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Afghanistan:Land unten

Noch immer kämpft die deutsche Auslandsvertretung in Afghanistan mit den Folgen zweier Anschläge. Einen Tag nach Ursula von der Leyen schaut nun Sigmar Gabriel vorbei - da ist die große Debatte schon angestoßen.

Außenminister Sigmar Gabriel steht auf dem Baufeld 115. Geröll knirscht unter seinen Anzugschuhen, es ist staubig. Aber hier entsteht gerade etwas: das neue Deutsche Generalkonsulat Masar-i-Scharif in Afghanistan. Äußerlich ist das nicht spektakulär, Container reihen sich an Container, sie sind zusammengeschraubt und verkabelt. Ein mausgraues Dorf aus Metall. Gabriel schreitet die Baustelle prüfend ab wie ein Ingenieur.

Es gab ja schon mal ein Generalkonsulat in Masar-i-Scharif. Aber nicht hier, im Feldlager Marmal am Rande der Stadt, wo die Bundeswehr mit knapp 800 Soldaten vertreten ist. Nicht inmitten des Soldatenlebens - mit Weihnachtsbäumen als einzigem Zeichen von Vegetation weit und breit. Und ganz viel Stacheldraht. Das erste Generalkonsulat war in der Stadt Masar-i-Scharif, untergebracht in einem ehemaligen Hotel, 14 Kilometer entfernt von diesem Lager. Dort, wo das Leben spielt. Ein stattliches Gebäude, geformt wie ein U, umgeben von großen Mauern, aber mit einem Garten. Der Außenminister, der die einzige deutsche Vertretung außerhalb Kabuls 2013 in Afghanistan eröffnete, hieß Guido Westerwelle und er kam von der FDP. Er meinte damals, das Land wäre so weit, sich voll und ganz auf den Wiederaufbau zu konzentrieren. Er wollte ein Zeichen setzen. Aber heute zerfällt das alte Gebäude. Es ist zerstört worden.

Auf die Frage, wie lange sie schon in Afghanistan seien, sagt ein Mitarbeiter: "Zu lange"

Vor einem Jahr, es war der Abend des 10. November, hatten die Taliban vor dem Gebäude Sprengstoff gezündet. Sechs Menschen starben, 120 wurden verletzt. Dann drangen Bewaffnete ins Innere ein. Einen Angriff von dieser Qualität hatte es zuvor auf eine diplomatische Vertretung nicht gegeben - mörderisch präzise war die Tat lange vorbereitet worden. Eigentlich sollte Afghanistan in die Lage versetzt werden, sich einigermaßen selbst zu schützen. Der Nato-Kampfeinsatz endete 2014. Seither geht es in der Nachfolgemission um den Aufbau und das Training der afghanischen Sicherheitskräfte. Aber sie versagten, damals im November. Und im Mai 2017 konnten sie nicht verhindern, dass bei einem Sprengstoffanschlag nahe der deutschen Botschaft in Kabul etwa 150 Menschen starben. Auch das Botschaftsgebäude wurde schwer beschädigt.

Sigmar Gabriel R SPD Bundesaussenminister laesst sich die zerstoerte Deutsche Botschaft waehren

Ausmaß der Zerstörung: Gabriel lässt sich im Helikopter die Deutsche Botschaft in Afghanistan von Botschafter Walter Hassmann (links) zeigen.

(Foto: Florian Gaertner/imago)

Im Jahr 2017 liegt Gabriels "diplomatische Infrastruktur" in Afghanistan teils immer noch in Trümmern. Es ist keine einfache Reise für den Minister. Allein deshalb nicht, weil Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) schon am Montag und Dienstag ihren vorweihnachtlichen Besuch bei den Soldaten absolviert hat und nun der Eindruck entsteht, in der geschäftsführenden Regierung mache jeder nur noch, was er wolle - und der Steuerzahler kommt am Ende für die Kosten auf.

Zwei Kabinettsmitglieder, die sich nicht besser abstimmen können. Oder wollten? Von der Leyen jedenfalls war zuerst in Afghanistan. Und die CDU-Politikerin nutzte das Treffen. Sie stieß die Debatte darüber an, ob Deutschland sich in dem Land künftig nicht wieder stärker engagieren müsse. "Mir sagen die Soldaten, aber vor allem die Ausbilder: Wir haben genug Ausbilder, wir könnten aber deutlich mehr machen, wenn wir bessere Schutzkomponenten hätten, mehr Schutzkräfte." Das Einsatzmandat wurde gerade erst um drei Monate verlängert. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Debatte kommt.

Aber Gabriel kann sich jetzt nur noch dranhängen. Am Morgen hat er einen Termin bei Brigadegeneral Wolf-Jürgen Stahl. Der ist bekannt für seine schonungslosen Analysen. Am Abend, als er Glühwein für die Soldaten spendiert, sagt Gabriel, er sei auch dafür, eine Aufstockung der Truppe zu prüfen. "Darüber werden wir jetzt reden müssen." Er sagt, Deutsche und Europäer müssten sich fragen, ob "wir glauben, dass wir besser klarkommen, wenn wir die Welt fern von uns halten, oder ob es nicht realistischer ist, dass wir uns auch in die Welt bewegen müssen." Wie das bei seinen Parteifreunden von der SPD ankommen wird, die bloß nicht den Eindruck erwecken will, sie nehme Abschied vom Abzug in Afghanistan? Wird sich noch zeigen. Viele sind ohnehin nicht gut auf Sigmar Gabriel zu sprechen, weil er seine SPD, die sich vor einer großen Koalition noch ziert, jeden Tag spüren lässt, wie gerne er weiterregieren möchte. Gabriel hat aber auch gute Gründe, nach Afghanistan zu reisen. Genau genommen ist er spät dran. Man muss sich nur mit Mitarbeitern des Generalkonsulats unterhalten, die in jener Novembernacht vor einem Jahr vier Stunden in dem Gebäude gefangen waren. Sie hatten sich vor den Angreifern verschanzt, bis es nach Stunden endlich Entwarnung gab. Krisenerprobte Mitarbeiter erzählen, dass sich vieles in ihrem Leben noch immer taub anfühle, dass sie Hilfe beim Psychologen suchten. Auf die Frage, wie lange sie in Afghanistan schon im Einsatz seien, antwortet einer: "Zu lange." Gabriel nimmt sich bei seinem Reiseprogramm Zeit für die Mitarbeiter der Botschaft und des Generalkonsulats. "Wir werden alles dafür tun, dass wir unsere Botschaft wieder voll funktionsfähig bekommen", verspricht er nach seinem Treffen mit Präsident Aschraf Ghani. Es geht jetzt tatsächlich um einen Wiederaufbau. Von Vertrauen vor allem.

Nicht mal mehr die Hälfte des einstigen Personals ist derzeit in den beiden Vertretungen eingesetzt. Gabriels Diplomaten haben angefangen, Hilfsmillionen unters Volk zu bringen, ohne allzu oft ihre geschützten Räume verlassen zu müssen. Einer in Berlin macht die Arbeit von vier Leuten draußen. "Schlanke Verwaltung" nennt das tatsächlich einer. Bis das Auswärtige Amt wieder den Personalstand von vor den beiden Anschlägen erreicht, bis Baufeld 115 keine Baustelle mehr ist, könnten noch ein bis zwei Jahre vergehen.

Gabriel geht auf Saudi-Arabien zu

Einen Monat nach dem diplomatischen Eklat mit Saudi-Arabien hat Bundesaußenminister Sigmar Gabriel seinen Ton gegenüber Riad deutlich abgeschwächt. "Meine Kommentare zur Libanon-Krise sollten kein bestimmtes Land in der Region angreifen - auch nicht Saudi-Arabien", sagte Gabriel in einem Interview der saudischen Zeitung Al-Scharq al-Awsat. Seine persönliche und politische Sorge sei lediglich auf die Bevölkerung des Libanons bezogen gewesen. Angesichts der dubiosen Rolle Saudi-Arabiens bei dem - später zurückgenommenen - Rücktritt des libanesischen Regierungschefs Saad Hariri hatte Gabriel Mitte November in Richtung Riad gesagt, "dass gemeinsam aus Europa das Signal kommen muss, dass wir das Abenteurertum, was sich in den letzten Monaten dort breit gemacht hat, nicht mehr bereit sind, einfach sprachlos hinzunehmen". Das Königreich rief daraufhin seinen Botschafter aus Berlin zurück. dpa