Afghanistan:Mit Drohnen gegen Terroristen

Afghanistan

Talibankämpfer begutachten ein Auto, aus dem am Montag in Kabul Raketen auf den Flughafen abgefeuert wurden. Fünf der Flugkörper wurden abgefangen. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag. Zuvor hatten die USA ein Selbstmordattentat verhindert.

(Foto: Wakil Kohsar/AFP)

Der sogenannte Islamische Staat greift mit Selbstmordattentätern und Raketen den Flughafen Kabul an. Die jüngsten Attacken zeigen, wie schwer er zu sichern sein wird - und vor welchen Problemen die USA nach ihrem Abzug stehen.

Von Paul-Anton Krüger, Berlin

Drei akute Bedrohungen hatte das US-Militär für den Hamid Karzai International Airport gesehen. Mit dem Raketenangriff auf den Flughafen von Kabul am Montagmorgen haben sich alle drei Befürchtungen bewahrheitet. Zuerst das verheerende Selbstmordattentat der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vom Donnerstag mit mehr als 180 Toten, bei dem Schützen mit automatischen Waffen das Chaos nach der Detonation nutzten, um noch mehr Menschen zu ermorden.

Am Sonntag dann ein versuchter Selbstmordanschlag mit einer Autobombe, im Militärjargon SVBIED genannt, gefürchtete Mordwaffe der Dschihadisten schon im Irak, weil die Fahrzeuge mit Kleinwaffen oder Panzerfäusten oft nicht zu stoppen sind. Eine US-Drohne griff mit einer Rakete das Auto an, in dem sich laut den Taliban drei Selbstmordattentäter befanden. Laut dem US-Militär hatten sie sich dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt genähert und stellten eine unmittelbare Bedrohung dar.

Der Sprengstoff, den die Terroristen in das Auto gepackt hatten, detonierte in einer massiven zweiten Explosion. Der lokale TV-Sender Tolo News berichtete am Montag, es seien mindestens zehn Zivilisten getötet worden, unter ihnen Kinder. Das US-Militär untersuchte das noch.

Als drittes nun noch Raketen. Ein am Flughafen stationiertes taktisches Abwehrsystem fing dem Pentagon in Washington zufolge einen der fünf Flugkörper ab, die aus einem Auto heraus abgefeuert worden waren. Eine Rakete sei auf dem Flughafengelände eingeschlagen, habe aber niemanden gefährdet, sagte Generalmajor William Taylor. Drei seien außerhalb des Geländes gelandet, eine der Raketen zerstörte ein Auto; Anwohner berichteten zudem, ihre Häuser seien von Schrapnells getroffen worden. Der IS erklärte, auch dieser Raketenangriff gehe auf sein Konto. Taliban-Kämpfer inspizierten das ausgebrannte Fahrzeug, von dem die Flugkörper gestartet wurden, auf einer Straße mitten in der Stadt - verhindert haben sie die Attacke nicht.

Was sich daraus schon ablesen lässt: Die Sicherung des Flughafens von Kabul, die Bedingung wäre, um ihn zivil weiter betreiben zu können, ist schwierig. Selbst wenn die Taliban die Hauptstadt besser in den Griff bekommen würden. Die Türkei, die vor dem Kollaps der afghanischen Regierung den Betrieb vom US-Militär übernehmen sollte, sieht darin das größte Hindernis.

Wer soll den Flughafen sichern?

Ohne eigene Sicherheitspräsenz, heißt es in Ankara, sei die inzwischen auch von den Taliban erbetene technische Hilfeleistung kaum zu machen. "Wie können wir die Sicherheit den Taliban überantworten?", fragte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Sonntagabend. "Wie würden wir es der Welt erklären, wenn sie die Sicherheit übernehmen, und es dann dort zu einem weiteren Blutbad kommt? Das ist kein einfacher Job!"

Zum Schutz des Geländes, das für Raketen und Mörsergranaten ein einfaches Ziel ist, käme die Kontrolle der Passagiere in den Terminals und bei der Abfertigung des Gepäcks, damit sich keine Attentäter einschleichen können oder Bomben in ein Flugzeug geschmuggelt werden können. Beschuss mit Raketen ist zudem eine Bedrohung für startende und landende Maschinen. Die Amerikaner haben Drohnen und geheimdienstliche Mittel eingesetzt, um die Lage zu überwachen - den Anschlag am Donnerstag vor einem der Eingangstore konnten sie dennoch nicht verhindern.

Als denkbar gilt der Einsatz ehemaliger türkischer Soldaten. Frankreich und Großbritannien haben überdies die Idee einer UN-Sicherheitszone in Kabul aufgebracht, die auch Schutzbedürftigen weiter einen Weg aus Afghanistan heraus bieten soll - völlig unklar ist aber noch, wer diese Zone sichern soll. Die Vereinten Nationen selbst? Militär aus muslimischen Staaten? Bislang lehnen die Taliban jegliche ausländische Militärpräsenz ab. Deswegen hatte auch das Nato-Mitglied Türkei seine Soldaten abgezogen.

Laut dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu müssten am Flughafen sowohl die Rollbahnen als auch die Terminals und der Tower instand gesetzt werden, weil sie teils schwer beschädigt sind. Dafür sei "Personal nötig und auch Ausrüstung", sagte er - auch jene zur Abwicklung des Flugverkehrs, die etliche Millionen kosten würde. Ob die Türkei bereit ist, unter den derzeitigen Bedingungen beides nach Afghanistan zu schicken, ist offen. Auch Katar, das in seiner Hauptstadt Doha nach wie vor einen Teil des politischen Büros der Taliban beherbergt, ist in die Verhandlungen einbezogen.

Ein Sprecher der nach wie vor offiziell als Terrororganisation eingestuften Extremistengruppe sagte, es sei noch nicht klar, ob man überhaupt die Türkei oder Katar brauche, um den Flughafen zu betreiben. Nach seinen Worten verfügen die Taliban über ein Expertenteam, das in der Lage sei, die Technik zu bedienen.

Drohnen können menschliche Beobachter nicht ersetzen

Und noch eines zeichnet sich nach den Attacken auf den Flughafen zumindest in Umrissen bereits ab: Wie die USA künftig versuchen könnten, den IS in Afghanistan zu bekämpfen, der anders als die Taliban Ziele über das Land hinaus verfolgt. Der Vergeltungsangriff auf zwei Kader des Islamischen Staats, die für die Planung des Selbstmordanschlags vom Donnerstag verantwortlich sein sollen, gilt als Muster: Sie wurden am Sonntag bei einem Drohnenangriff getötet, bei dem eine spezielle Rakete zum Einsatz kam.

Die Hellfire RX9 trägt keinen gewöhnlichen Gefechtskopf, der mit Sprengstoff bestückt ist. Sie triff ihr Ziel allein mit der kinetischen Energie und sechs Metallklingen, die kurz vor dem Einschlag aus der Rakete ausfahren. Das soll vermeiden, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen. Videoaufnahmen von dem Ort des Angriffs zeigen das Tuk-Tuk, ein dreirädriges Gefährt, mit dem die Männer unterwegs waren - es ist anders als bei einem normalen Raketentreffer noch einigermaßen intakt.

Allerdings haben sich die USA bislang im Kampf gegen Terrorismus in Afghanistan wesentlich auf Informationen von Geheimdienstlern und Soldaten im Land gestützt, auf Hinweise der afghanischen Sicherheitskräfte. All das fehlt künftig. Das Bild über die Lage außerhalb von Kabul beginnt bereits, sich einzutrüben. Satelliten, Drohnen und Kommunikationsüberwachung können ein Netz menschlicher Quellen nicht gleichwertig ersetzen.

Eine Option, die im Raum steht, ist, die Taliban im Kampf gegen den noch weit extremeren IS zu unterstützen. Die US-Streitkräfte haben in begrenztem Umfang Erkenntnisse über den Ableger, der sich selbst "Provinz Khorasan" nennt, an die Taliban weitergegeben, wie der Befehlshaber des für Afghanistan und den Nahen Osten zuständigen Regionalkommandos des US-Militärs, General Kenneth McKenzie, jüngst einräumte.

Allerdings haben die Taliban selbst eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern über den endgültigen Abzug an diesem Dienstag hinaus abgelehnt und auch die Drohnenangriffe kritisiert. Die Taliban seien in der Lage, der Bevölkerung Sicherheit zu garantieren und präzise und zuverlässige Informationen über Terrorgruppen wie den IS zu sammeln und diese zu bekämpfen, sagte einer ihrer Sprecher, Zabihullah Mujahid. Mit dem IS sind die Taliban verfeindet. Zum Terrornetzwerk al-Qaida dagegen, das ebenfalls in Afghanistan präsent ist, halten einige von ihnen weiter enge Kontakte.

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