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Afghanistan-Krieg:USA erwägen offenbar Verhandlungen mit Taliban

Bislang hat die US-Regierung eine Versöhnung mit den Taliban ausgeschlossen. Nun ringt sie sich offenbar zu der Erkenntnis durch, dass Frieden nur gemeinsam mit den Extremisten möglich ist.

M. C. Schulte von Drach

Schon lange warnt Afghanistans Präsident Hamid Karsai, man könne die Taliban militärisch nicht besiegen. Er fordert deshalb Verhandlungen mit den islamischen Extremisten und anderen Aufständischen.

US soldier orders a man to lie on the ground during a patrol near the village of  Khersak

Bislang lehnte die US-Regierung die Idee ab, die Taliban an einer Regierung in Kabul zu beteiligen. Findet jetzt ein Umdenken statt?

(Foto: Reuters)

Sorge bereitet dem Präsidenten die Zukunft vor allem deshalb, weil die Lage am Hindukusch trotz des Einsatzes der Nato-Soldaten eher schlechter als besser wird, und die ausländischen Truppen vom Sommer 2011 an schrittweise abziehen sollen. Danach müssen afghanische Soldaten allein für Sicherheit sorgen.

Insbesondere im Weißen Haus war Karsai mit der Idee, die Taliban an der Regierung zu beteiligen, auf heftigen Widerstand gestoßen - bis er im April während eines Treffens afghanischer Stammesfürsten gedroht hatte, selbst zu den Taliban überzulaufen.

Vorwürfe der Amerikaner, die Regierung in Kabul sei korrupt und unfähig, verstummten. Karsai war in den USA plötzlich wieder gerngesehener Gast. Verhandlungen mit den Führern der Taliban aber, die gegen die bald 150.000 überwiegend amerikanischen Nato-Soldaten in Afghanistan kämpfen, blieben für die Obama-Regierung ein rotes Tuch.

Auf der internationalen Konferenz in Kabul, wo am heutigen Dienstag Vertreter aus 70 Ländern zusammenkamen, um über die Zukunft des Landes zu diskutieren, hat Karsai nun seinen Plan vorgestellt, wie 36.000 Taliban-Kämpfer dazu bewegt werden sollen, ihre Waffen niederzulegen.

600 Millionen Euro will der Präsident innerhalb von fünfeinhalb Jahren dafür ausgeben - Geld, das vor allem von den USA und zum großen Teil auch von Deutschland bereitgestellt wird. Die afghanische Regierung hofft, viele Aufständische zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu bewegen, denn die Mehrheit sei nicht ideologisch motiviert, sondern habe sich den Taliban aus einem Mangel an Perspektiven angeschlossen. Auch will Karsai mit Kommandeuren der Taliban über ein Ende der Gewalt verhandelt. Den Führern der Islamisten könnte etwa Straffreiheit und das Exil in einem Drittstaat angeboten werden.

Weiterhin umstritten war jedoch bis jetzt sein Plan, Taliban-Führern auch eine Beteiligung an der Regierung in Aussicht zu stellen. So hatte Richard Holbrooke, Barack Obamas Sonderbeauftragter für Afghanistan, unlängst erklärt, Amerika würde sich nicht an einem Versöhnungsprozess beteiligen.

Wie die britische Zeitung Guardian jetzt berichtet, hat sich die Haltung der Amerikaner gegenüber Gesprächen mit den Taliban nun verschoben. Offiziell gebe es zwar noch Widerstand gegen die Idee - doch hinter den Kulissen zeichne sich eine Veränderung ab. "Es gibt keine militärische Lösung. Das bedeutet, man muss etwas anderes finden", erklärte ein namentlich nicht genannter US-Regierungsbeamter der Zeitung. Und das "andere" seien Gespräche mit Taliban-Führern - auch über die Machtverteilung im zukünftigen Afghanistan.

Wie der Guardian schreibt, wird in Washington deshalb offenbar erwogen, nicht nur Karsai bei solchen Verhandlungen zu ermutigen, sondern unter größter Geheimhaltung und über Kanäle etwa in Pakistan oder Saudi-Arabien mit dem Gegner zu verhandeln. Die Motivation für den Strategiewechsel ist leicht zu verstehen. In der amerikanischen Bevölkerung schwindet die Unterstützung für den Kampf in Afghanistan. Auch hatte US-Präsident Obama im Wahlkampf versprochen, er wollte auch mit Amerikas Feinden reden.

Völlig unklar ist allerdings noch, auf wen sich die Bereitschaft zum Gespräch beziehen könnte. Während Afghanistans Präsident Karsai offenbar niemanden von Verhandlungen ausschließen will, dürfte es den USA schwerfallen, sich zu Gesprächen mit dem Taliban-Führer Mullah Omar zu überwinden. Omar war es, der Osama bin Laden vor dem 11. September 2001 ermöglicht hatte, Ausbildungslager für Terroristen in Afghanistan einzurichten.

Auch Gespräche mit den wichtigsten Führern der Aufständischen wie Gulbuddin Hekmatyar und Sirajuddin Haqqani dürften den Amerikanern schwerfallen. Schließlich ist es Haqqani, der seine Anhänger von Pakistan aus auf Selbstmordmissionen gegen die Nato-Soldaten schickt.

Wer auch immer in Afghanistan mit wem worüber reden wird - Hamid Karsai bleibt "entschlossen, dass unsere afghanischen Sicherheitskräfte bis 2014 für alle militärischen und strafrechtlichen Einsätze in unserem Land selbst verantwortlich sind", sagte er zu Beginn der Konferenz in Kabul.

Diese Pläne hat die Afghanistan-Konferenz in ihrer Abschlusserklärung inzwischen gebilligt. Und 50 Prozent der internationalen Finanzhilfen sollen zukünftig von der afghanischen Regierung kontrolliert werden.

© sueddeutsche.de/gba
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