Süddeutsche Zeitung

Pakistan:Zurück ins Nichts

1,7 Millionen afghanische Flüchtlinge müssen Pakistan bis 1. November verlassen, diese Frist setzt die Regierung. Sie können aber nur wieder nach Afghanistan, wo die Taliban herrschen, vor denen sie geflohen sind.

Von David Pfeifer, Bangkok

Sie kommen nun in Lastwagen und Bussen an den Grenzstationen in Belutschistan und Khyber Pakhtunkhwa an, die Afghanen, die Pakistan verlassen müssen. Ganze Familien sind es, auch Kinder, die bereits in Pakistan geboren sind. Am 1. November lief die Frist ab, bis zu der alle illegalen Flüchtlinge und Migranten das Land freiwillig verlassen sollten. Betroffen sind etwa 1,7 Millionen Afghanen, die in den vergangenen vier Jahrzehnten geflohen sind, zuerst vor der sowjetischen Invasion, dann vor den Taliban.

Nach Angaben der Taliban-Regierung in Afghanistan kehrten zwischen dem 23. September und dem 22. Oktober bereits 60 000 Afghanen aus Pakistan zurück. Seit Wochen zeigt das staatliche Fernsehen in Pakistan den Countdown bis 1. November an. Die Regierung hat Abschiebezentren eingerichtet, in denen die Migranten bis zu ihrer Rückführung festgehalten werden. Innenminister Sarfraz Bugti bestritt am Montag, dass diese Rückführungsaktion gegen die Afghanen gerichtet sei. "Der Eindruck, dass nur Menschen aus Afghanistan ausgewiesen werden, ist falsch", sagte er auf einer Pressekonferenz. Er sagte aber auch: "Die meisten Menschen ohne Papiere stammen aus Afghanistan."

Bis zu vier Millionen Afghanen sind im Nachbarland

Pakistan beherbergt mehr als vier Millionen afghanische Flüchtlinge, alleine seit der letzten Machtübernahme der Taliban 2021 wanderten zwischen 600 000 und 800 000 neu ein. Nun setze die Regierung in Islamabad "Drohungen, Missbrauch und Inhaftierung ein, um afghanische Asylbewerber ohne legalen Status zu zwingen, nach Afghanistan zurückzukehren oder abgeschoben zu werden", sagte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in einem Statement.

Die harte Abschiebung ist vor allem eine Reaktion auf die steigende Zahl von Terroranschlägen in Pakistan. "Seit Januar dieses Jahres gab es 24 Selbstmordattentate, von denen 14 von afghanischen Staatsangehörigen verübt wurden", sagte Innenminister Bugti am 3. Oktober, als er den Rückführungsplan ankündigte. Insgesamt wurden in Pakistan in diesem Jahr mehr als 300 Anschläge gemeldet, vor allem in den an Afghanistan grenzenden Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan. Dort, wo die Paschtunen zu Hause sind, von denen einige Afghanen und einige Pakistaner sind. Aus denen sich aber auch die Taliban beider Länder rekrutieren. Islamabad macht sie auch für Schmuggel und Erpressungen verantwortlich.

Das Problem für die überwiegende Mehrzahl der anderen Afghanen: Sie haben in ihrer alten Heimat nichts mehr. Sie mussten alles zurücklassen, als sie flohen. Und die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation hat sich seitdem noch dramatisch verschlechtert. Mumtaz Zahra Baloch, die Sprecherin des Außenministeriums in Islamabad, schrieb in einer Erklärung: "Unsere Bilanz der vergangenen 40 Jahre bei der Aufnahme von Millionen unserer afghanischen Brüder und Schwestern spricht für sich selbst."

Kein Land hat mehr Geflüchtete aus Afghanistan aufgenommen als Pakistan, unter ihnen auch Ortskräfte und besonders schutzbedürftige Personen, die eigentlich nach Deutschland weiterwollen. Mehr 3000 von ihnen sitzen noch in Pakistan fest, doch "die Prozesse bei den deutschen Behörden dauern so lange, dass deren pakistanische Visa ablaufen - und seit 1. November können sie nun theoretisch nach Afghanistan abgeschoben werden, wo sie um ihr Leben fürchten müssen", sagt Eva Beyer, die ein Safe House für die Organisation "Kabul Luftbrücke" in Islamabad führt. Tatsächliche Ausreisen im vergangenen Jahr: 18.

Die Regierung in Islamabad verweist darauf, dass sie mit einer Rekordinflation und einem strengen Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds zu kämpfen hat - und dass illegale Migranten seit Jahrzehnten Ressourcen aufzehren. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und die Internationale Organisation für Migration hingegen warnen, die pakistanischen Pläne würden zu "ernsthaften Schutzrisiken" für Frauen und Mädchen führen, die zur Ausreise gezwungen sind.

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