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Afghanistan:Im August geht der letzte Bundeswehr-Soldat

Bundeswehr in Afghanistan

Bundeswehrsoldaten machen während einer Minensuch-Mission in der Wüste Afghanistans eine Pause.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Mit dem Rückzug der Amerikaner laufen auch bei der deutschen Armee die Vorbereitungen für das Ende des Einsatzes am Hindukusch wieder voll an. Ein Teil der Fracht wurde schon ausgeflogen.

Von Mike Szymanski, Berlin

Jetzt also doch: Die Zeit des Abschiednehmens für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan beginnt. 20 Jahre nach Beginn des Krieges am Hindukusch läuten die USA und ihre Nato-Partner, darunter Deutschland, das Ende eines langen und schmerzhaften Militäreinsatzes ein. Geht es nach dem Willen von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), dann soll die Bundeswehr mit ihren derzeit etwa 1100 Soldatinnen und Soldaten bereits Mitte August den Abzug bewältigt haben.

Fast 160 000 Soldatinnen und Soldaten sind inzwischen am Hindukusch gewesen, 59 dort gestorben. Was bleibt - jetzt, wo das Ende näher rückt? Kontingentführer Ansgar Meyer sagte im Februar, der Einsatz in Afghanistan habe die Bundeswehr "fundamental verändert". An der Seite der internationalen Partner habe sie erlebt, "was Krieg wirklich ist". Die Bundeswehr sei "erwachsener" geworden.

US-Präsident Joe Biden hatte am Mittwoch in einer Rede in Washington angekündigt, die verbliebenen 2500 amerikanischen Soldaten vom 1. Mai an nach Hause zu holen und den Truppenabzug in enger Abstimmung mit den Verbündeten bis spätestens zum 11. September abzuschließen. Ohne die USA kann die Bundeswehr auch nicht länger in Afghanistan bleiben. Zu sehr sind die Partner auf die Infrastruktur der Amerikaner angewiesen - etwa die Luftunterstützung, wenn Truppen unter Feuer geraten.

Bei der Bundeswehr, die außer mit ein paar Dutzend Leuten in Kabul im Feldlager bei Masar-i-Scharif, Camp Marmal, im Einsatz ist, werden nun schon einmal die Sachen gepackt, die nicht dringend benötigt werden, um in der verbleibenden Zeit dem Auftrag nachzukommen: der Ausbildung afghanischer Streitkräfte. "Wir haben einen gültigen Auftrag", sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos bei Potsdam. Dieser werde vorerst "ohne Einschränkungen" fortgeführt.

Bis zu 3000 Container Material

Vier Monate Zeit für den Abzug- das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass über die Jahre hinweg bei Masar-i-Scharif eine kleine Militärstadt entstanden ist, in der zuletzt auch noch etwa 1700 Soldaten internationaler Partnernationen untergebracht waren. Das gesamte Material zusammen würde 3000 Container füllen. Die Planer haben überschlagen, was davon alles zwingend zurück nach Deutschland muss. Das betrifft das Kriegsgerät, die Munition, Verschlüsselungstechnologie, aber auch Festplatten mit sensiblen Daten. Packen sie auch das mit ein, worauf sie äußerst ungern verzichten würden, kommen 1300 voll beladene Container zusammen.

Unvorbereitet treffen die Abzugspläne Bidens die Bundeswehr nicht. Dessen Amtsvorgänger Donald Trump hatte es noch eiliger, seine Soldaten aus Afghanistan zurückzuziehen. Er hatte in Verhandlungen um einen Friedensprozess mit den Taliban den 1. Mai 2021 als Termin für den Komplettabzug gesetzt. Vergangenes Jahre hatte die Bundeswehr deshalb schon angefangen, Material auszufliegen, im Umfang von bisher 500 Containern Fracht, damit bleiben noch 800, die zurückgebracht werden müssen. Alles andere wird verkauft, verschenkt oder verschrottet.

Drehkreuz für den Rücktransport ist der Flughafen Halle/Leipzig. Dort landen seit geraumer Zeit, teils mehrmals die Woche, große Frachtmaschinen vom Typ Antonov AN-124, die auch schon die ersten Lastwagen, Truppentransporter und Patrouillenfahrzeuge im Bauch hatten. Bislang ging es beim Rücktransport einigermaßen entspannt zu, vom "Warmlaufen" war die Rede. Für die Hochphase des Rückzugs erwartet die Bundeswehr bis zu zehn Antonov-Maschinen wöchentlich.

Wie verhalten sich die Taliban?

Im Feldlager Masar-i-Scharif wächst derweil die Anspannung. Die Taliban, deren Herrschaft über Afghanistan im Zuge des Einsatzes 2001 ein Ende bereitet wurde, bestanden darauf, dass die USA sich an den mit Bidens Vorgänger Donald Trump vereinbarten Abzugstermin halten - den 1. Mai also. Für den Fall, dass darüber hinaus Truppen in Land bleiben, drohten sie unlängst mit neuer Gewalt.

Bislang hatten die Taliban auf Angriffe auf die internationalen Truppen verzichtet. Das könnte sich nun ändern. Die Sicherheitsvorkehrungen werden bereits verschärft. Eine deutsche Infanterieeinheit mit Mörsern bereitet sich auf die Verlegung nach Masar-i-Scharif vor, um zusammen mit Soldaten aus den Niederlanden den Schutz des Camps zu erhöhen. Weitere Kräfte seien in erhöhte Bereitschaft versetzt worden, teilte das Einsatzführungskommando mit. Das Feldlager soll wieder zusätzliche geschützte Fahrzeuge bekommen.

Bei den Soldaten der Bundeswehr kommt in diesen letzten Wochen und Monaten doch noch ein Gefühl der wachsenden Bedrohung auf. Eva Högl, die Wehrbeauftragte des Bundestages, forderte im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland für die Zeit nach deren Rückkehr "eine kritische, ehrliche und möglichst unabhängige Bilanz" zum Einsatz in Afghanistan.

© SZ/stad
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