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Afghanistan:Hoffnungsschimmer in Doha

Mullah Abdul Ghani Baradar

Vertreter der Taliban zu Beginn der Gespräche in Doha im September 2020.

(Foto: Hussein Sayed/AP)

Wie lässt sich nach 20 Jahren der Krieg am Hindukusch beenden? Darüber sprechen nach einer längeren Pause wieder Unterhändler der Taliban und der afghanischen Regierung. Höchste Zeit: Das Land gehört laut UN "zu den tödlichsten Gegenden in der Welt für Zivilisten".

Von Tobias Matern, München

Sie sitzen wieder zusammen. Die Unterhändler der afghanischen Regierung und der Taliban haben nach 36 Tagen Pause in Doha ihre Beratungen wieder aufgenommen. Allerdings ist es nach wie vor verfrüht, von echten Friedensverhandlungen zu sprechen. Zunächst einmal geht es in der katarischen Hauptstadt ausschließlich darum, sich auf eine Tagesordnungen zu einigen. "Echte Fortschritte" gebe es keine, räumte ein afghanisches Delegationsmitglied am Dienstagnachmittag in einer Textnachricht an die SZ ein. Aber immerhin, angesichts der Situation in Afghanistan sind die wieder aufgenommenen Runden in Doha für viele Menschen am Hindukusch zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Ansonsten lässt sich auch anhand eines neuen Berichts der UN-Mission in Afghanistan (Unama) abschätzen, wie dramatisch die Lage im Land ist: Zum siebten Mal in Folge sind in einem Jahr mehr als 3000 Zivilisten an den Folgen des Krieges gestorben, Afghanistan gehöre also weiterhin "zu den tödlichsten Gegenden in der Welt für Zivilisten", wie die UN schreiben. Ein besonderes alarmierendes Signal ist nach Einschätzung der UN, dass die Gewalt seit Beginn der Gespräche in Doha eher gestiegen ist, und nicht - wie erhofft - gesunken.

Die Taliban hatten zunächst mit den USA ein bilaterales Abkommen ausgehandelt, worin eigentlich der 30. April als Abzugsdatum der internationalen Truppen genannt wurde - wenn sich die Aufständischen an eine Reihe von Verpflichtungen hielten, darunter die Reduzierung von Gewalt. Dass sie sich allerdings nicht daran halten, afghanische Zivilisten und Sicherheitskräfte nach wie vor einen hohen Blutzoll zahlen müssen, legt nach Ansicht von Beobachtern den Schluss nahe, dass sich die Taliban ihrer Sache ziemlich sicher sind.

Die Verhandler in Doha, die von der afghanischen Regierung aus Kabul entsandt sind, haben nur wenige Druckmittel - sie repräsentieren mehrere Bereiche der afghanischen Gesellschaft, und die sehnt sich nach Frieden. Die Taliban merken, dass der westliche Rückhalt für diesen 20 Jahre alten Krieg gesunken ist. Auch wenn Washington und die Nato-Verbündeten Signale aussenden, den Einsatz auch über den April hinaus zu verlängern, geht es nicht mehr um eine Kampfmission, die den Taliban militärisch etwas abverlangen würde, sondern darum, dass die afghanischen Sicherheitskräfte nicht noch weiter in die Defensive geraten.

2020 hätte das Jahr des Friedens in Afghanistan werden können. Stattdessen starben Tausende afghanische Zivilisten durch den Konflikt, sagte Deborah Lyons, Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Afghanistan, bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag. Insgesamt sei die Zahl ziviler Opfer 2020 im Vorjahresvergleich aber zurückgegangen. Unama registrierte im vergangenen Jahr insgesamt 3035 getötete und 5785 verwundete Zivilisten im Afghanistankonflikt. Dies entspreche einem Rückgang von 15 Prozent im Vergleich zu 2019. Aber die UN-Mission verzeichnete erstmals einen Anstieg der Gewalt im vierten Quartal im Vergleich zum dritten - also genau in dem Zeitraum, in dem die Gespräche in Doha begonnen haben. Unter den Opfer seien etwa 30 Prozent Kinder, heißt es in dem UN-Bericht.

Die neue US-Regierung will sich das von den Trump-Leuten mit den Taliban geschlossene Abkommen genau anschauen, und dann den Truppenabzug gegebenenfalls verschieben. Die Bundesregierung gab am Dienstag grünes Licht für eine Verlängerung des Einsatzes der Bundeswehr. "Wir werden morgen im Kabinett den Vorschlag beschließen, den wir dem Parlament vorlegen wollen, zur Verlängerung des Mandates", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer am Dienstagabend in Berlin. Der Einsatz solle nun bis zum 31. Januar 2022 dauern und werde sich in den personellen Obergrenzen des bisherigen Mandats bewegen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Taliban einen Verbleib über den 30.4. hinaus zum Anlass nehmen, um das Agreement der Gewalt-Reduktion (...) aufzukündigen", sagte sie. Es sei mit einer verstärkten Bedrohung zu rechnen, "die einen anderen Einsatz erforderlich macht".

Die Taliban hatten sich in der Vereinbarung dazu verpflichtet, ihren Teil dazu beizutragen, dass von afghanischem Boden keine Terrorgefahr mehr ausgeht. Der afghanische Präsident Ashraf Ghani betonte, dass er einem Ansinnen der Taliban, zunächst eine Übergangsregierung in Kabul zu bilden, nicht nachgeben werde. Die künftige Regierung werde in Wahlen bestimmt, sagte Ghani der BBC. Er zeigt sich erleichtert, dass die internationale Gemeinschaft im Umgang mit Afghanistan weitgehend an einem Strang ziehe. Dieser gemeinschaftliche Ansatz sei ein wichtiger Garant, "um Tragödien zu vermeiden". Er wisse um die Ängste der Menschen, die ein Abdriften in den Bürgerkrieg fürchten. Aber Afghanistan sei nicht Vietnam, seine Regierung stehe nicht vor dem Kollaps. Allerdings dauert der US-Einsatz in Afghanistan inzwischen länger als der Vietnamkrieg. Ein Friede zeichnet sich nicht ab.

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