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Afghanistan:Erste Friedensgespräche mit Taliban

Die Hoffnungen der Menschen in Afghanistan auf ein Ende der Auseinandersetzungen sind ebenso groß wie die Stolpersteine auf dem Weg zu einer Einigung.

Von Tobias Matern

Doha hosts intra-Afghan talks

Mullah Baradar, Verhandlungsführer der Taliban in Doha, fordert die Rückkehr Afghanistans zu einem islamischen System.

(Foto: Ibraheem Al Omari/REUTERS)

Gebannt verfolgen die Menschen in Afghanistan die Treffen, am Fernseher und über die sozialen Netzwerke. "Wir hoffen alle darauf, dass die Gespräche gut verlaufen und in einen dauerhaften Frieden münden", schreibt ein Bewohner Kabuls in einem Whatsapp-Chat der Süddeutschen Zeitung. Auch der afghanische Nachrichtensender Tolonews sammelt zahlreiche Stimmen von Afghaninnen und Afghanen, immer fallen die Worte "Frieden" und "Hoffnung".

Die Erwartungen an das Treffen zwischen Vertretern der Regierung und den Taliban sind riesig. Allein die Tatsache, dass sie am Wochenende nach monatelanger Verzögerung und konstant bleibender Gewalt in der katarischen Hauptstadt Doha zu ersten Gesprächen an einem Tisch zusammensitzen, beflügelt die Menschen in Afghanistan. Auch wenn der Auftakt nicht mehr war als ein erstes Kennenlernen, ein Abtasten. Endet nun, fragen sich die Afghaninnen und Afghanen, nach 19 Jahren westlicher Besatzung und 40 Jahren Dauerkonflikt der Krieg in ihrem Land?

Abdullah Abdullah, Chefverhandler der afghanischen Regierung, gibt sich in Doha optimistisch, dass dieses Wochenende als Anfang vom Ende der Gewalt in die Geschichte des Landes eingehen könne. "Im Krieg gibt es keine Gewinner", sagt er. Aber der zweitmächtigste Politiker hinter Präsident Aschraf Ghani kennt auch die Erwartungen seiner Landsleute. Er dämpft ein wenig die Hoffnungen. Von einem umfassenden Waffenstillstand spricht er nicht, zunächst einmal hoffe er auf eine deutliche Reduzierung der Gewalt. Abdullah sagt auch, sein Verhandlungsteam stehe für ein politisches System, "das von Millionen Männern und Frauen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen und ethnischen Hintergründen in unserem Heimatland unterstützt wird" - das heißt: die demokratischen Fortschritte Afghanistans dürften nicht infrage gestellt werden. Aber genau darin könnte ein Knackpunkt liegen. Taliban-Verhandlungsführer Mullah Baradar betont denn auch, Afghanistan solle ein "unabhängiges, geeintes" Land mit einem "islamischen System" werden.

Die Verfassung aus dem Jahr 2004 legt zwar bereits in den ersten Artikeln fest, dass Afghanistan eine Islamische Republik ist und kein Gesetz "dem Glauben und den Bestimmungen der heiligen Religion des Islam widersprechen" darf. Beobachter gehen aber davon aus, dass eine Option für einen Friedensvertrag ist, den Taliban ähnlich dem iranischen Modell die Aufsicht über die Einhaltung der religiösen Regeln zu übertragen. "Die Taliban müssen immer noch deutlich machen, was für eine Art von Machtteilung sie akzeptieren werden", sagt der Analyst Ahmed Rashid. "Sie haben sich gegen Demokratie ausgesprochen und sind für ein umgestaltetes islamisches Modell, wie sie es in den Neunzigerjahren hatten. Aber das ist für viele Afghanen und die internationale Gemeinschaft inakzeptabel."

Allerdings ist fraglich, mit welcher Ausdauer der mächtigste Vertreter der internationalen Gemeinschaft dem innerafghanischen Friedensprozess folgen wird, um im Zweifel die demokratischen Fortschritte in Afghanistan gegen Begehrlichkeiten der Taliban zu verteidigen: Die USA haben bereits Ende Februar mit den Taliban ihre eigene, an Bedingungen geknüpfte Vereinbarung getroffen. Als Gegenleistung für einen gestaffelten Abzug der westlichen Truppen bis Ende April 2021 sollten die Islamisten neben Friedensgesprächen mit der Kabuler Regierung dafür sorgen, dass von afghanischem Boden keine Terrorgefahr mehr ausgeht. Die Regierung von Donald Trump reduziert seitdem massiv ihre Truppen, auch damit der amerikanische Präsident im Wahlkampf damit werben kann: Der Krieg in Afghanistan wird wie versprochen beendet. Bis zu der Wahl im November sollen nur noch etwa 4000 amerikanische Soldaten am Hindukusch stationiert sein. Außenminister Mike Pompeo fordert Taliban und afghanische Regierung in Doha mit Nachdruck auf, Frieden zu schließen. "Ich kann nicht entschlossen genug darauf dringen, diese Gelegenheit zu nutzen", sagt er.

Nun haben sich die Verhandlungsführer der Islamisten zwar dazu durchgerungen, mit den Emissären von Präsident Ghani zu verhandeln. Aber die Taliban wissen auch: Der Einsatz der westlichen Schutzmacht ist endlich. Die afghanische Regierung, nicht die Taliban, geht mit Zeitdruck in diese Verhandlungen.

Beobachter sind davon überzeugt: Lange und schwierige Gespräche stehen an, die jederzeit auch kollabieren können, weil es im afghanischen Machtgerangel nach wie vor Akteure gibt, die den Prozess torpedieren wollen. Die renommierte Menschenrechtsaktivistin Sema Samaar sagt an diesem Wochenende aber, auch wenn es nach wie vor viele Unwägbarkeiten in den Gesprächen zwischen der Regierung und den Taliban gebe, mache ihr der Start der Verhandlungen vor allem eines: "Hoffnung".

© SZ vom 14.09.2020

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