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Afghanistan:Hoffen zum Opferfest

Händler in Kabul verkaufen zum Opferfest Schafe. Das Fleisch wird häufig an Bedürftige verteilt.

(Foto: Rahmat Gul/AP)

In dem kriegsgebeutelten Land besteht während des Eid al-Adha Aussicht auf drei Tage Waffenruhe. Für die Menschen dort ist das nicht wenig. Ein Friede mit den Taliban aber scheint weiterhin fern zu sein.

Von Tobias Matern

Drei Tage, das klingt nach einer kurzen Zeit. Aber für Afghanistan sind drei Tage ohne Waffengewalt eine lange Phase, weil für die Menschen sonst eigentlich immer die Gefahr besteht, zwischen die Fronten zu geraten. Drei Tage zum Luftholen, für die Menschen am Hindukusch ist das ein Grund zur Hoffnung. Denn der Krieg ist auch 19 Jahre nach dem Einmarsch des Westens nicht nur für die Soldaten und Kämpfer der Taliban verheerend, sondern vor allem auch für die unbeteiligten Frauen, Männer und Kinder des Landes eine Qual: 1282 Zivilisten starben nach aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen allein in der ersten Jahreshälfte.

Die Taliban haben nun zum islamischen Opferfest versprochen, das Angebot der Regierung von Präsident Aschraf Ghani anzunehmen und die Waffen von Freitag an kurzzeitig schweigen zu lassen. Zumindest haben sie betont, sich nur noch bei Angriffen verteidigen zu wollen. Ist er das, der ersehnte Schritt Richtung eines dauerhaften Friedens? In Kabul überwiegt die Skepsis. Bereits im Mai hatte es eine dreitätige Waffenruhe gegeben, doch danach war der Konflikt wieder mit aller Härte entbrannt. "Wir können das zwar als Geste des guten Willens werten, aber wir wissen nicht, ob die Waffenruhe verlängert wird, weil es immer noch keine Friedensgespräche gibt", sagt ein Bewohner Kabuls, der aus Furcht vor Repressionen nicht mit seinem Namen in der Zeitung genannt werden will.

Eine innerafghanische Aussöhnung ist nicht in Sicht

Zwar haben die USA und die Taliban bereits Ende Februar in Katar eine Vereinbarung getroffen, wonach die westlichen Soldaten im Frühjahr 2021 das Land verlassen und die Islamisten im Gegenzug ihren Teil dazu beitragen sollen, dass von Afghanistan keine Terrorgefahr mehr ausgeht. Doch eine innerafghanische Aussöhnung ist weiterhin nicht in Sicht.

Dafür gibt es aus Sicht von Thomas Ruttig, einem der renommiertesten Afghanistan-Experten, zahlreiche Gründe: "Unklare Formulierungen im US-Taliban-Abkommen über den als vertrauensbildende Maßnahme gedachten Gefangenenaustausch haben zu Verzögerungen geführt", führt der Co-Chef des Kabuler Afghanistan Analysts Network (AAN) nur als einen der vielen Punkte an. In dem US-Taliban-Deal war die Rede davon, dass die afghanische Regierung "bis zu 5000" gefangene Taliban freilassen muss, was die Islamisten, wie Ruttig betont, in ihrem Sinne interpretiert haben: Dass diese Zahl bislang noch nicht in Gänze erreicht ist, nehmen sie der Regierung übel.

Der zentrale Webfehler des US-Taliban-Abkommens war jedoch, dass Präsident Ghani an den Gesprächen nicht teilnehmen durfte. Erst wollten die Taliban mit den USA einen Vertrag schließen, und die Amerikaner haben sich, getrieben vom Wunsch, Afghanistan verlassen zu können, darauf eingelassen. Nun muss die afghanische Regierung, basierend auf dieser Übereinkunft, das Gespräch mit den Islamisten aufnehmen - ein strategischer Vorteil für die Aufständischen. Es mangele "generell an Vertrauen" zwischen den Taliban und Ghanis Mannschaft, sagt Ruttig. Zudem verzögert aus seiner Sicht die Regierung den Gesprächsbeginn, "wohl in der Hoffnung, ein Wahlsieg Joe Bidens in den USA im November könnte die Gefahr eines drohenden US-Totalabzugs abwenden und neuen Verhandlungsspielraum bringen". Was passiert aber, wenn Trump die Wahl gewinnt und bis Frühjahr 2021 kein Frieden in Afghanistan herrscht? Unter Beobachtern gilt es als ausgemacht, dass der Präsident, der weder für Detailtreue noch für seine Geduld bekannt ist, die Truppen abziehen wird, auch wenn der Konflikt bis zum angepeilten, eigentlich an Bedingungen geknüpften Abzugstermin anhält. Die Regierung Ghani brächte das in Nöte, verlöre sie doch ihre Schutzmacht.

Den Islamisten spielt vieles in die Hände. Auch die Zeit und der Streit in Kabul

Für die Taliban ist die Situation komfortabel, seit ihrem Abkommen mit den USA können sie weiter auf die "Marionettenregierung Ghani" schimpfen und ihre Verhandlungsposition stärken. Schließlich ist der Faktor Zeit auf ihrer Seite. Nach Ruttigs Einschätzung sind die Islamisten zwar Verhandlungen grundsätzlich nicht abgeneigt, auch gebe es keine Fraktionen in ihren Reihen, die den Prozess unterlaufen wollten. Sie betrieben aber eine "Interessenspolitik, ihnen wäre es wohl lieber, die Regierung in Kabul bricht auseinander im Falle eines US-Abzugs und die Macht würde ihnen in die Hände fallen". Ein Horrorszenario wäre das für die Mehrheit der Afghanen, die eine Reihe gesellschaftlicher Fortschritte in Gefahr sehen, wenn die Islamisten wieder das Ruder in Kabul übernehmen. Aber eine gänzlich unrealistische Perspektive ist das nicht mehr. Verhandlungen mit der Regierung Ghani sind aus Sicht der Taliban aus Ruttigs Sicht "ein realistischer Plan B", solange sie ihre Maximalhoffnung nicht erfüllt bekommen.

Auch die politische Instabilität in Kabul spielt den Taliban in die Hände. Präsident Ghani hat bereits in der vergangenen Legislaturperiode einen Burgfrieden mit seinem politischen Rivalen Abdullah Abdullah geschlossen, der allerdings zu keiner geschlossenen Regierungsfront, sondern einer weitgehenden Lähmung in Kabul führte. Nach den Präsidentschaftswahlen im September stritten beide Politiker monatelang über das Ergebnis. Höhepunkt war, dass sie sich in parallelen Zeremonien zum Präsidenten vereidigen ließen.

Inzwischen hat Abdullah einen Rückzieher gemacht und den Chefposten des Hohen Friedensrates bekommen, der die Verhandlungen mit den Taliban führen soll. Allerdings steht weder fest, ob sich die Islamisten mit der zerstrittenen Regierung auf Friedensgespräche einlassen, noch ist klar, "ob die verschiedenen politischen Lager in Kabul in der Lage und überhaupt willens sind, untereinander die Macht zu teilen", wie Ruttig sagt. Aber ohne diese Einigung zwischen Ghanis und Abdullahs Fraktion wird es auch keine geschlossene Haltung gegenüber den Taliban geben können. So können die Menschen in Afghanistan zwar wenigstens auf ein gewaltfreies Opferfest hoffen, aber ein dauerhafter Frieden in ihrem Land ist nicht in Sicht.

© SZ vom 30.07.2020

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