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Abzug der Bundeswehr: "Sie fürchten um ihre Sicherheit und ihr Leben" 

Kabul Afghanistan Bundeswehr ISAF Fusspatrouille in einem Dorf 13 09 2004 Kabul Afghanistan A

Sie packen bereits: Deutsche Soldaten, hier in einem Dorf bei Kabul, könnten schon bis Ende Juli Afghanistan verlassen haben.

(Foto: Stefan Trappe/imago)

In Afghanistan drohen einheimischen Mitarbeitern der Bundeswehr und anderer deutscher Dienststellen Gefahren. Die Bundesrepublik müsse sie nun schnell aufnehmen, fordern Experten.

Von Joachim Käppner

Der internationale Afghanistan-Einsatz wird bald enden, auch die Bundeswehr packt bereits. Was aber erwartet jene Menschen dort, die für die westlichen Truppen und Aufbauhelfer gearbeitet haben? Ein breites Bündnis, das von Entwicklungshelfern bis zu früheren Generälen reicht, fordert die zuständigen Bundesministerien jetzt auf, eine zügige und unbürokratische Aufnahme dieser "Ortskräfte" genannten Menschen in Deutschland zu ermöglichen. Es sei nötig, jene Personen in Sicherheit zu bringen, "die oft viele Jahre für die Bundeswehr, die deutsche Polizeiausbildungsmission, diplomatische Missionen und die staatlichen Zwecke der Entwicklungszusammenarbeit u.a. tätig waren - als Dolmetscherinnen und Dolmetscher, qualifiziertes Fachpersonal, Wachleute und Hilfskräfte. Sie fürchten um ihre Sicherheit und ihr Leben."

Womöglich wird der Abzug der Bundeswehr schon Ende Juli beendet sein. Umso mehr drängt die Zeit, so die Unterzeichner des am Freitag veröffentlichten Aufrufs. Er geht zurück auf eine Initiative der Afghanistan-Experten Michael Daxner und Thomas Ruttig sowie Bernd Mesovic, ehemals Pro Asyl, und des früheren grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei.

Zwar gibt es bereits ein staatliches Aufnahmeprogramm, "doch dieses ist viel zu bürokratisch und langwierig", sagte Thomas Ruttig der SZ, "es gibt Fälle, die schon seit Jahren verhandelt werden". Der Grund dafür ist meistens, dass Ortskräfte eine, wie es heißt, individuelle Gefährdungsanzeige bei ihren deutschen Vorgesetzten abgeben müssen. Darin ist nachzuweisen, dass sie durch die Taliban oder andere extremistische Kräfte deshalb bedroht werden, weil sie für deutsche Dienststellen arbeiten. Ein solcher Nachweis ist selten möglich, da nächtliche Anrufe oder Drohungen auf Social Media meist anonym sind und die Polizei, selbst wenn sie es versucht, die Täter selten findet.

Ruttig geht davon aus, "dass die Taliban ein ausgedehntes Netz von Informanten haben, welche die afghanischen Mitarbeiter des Westens systematisch ausspionieren", oft schon auf dem Heimweg von der Arbeit. Nach US-Schätzungen sollen über 300 einheimische Helfer der internationalen Gemeinschaft während des gut 20-jährigen Afghanistaneinsatzes getötet worden sein.

Was wird aus der afghanischen Zivilgesellschaft?

Dem Aufruf zufolge habe Deutschland 2013/14 während des Abzugs der Nato-Kampftruppen, dem die Ausbildungsmission "Resolute Support" folgte, gut 800 Ortskräfte aufgenommen, seither aber nur noch 15. Einem Plan des Bundesinnesinnenministeriums, für die verbleibenden Helfer und ihre Familien in Kabul ein Prüfbüro einzurichten, in dem über die Einzelfälle verhandelt wird, lehnt die Initiative als viel zu gefährlich ab: "Das ist nicht durchdacht", sagte Ruttig, "und viel zu gefährlich. Jeder weiß doch bald, wo ein solches Büro ist; dann sammeln sich zahlreiche Menschen davor, die ein leichtes Ziel für einen Anschlag wären." Ruttig zufolge geht es um eine niedrige vierstellige Zahl von Personen, denen man rasch und ohne langwierige Prozeduren den Weg nach Deutschland öffnen solle.

Zu den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen gehören der frühere Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD), der Ex-Befehlshaber des Einsatzführungskommandos Rainer L. Glatz, der ehemalige UN-Sondergesandte für Afghanistan Tom Koenigs, die frühere Staatsministerin im Auswärtigen Amt Kerstin Müller (Grüne) sowie weitere Politiker, Diplomaten, Ex-Soldaten, Hochschulprofessoren und Journalisten.

Weit über die Ortskräfte hinaus sieht Ruttig ein viel größeres Problem: das Schicksal der afghanischen Zivilgesellschaft überhaupt, die sich seit dem Sturz der Taliban 2002 trotz Korruption und Gewalt herausgebildet hat. Viele Menschen, die beim Aufbau des Landes mitwirken, sind in Deutschland ausgebildet worden. Ruttig: "Sie haben darauf vertraut, dass die internationale Koalition sie nicht eines Tages einfach im Stich lässt - und genau das geschieht gerade."

© SZ/bepe
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