksal. "Wir fordern, dass sie genauso behandelt werden wie die Ortskräfte der Bundeswehr", sagt Fremberg. "Deutschland trägt auch für ihr Leben Verantwortung." Nötig sei letztlich auch für sie eine "Aufnahmeanordnung", wie sie das Aufenthaltsgesetz vorsieht - zur "Wahrung besonders gelagerter politischer Interessen". Allerdings renne die Zeit für eine Lösung davon.

Allein das Entwicklungsministerium hatte 1100 lokale Helfer

Eine Einsicht, die man mittlerweile auch im Bundesinnenministerium hat. Ausgerechnet der bislang bremsende Innenminister Horst Seehofer erklärte am Freitag, man werde ab sofort die Aufnahme von Ortskräften beschleunigen und alle derzeit in Afghanistan nicht zu erledigenden Formalia nach Ankunft in Deutschland abwickeln. Wie schnell das helfen wird und wie viele davon profitieren könnten, ließ Seehofer allerdings offen.

Wie viele Ortskräfte genau in der Entwicklungszusammenarbeit tätig waren, ist schwer zu beziffern. Allein das Entwicklungsministerium weiß von 1100 lokalen Kräften, die im direkten staatlichen Auftrag dort beschäftigt waren. "Hinzu kommen weitere Ortskräfte mit Beschäftigungsverhältnissen in der nichtstaatlichen Kooperation", also in Nichtregierungsorganisationen, die allerdings letztlich oft auch in deutschem Auftrag oder mit deutscher Förderung arbeiten. Und diese Ortskräfte haben auch Familie.

Diejenigen, die im direkten staatlichen Auftrag unterwegs waren, haben es bislang besser. So können Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ Gefährdungsanzeigen stellen und sich um die Aufnahme in Deutschland bemühen - und das auch, wenn sie seit bis zu zwei Jahren nicht mehr für die staatliche Entwicklungsagentur arbeiten. "Die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden hat für die GIZ höchste Priorität", sagt eine Sprecherin. Das Entwicklungsministerium kann dann nach Prüfung veranlassen, dass die Beschäftigten am sogenannten Ortskräfte-Verfahren teilnehmen - jenem Mechanismus, nach dem etwa auch die afghanischen Beschäftigten der Bundeswehr Zuflucht in Deutschland finden können.

Bei Nichtregierungsorganisationen ist das komplizierter: Zwar darf das Ministerium auch "mittelbar" Beschäftigte nach dem Ortskräfte-Verfahren behandeln. Aber das liegt in seinem Ermessen - und die Prüfung könnte hier ungleich schwerer sein. Es gibt Leute in der Regierung, die taxieren die Zahl der Betroffenen samt Familienmitgliedern auf mehr als 20 000. Man sei, so heißt es aus dem Ministerium, "auf eine schnelle Erhöhung der Bearbeitungskapazitäten eingestellt".

Wo Projekte dem Weltbild der Taliban widersprechen, geraten Helfer in Gefahr

Immerhin hat die Bundesregierung am Freitag gezeigt, dass auch ihr die Dringlichkeit klar geworden ist. Seither berät ein Krisenstab, wie die verbliebenen deutschen Diplomaten und Staatsangehörigen, aber auch die Ortskräfte geschützt oder rausgeholt werden könnten. Wie ernst alles gesehen wird, zeigt ein Satz aus dem Verteidigungsministerium. Man habe Kräfte bereitgestellt, auch kurzfristig, für jedes Szenario. Am Nachmittag verkündete Außenminister Heiko Maas dann, dass der Bund mit Hilfe von Charterflügen beschleunigt Botschaftsmitarbeiter und Ortskräfte aus Kabul ausfliegen werde.

Allerdings sind nicht alle Ortskräfte gleichermaßen in Gefahr. "Das Bild ist uneinheitlich", sagt Bodo von Borries, Experte für humanitäre Hilfe bei Venro, dem Dachverband der Hilfsorganisationen. So ließen die Taliban Projekte rund um Ernährung und Landwirtschaft bisher in Ruhe. Doch wo die Hilfe dem Weltbild der Taliban widerspricht, geraten Helfer und afghanische Partner in Gefahr. "Da muss die Bundesregierung schnell gefährdete Personen aufnehmen", sagt Borries.

Von Glück reden kann noch die Welthungerhilfe. Ihre Ortskräfte berichten bislang nicht über Bedrohungen, sagt Simone Pott, die Sprecherin. "Unsere Hilfe ist neutral, unsere Mitarbeiter sind es auch, das ist existenziell für unser Wirken." Diese Neutralität zahle sich nun aus, sagt Pott - fügt aber hinzu: "Das gilt für heute. Was morgen ist, können wir nicht sagen."

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