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Afghanistan:Die Truppen ziehen ab, die Chance bleibt

Afghan and NATO-led ISAF soldiers stand at attention during the change of mission ceremony in Kabul

Isaf-Soldaten: Der lange Abschied der fremden Truppen aus Afghanistan wird in den Tagen der Jahreswende mit dem einen oder anderen symbolischen Akt untermalt.

(Foto: REUTERS)

Wirklich verändern konnten die Isaf-Soldaten die Geschichte, Kultur und Tradition der Afghanen in 13 Jahren nicht. Doch selbst wenn die Taliban militärisch ungeschlagen bleiben - politisch sind die Steinzeitkrieger erledigt.

Der lange Abschied der fremden Truppen aus Afghanistan wird in den Tagen der Jahreswende mit dem einen oder anderen symbolischen Akt untermalt. Wer sich nach einer Zäsur sehnt, der kann sie nun spüren. Die Umwidmung der Militärmission und die Verkleinerung des Truppenkontingents signalisieren zumindest in der Heimat der vielen Soldaten, dass sich nun etwas ändern wird in Afghanistan. Diese Deutung ist aber so falsch wie vieles, was in 13 Jahren über Afghanistan geschrieben und behauptet wurde.

Afghanistans Schicksal entscheidet sich nicht an 12 000 und auch nicht an 120 000 ausländischen Soldaten, die im Land für Ruhe und Sicherheit sorgen sollen. Diese Soldaten haben das Land verändert - keine Frage. Aber wirklich prägen können sie Geschichte, Kultur und Tradition eines 32-Millionen-Volkes nicht. Kaum eine Gesellschaft auf der Welt ist so komplex und undurchdringbar wie die afghanische, kaum ein Volk (im afghanischen Sinn: Völker) musste so viel und so ausdauernd über Generationen hinweg leiden. Afghanistan ist gezeichnet von mächtigen historischen Erfahrungen. Spuren, die in nur einer Dekade gelegt wurden, verwischen hingegen schnell.

Der Isaf-Einsatz ist zu Ende, die Verpflichtung aber endet nie

Wer die beeindruckende Afghanistan-Literatur studiert, die in den Jahren des Einsatzes entstanden ist - Romane, Erzählungen, hochkompetente Sachbücher, Landser-Schinken und die vielen Klageschriften - der erkennt schnell die Unergründbarkeit dieses Landes. Die überwiegende Zahl der Bücher handelt von den Ausländern und ihrer schwierigen Erfahrung mit dem Land. Die Afghanen selbst leben hinter den Mauern, sie stellen nur die Kulisse. Afghanistans Stämme, ihre Unterstämme, Abgliederungen und Clans - sie bilden das uneinnehmbare Fort einer Gesellschaft, die aus und in der Bedrohung lebt und deswegen niemals die ausländischen Soldaten und Helfer akzeptieren konnte, die gekommen waren, um zu retten - und am Ende doch so viel Schaden angerichtet haben.

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Nach 13 Jahren endet die Isaf-Mission in Afghanistan, die eigentlich nur ein halbes Jahr andauern sollte. Viel hat sich am Hindukusch aber nicht verändert.   Diskutieren Sie mit uns.

Zwei Fehler gilt es besonders herauszuheben, die dem Westen unter der Führung der USA die Mission erschwerten. Der erste heißt Irak: Die Eröffnung einer zweiten Kriegsfront durch die USA im Jahr 2003 lenkte alle strategische Aufmerksamkeit, viel zu viele Ressourcen und am Ende auch die politische Kraft weg von Afghanistan. Der zweite Fehler ist eng mit der Unkenntnis über das Land verknüpft: Eine militärische Befriedung Afghanistans konnte es niemals geben, vor allem nicht durch ausländische Truppen. Die Isaf hätte also viel früher mit Aufbau und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte beginnen müssen. Und sie hätte die Guerillataktik der Taliban nicht durch häufig unkontrollierte Luftschläge beantworten dürfen. Wenig hat der Isaf mehr Feindschaft eingebracht als die Luftangriffe auf Zivilisten.

Die Taliban mögen militärisch nicht geschlagen sein, aber - und hier beginnt die Erfolgsgeschichte des Einsatzes - sie sind es politisch. Die afghanische Gesellschaft hat sich im Schutz der Isaf in 13 Jahren deutlich modernisiert. Bei aller berechtigten Klage über die vielen (und vor allem von den Taliban zu verantwortenden) Kriegstoten: Das Land ist sicherer geworden. Eine Steinzeitherrschaft der Bärtigen wie vor 13 Jahren ist nicht mehr denkbar. Die letzte Präsidentschaftswahl geriet dann doch noch zu einer Demonstration einer politischen Zeitenwende.

Radikalurteile fallen leicht, wenn man Tausende Kilometer entfernt predigt

Radikalurteile fallen besonders leicht, wenn man ein paar Tausend Kilometer entfernt von der Kanzel predigt oder die falschen Maßstäbe anlegt. Die Drogen, die Korruption, die Unzuverlässigkeit der Polizei, das unterentwickelte Rechtssystem - wer später einmal recht gehabt haben will mit seinen Untergangs-Prophezeiungen findet auch jetzt in Afghanistan hinreichend Schlechtes. Wer sich an Erfolgen freuen kann, der sollte etwa mit den deutschen Soldaten reden, die Bauernweiler vor den Taliban beschützt oder eine Mädchenschule in Kundus aufgebaut haben. Die meisten Afghanen jedenfalls werden in den letzten 13 Jahre ein besseres Leben kennengelernt haben.

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Der längste Einsatz in der Nato-Geschichte ist offiziell beendet. In Folge der Kampfmission, die nach den Terroranschlägen vom 11. September begann, starben tausende Soldaten und Zivilisten - und der Krieg dauert an.

Ob diese Dynamik anhält, liegt nicht mehr an den Fremden im Land. Die großen Linien werden in der Region gezogen, von den Afghanen selbst und ihren Nachbarn in allen Himmelsrichtungen. Der neue Präsident Aschraf Ghani hat einen bedeutenden Schritt unternommen, als er mit dem Erz-Nachbarn Pakistan einen Neubeginn der Beziehungen vereinbarte. Die Taliban dies- und jenseits der Grenze spüren plötzlich den Druck - und reagieren mit Terror gegen Schulkinder. Frieden jedenfalls wird es in der Region so schnell nicht geben - so wenig es dort je einen dauerhaften Frieden gegeben hat, seitdem Geschichte aufgeschrieben wird.