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Afghanistan:Mindestens ein Toter

Eine Taliban-Versammlung in der afghanischen Provinz Farah. In Außenposten der Islamisten fanden amerikanische Truppen große Mengen Bargeld.

(Foto: AP)

Laut US-Geheimdiensten hat Russland Kopfgelder für Taliban-Angriffe auf GIs gezahlt. Trump weist dies zurück.

Von Hubert Wetzel, Washington

Russland hat nach Erkenntnissen der US-Geheimdienste im vergangenen Jahr islamistischen Taliban-Kämpfern in Afghanistan Prämien bezahlt, damit diese amerikanische und andere westliche Soldaten töten. Wie mehrere US-Medien übereinstimmend berichten, war eine Einheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU für die Zahlungen verantwortlich. Nach Berichten der Washington Post und der New York Times glauben die US-Dienste, dass der Tod von mindestens einem amerikanischen Soldaten in Verbindung mit den Kopfgeldzahlungen steht. 2019 sind 16 GIs bei Kampfhandlungen in Afghanistan getötet worden, sechs mehr als im Jahr davor. In diesem Jahr sind in Afghanistan bisher zwei amerikanische Soldaten gefallen.

Den Berichten zufolge wurde das Geheimdienstdokument, in dem über die Zahlungen berichtet wird, im März von ranghohen Mitarbeitern von Präsident Donald Trump besprochen. Dabei ging es darum, ob die USA diplomatische Straf- oder Vergeltungsmaßnahmen gegen Russland ergreifen sollen. Das Treffen endete offenbar ohne konkretes Ergebnis, da es Meinungsverschiedenheiten gab.

Unklar ist bisher, ob die Informationen auch den Präsidenten oder den Vizepräsidenten persönlich erreicht haben. Vier Monate vor der Präsidentschaftswahl, in der die Demokraten Trump aus dessen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Vorwurf machen werden, ist das vermutlich die entscheidende innenpolitische Frage. Trump weiß das und bestreitet deswegen kategorisch, jemals über die russischen Zahlungen informiert worden zu sein. Seine "Geheimdienstler" hätten die Informationen nicht für glaubwürdig gehalten, twitterte er in der Nacht zu Montag. Die Berichte seien falsch. Die USA hätten in jüngster Zeit auch nur wenige Soldaten in Afghanistan verloren, schrieb Trump. Auch Russland und die Taliban wiesen die Vorwürfe in Erklärungen zurück.

Auch führende Republikaner verlangen jetzt Antworten von der Trump-Regierung

Der Geheimdienstdirektor im Weißen Haus, John Ratcliffe, erklärte in einer Stellungnahme allerdings lediglich, dass die Informationen über Russlands Zahlungen nicht in den Vorträgen enthalten gewesen seien, in denen der Präsident mehrmals in der Woche über die Sicherheitslage in der Welt informiert wird. Inhaltlich dementierte Ratcliffe die Berichte über die russischen Prämien aber nicht.

Wie die New York Times am Montag schrieb, gibt es mindestens seit Januar Meldungen von US-Soldaten in Afghanistan an ihre Vorgesetzte, dass Russland den Taliban Geld bezahle. Demnach sollen amerikanische Truppen in einem eroberten Außenposten der Islamisten eine große Menge an Dollar-Bargeld gefunden haben. Verhöre mit gefangenen Taliban-Kämpfern hätten das Bild vervollständigt und zu der Einschätzung des Militärs geführt, dass Russland die Prämien ausgesetzt habe, so die Zeitung. Die Informationen wurden dann in Washington von der CIA überprüft und als so verlässlich eingestuft, dass zumindest die wichtigsten Mitarbeiter des Präsidenten sich in der Sondersitzung im März im Weißen Haus damit befassten. Offenbar wurden die Informationen auch mit der britischen Regierung geteilt, die ebenfalls Truppen in Afghanistan stationiert hat. Britische Medien haben das in den vergangenen Tagen bestätigt.

Bei den Demokraten haben die Berichte - erwartbar - Empörung ausgelöst. Sie werfen Trump vor, das Leben amerikanischer Soldaten zu gefährden, weil er Putin nicht konfrontieren wolle. Russland räche sich für seine eigene Niederlage in Afghanistan, indem es Kopfgelder auf amerikanische Soldaten aussetze, sagte die demokratische Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Nancy Pelosi. "Das ist unerträglich. Man sollte meinen, dass der Präsident in der Minute, in der er davon hört, verlangt, mehr zu erfahren, anstatt zu bestreiten, dass er etwas gewusst hat."

Interessanter war allerdings die Reaktion einiger republikanischer Politiker. Die Republikaner wagen es nur selten, den Präsidenten zu kritisieren. Trumps zurückhaltender Umgang mit Putin, seine Versuche, sich mit dem russischen Machthaber gutzustellen und diesen gegen Vorwürfe in Schutz zu nehmen, irritiert aber viele republikanische Sicherheitspolitiker ganz erheblich. Die Abgeordnete Liz Cheney, Tochter des früheren Vizepräsidenten Richard Cheney, forderte in einem Tweet am Wochenende Antworten von der Regierung. Wenn die Medienberichte stimmten, müsse das Weiße Haus erklären, was Trump wann gewusst habe und welche Gegenmaßnahmen er ergreifen werde, schrieb sie. Der republikanische Abgeordnete Daniel Crenshaw, ein ehemaliger Soldat, der 2012 in Afghanistan ein Auge verloren hat, teilte Cheneys Tweet und schrieb dazu: "Wir brauchen Antworten."

Ähnlich äußerte sich auch Lindsey Graham, ein Senator aus South Carolina und enger Vertrauter von Trump. Er erwarte, dass die Regierung die Vorwürfe gegen Russland "sehr ernst" nehme und den Kongress informiere, twitterte er. "Wir müssen der Sache auf den Grund gehen." Am Sonntag spielte Graham mit dem Präsidenten Golf. Ob er den Platz mit dem Eindruck verlassen hat, Trump nehme die Vorwürfe ernst genug, hat Graham bisher nicht verraten.

© SZ vom 30.06.2020

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