Afghanistan Lasst uns nicht mehr darüber reden

War da was? Der Krieg in Afghanistan bewegt die Öffentlichkeit kaum noch, dabei dauert er schon länger als der amerikanische Einsatz in Vietnam.

Von Tobias Matern

Der amerikanische Einsatz in Afghanistan dauert schon länger als der Erste und Zweite Weltkrieg zusammengenommen. Selbst aus Vietnam wurden die US-Soldaten schneller abgezogen. Aber der Krieg am Hindukusch ist nur noch in begrenztem Umfang in der Öffentlichkeit präsent. Präsident Donald Trump hat trotz miserabler Bilanz wenig Druck von seinen Anhängern, etwas zu ändern. Anders als in Vietnam kämpfen amerikanische Soldaten freiwillig in Afghanistan, keine Wehrpflicht zwingt sie. Und die Nation war sich schon zu Beginn des Einsatzes einig: Der 11. September habe dem Krieg eine moralische Rechtfertigung gegeben.

Trump will jetzt so schnell wie möglich raus aus Afghanistan, so viel ist sicher. Dabei unterlaufen ihm Fehler: Die jüngst in Aussicht gestellte Truppenreduzierung ist für seinen Sondergesandten keine gute Grundlage, um die Taliban bei den Friedensgesprächen in Katar unter Druck zu setzen. Zalmay Khalilzad, US-Diplomat mit afghanischen Wurzeln, bräuchte von Oberbefehlshaber Trump jetzt eigentlich militärische Rückendeckung, um den Islamisten die Bedingungen zu diktieren. So aber dominieren die Taliban, weil sie wissen: Die Zeit ist auf ihrer Seite. Und sie drücken bislang mühelos ihre Haltung durch, die amtierende Kabuler Regierung aus diesen Gesprächen so lange wie möglich herauszuhalten. Weil sie es können.

Sollte Donald Trump nicht wiedergewählt werden, so wird das nicht an Afghanistan liegen. Dabei sind mehr als 2400 amerikanische Soldaten in dem Krieg gefallen, haben die USA mehr als eine Billion Dollar für diesen Einsatz ausgegeben, sie zahlen noch immer jährlich 45 Milliarden Dollar. Trotzdem wissen gerade mal 58 Prozent der registrierten Wähler, dass in Afghanistan überhaupt noch Krieg herrscht. War da was?

Der längste Einsatz in der Geschichte spaltet das Land nicht, da haben die USA ganz andere innenpolitische Kämpfe auszufechten. Von Anfang an standen Politik und Gesellschaft - anders als beim Irak - geschlossen hinter dieser Mission. Eine am 11. September angegriffene, verwundete Nation wollte Rache nehmen und die Taliban bestraft sehen, weil die Machthaber in Kabul Osama bin Laden nicht auslieferten. Sie zu stürzen, war binnen Wochen erledigt; Osama bin Laden haben Spezialkräfte Jahre später in einer pakistanischen Villa ausgeschaltet. Mission erfüllt? Nein.

Illustration: Stefan Dimitrov/SZ

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Der Krieg ist aus militärischer Sicht so desaströs verlaufen, dass der Supermacht USA in den Verhandlungen mit den Taliban als letztes Mittel geblieben ist, sie in irgendeiner möglichst eingedämmten Form wieder an der Macht in Kabul zu beteiligen. Der Webfehler dieses Einsatzes ist einst auf dem Bonner Petersberg gemacht worden, als die Taliban nicht zu den Verhandlungen über die Nachkriegsordnung eingeladen wurden. Man dachte, sie seien geschlagen. Doch sie konnten sich von Pakistan aus neu gruppieren.

Washington hat lange nicht das Mittel gefunden, um die Regierung des Nachbarlandes in Islamabad einzubeziehen. Ein weiterer Fehler der Besatzer: Die Amerikaner und ihre westlichen Verbündeten wollten unbedingt eine starke Zentralregierung in Kabul etablieren, gleichzeitig gingen sie aber nicht effektiv gegen Warlords und deren lokale Machtstrukturen vor. Die politische Kontrolle auf Kabul zu fokussieren, war an der afghanischen Realität vorbeigebastelt - ein klassischer Besatzerfehler, in Unkenntnis über das Land gemacht.

Die Konflikte in der multiethnischen Struktur Afghanistans haben die Amerikaner nach jeder Präsidentenwahl dadurch abzufedern versucht, indem sie unterlegene Kandidaten an der Macht beteiligt haben. Diese quick fixes, schnelle Reparaturarbeiten im laufenden Betrieb, haben zwar kurzfristig den politischen Frieden in Kabul erhalten, aber dem Ansehen der Institutionen geschadet.

Korruption ist in afghanischen Politikerfamilien weit verbreitet. Das Gefühl, sich so lange ein Stück vom Kuchen sichern zu müssen, wie er noch verteilt wird, treibt die Elite im Land um. Die Fehler der Besatzer spielen ihnen in die Hände. Die meisten Afghanen schauen deshalb mit Misstrauen auf ihre Führung. Und sie fragen sich, warum immer noch Warlords in ihrem Land mitbestimmen dürfen, die einst im Bürgerkrieg die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt haben.

Washington spricht wenig über Erreichtes, Versäumtes oder wenigstens über rote Linien im Friedensprozess. Nur ein zentrales Ziel geben die USA für die Gespräche mit den Taliban aus: Die Islamisten sollen garantieren, dass Afghanistan nicht wieder zum Rückzugsort für Terroristen wird. Darin steckt eine doppelte Ironie: Die Taliban selbst wurden in Washington noch vor nicht allzu langer Zeit als Terroristen deklariert. Nun sind sie Verhandlungspartner auf Augenhöhe. Und sie sollen nach US-Willen eine Sicherheitsgarantie abgeben, die nur eine Regierung und die ihr unterstellten Streitkräfte liefern könnten.

Afghanische Frauen sorgen sich um ihre hart erkämpften Rechte

Dass sich nicht nur afghanische Parlamentarierinnen und Studentinnen um ihre hart erkämpften Rechte sorgen, ist nachvollziehbar. Für die USA ist die Zukunft der Frauen in den Gesprächen mit den Taliban noch kein Thema. Khalilzad sieht sich eher als diplomatische Vorhut, um einen innerafghanischen Dialog anzustoßen. Aber wird Trump die Geduld haben, diesen langwierigen Prozess durchzustehen, wenn eine Übereinkunft mit den Taliban über den Abzug der Nato-Truppen erzielt wurde? Schwer vorstellbar. Ein westlicher Diplomat in Kabul hat es einmal so ausgedrückt: Wenn es nach unserer Mission wenigstens für kurze Zeit ruhig bleibt, können wir alles, was danach schief läuft, den Afghanen in die Schuhe schieben.

Der Westen meidet nun die peinliche Bilanzfrage: Haben sich die Mühen gelohnt? In Washingtons außenpolitischen Zirkeln wird zumindest eine Debatte geführt, die sich auf einen Kern verdichtet: Soll Amerika im 21. Jahrhundert noch auf Interventionen setzen, um seinen Rang als globale Ordnungsmacht zu erhalten?

In Donald Trumps Welt der außenpolitischen Kosten-Nutzen-Abwägung scheint diese Strategie aus der Zeit gefallen zu sein. Aber die Sache geht tiefer: In der Debatte verschwimmen die ideologischen Trennlinien.

Für die weitgehend vom Pentagon finanzierte Rand Corporation ist klar: Das Mittel der militärischen Intervention sollte keineswegs passé sein, auch ein überstürzter US-Abzug aus Afghanistan und damit das Eingeständnis eines Scheiterns wäre verheerend. Das Land werde alsbald in einen Bürgerkrieg abdriften, argumentieren die Rand-Leute. Terroristen könnten es dann wieder als Basis nutzen, um gegen die USA Anschläge zu planen. Amerika hätte, so die Analysten, nicht nur einen teuren, langen Krieg geführt. Sondern es wäre auch wieder genauso bedroht wie vor den Anschlägen des 11. September 2001.

Auch die konservative Washingtoner Heritage Foundation stellt nach 17 Jahren Präsenz in Afghanistan nicht die Sinnhaftigkeit dieses Einsatzes und von Interventionen infrage: Natürlich müssten die US-Truppen bleiben, "nirgendwo sonst steht so viel auf dem Spiel oder ist die Wirkung amerikanischer Hilfe so entscheidend wie in Afghanistan".

Applaus bekommt Trump indes aus der liberalen Ecke des politischen Spektrums: Mark Hannah, ein den Demokraten nahestehender Politanalyst, sieht den gescheiterten Afghanistan-Einsatz als Blaupause für den künftigen Kurs der USA. Interventionen seien ein Mittel von vorgestern: "Der Krieg in Afghanistan ist zu einer Mehrgenerationenübung in Absurdität geworden", schrieb Hannah in der Zeitung USA Today. Trump korrigiere nun glücklicherweise diesen Irrtum: "Die Anwendung militärischer Gewalt, um terroristische Rückzugsorte zu sprengen, ist genauso rückständig wie ineffektiv", ist Hannah überzeugt.

Auch der Harvard-Politologe Stephen Walt schlägt in diese Kerbe: Der Afghanistan-Einsatz sei der Beleg dafür, warum Interventionismus im 21. Jahrhundert für die USA nicht mehr funktioniere. Die Mission habe zwar bewiesen, dass große Mächte noch Regierungen stürzen könnten. Aber viel mehr sei deutlich geworden, dass die Besatzer an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, "legitime und stabile Institutionen zu schaffen". Einen neuen Staat aufzubauen, das hätten die Amerikaner in Afghanistan wieder einmal erkennen müssen, sei ein komplizierter Prozess - und Besatzern mangele es an "Wissen, um das effektiv zu gestalten".