Afghanistan:Handshake der Hoffnung 

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Ob nach der Vereinbarung von Doha die Aussöhnung zwischen Taliban und der Regierung in Kabul gelingt, ist noch ungewiss.

Von Tobias Matern und Aimal Yaqubi, München/Kabul

Mullah Abdul Ghani Baradar, the leader of the Taliban delegation, and Zalmay Khalilzad, U.S. envoy for peace in Afghanistan, shake hands after signing an agreement at a ceremony between members of Afghanistan's Taliban and the U.S. in Doha

„Alles verändern“: Der US-Diplomat Zalmay Khalilzad und der Taliban-Verhandlungsführer Mullah Abdul Ghani Baradar in Doha.

(Foto: Ibrahem Alomari/REUTERS)

Für Ghizal Haseeb war es ein aufregender Tag. Sie habe gebannt im Fernsehen verfolgt, wie knapp 4000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt dieser Vertrag unterschrieben worden sei, sagt sie. "Das sind nicht einfach nur ein paar Blätter Papier, das ist eine Vereinbarung, die das Schicksal der afghanischen Bevölkerung beeinflusst", ist sich die 23 Jahre alte Frau sicher.

In Doha haben sich der amerikanische Diplomat Zalmay Khalilzad und der Taliban-Verhandlungsführer Mullah Abdul Ghani Baradar am Wochenende in einem Hotel die Hand geschüttelt. Auch US-Außenminister Mike Pompeo war anwesend, als sie die Vereinbarung unterzeichneten: Nach mehr als 18 Jahren Krieg in Afghanistan soll die Gewalt enden. Die USA und in ihrem Gefolge alle westlichen Soldaten verpflichten sich unter Bedingungen bis Ende April 2021 das Land zu verlassen. Die Taliban versichern im Gegenzug, ihren Teil dazu beizutragen, dass Afghanistan für Terroristen kein sicherer Rückzugsort mehr wird.

Für Ghizal Haseeb bietet dieser Tag eine neue Perspektive: auf ein Leben, das nicht mehr von Unsicherheit geprägt ist. Doha "könnte alles verändern", sagt sie. "Ich hoffe, dass dieser Deal uns einen umfassenden Frieden bringt und wir nicht mehr die Geräusche von abgefeuerten Kugeln hören, keine Selbstmordanschläge mehr erleben müssen. Ich will, dass jeder Mensch in Afghanistan ohne Angst zur Arbeit oder in die Schule gehen kann." Dass sich ihre Wünsche erfüllen, ist alles andere als gewiss. Denn in Doha haben in den vergangenen eineinhalb Jahren nur die USA und die Islamisten verhandelt. Die afghanische Regierung blieb dabei außen vor.

Dieser für Afghanistan entscheidende nächste Schritt - er soll erst jetzt beginnen. Zwar betonen die Amerikaner, sie würden ihren Abzug daran koppeln, ob sich die Taliban an die Vereinbarungen hielten - so sollen eigentlich innerhalb von zehn Tagen die Gespräche zwischen der Regierung von Präsident Aschraf Ghani und den Taliban beginnen. Dennoch kann niemand seriös vorhersagen, ob eine Aussöhnung zwischen den Taliban und Kabul gelingen wird. So will Ghanis Sprecher auch noch nicht von einem historischen Tag in Doha sprechen. Er nennt ihn lieber "einen wichtigen Schritt in Richtung unseres Friedensprozesses".

Schließlich gibt es in Afghanistan auch noch keinen Konsens zwischen den politischen Fraktionen. Seit der Wiederwahl von Präsident Ghani ist sein bisheriger Regierungspartner Abdullah Abdullah davon überzeugt, bei der Abstimmung betrogen worden zu sein. Abdullah will nun eine Parallel-Regierung auf die Beine stellen: Das sind ungünstige Vorzeichen für einen geschlossenen politischen Block, der sich den Taliban in Verhandlungen entgegenstellt.

In Sorge sind vor allem die Frauen: Was passiert, wenn die Taliban zurückkehren?

Doch vom politischen Chaos will sich Ghizal Haseeb gerade nicht die Laune verderben lassen. Die Studentin ist zu Zeiten des Taliban-Regimes geboren worden, und sie war noch ein kleines Kind, als Osama bin Laden von Afghanistan aus die Anschläge auf die USA am 11. September 2001 orchestrierte. Bald darauf kamen die amerikanischen Soldaten in ihr Land, um im Auftrag der Regierung von George W. Bush Rache zu üben und die Jagd auf Bin Laden zu beginnen. Die Taliban hatten die hochgerüsteten westlichen Truppen bald aus Kabul vertrieben. Doch was lang fehlte, war ein Plan für den Aufbau einer geschundenen Nation.

Die Taliban konnten sich von Pakistan aus neu gruppieren. Sie waren zwar nie so stark, Kabul wieder komplett einzunehmen. Aber die bis zu 150 000 ausländischen Soldaten, die zeitweilig am Hindukusch stationiert waren, konnten die Islamisten auch nicht bezwingen. So war dieser Krieg - der längste Einsatz der US-Geschichte - seit Jahren in einer Pattsituation. Donald Trump betont nun voller Stolz, er sei es, der die Afghanistan-Mission beende und die Soldaten endlich nach Hause hole. Die Taliban ihrerseits inszenieren sich als Gruppierung, die der Supermacht die Stirn geboten und die ausländischen Besatzer zum Abzug bewogen habe.

Beide Versionen sind nicht falsch, aber entscheidender für Afghaninnen wie Ghizal Hasseeb ist die Frage, wie es nun mit ihrem Land weitergeht. Dass die junge Frau in Kabul Betriebswirtschaftslehre studieren kann, wäre zu Zeiten des Taliban-Regimes undenkbar gewesen. Frauen durften nicht am öffentlichen Leben teilhaben. "Werden die Taliban die Frauen so wie früher behandeln? Oder werden sie die Errungenschaften respektieren, die wir erreicht haben? Können wir weiter ohne Einschränkungen arbeiten und studieren?", fragt sie. Eine Antwort darauf hat im Moment noch niemand für sie parat.

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