Lage in Afghanistan:Afghanischer Innenminister verspricht "friedlichen Machtwechsel"

Afghan soldier stands in a military vehicle on a street in Kabul

Ein afghanischer Soldat in den Straßen von Kabul - die Taliban drängen auf eine friedliche Übergabe der Stadt.

(Foto: REUTERS)
  • Mit der Einnahme Dschalalabads durch die Taliban ist Kabul die letzte noch nicht eroberte Großstadt des Landes.
  • Nun rücken die Taliban offenbar nach Kabul vor.
  • Die Bundesregierung will verbliebene deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte in Kabul schnell außer Landes bringen. Zuletzt hieß es, dass zu Wochenbeginn Bundeswehrmaschinen starten sollen.
  • Auch die USA haben mit der Evakuierung ihrer Botschaft in der Hauptstadt begonnen.
  • Nach den jüngsten kampflosen Übergaben mehrerer Provinzhauptstädte ist unklar, ob die Sicherheitskräfte in Kabul sich den Taliban widersetzen.

Mit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan rücken die islamistischen Taliban immer weiter vor und erobern zahlreiche Gebiete. Die Meldungen im Überblick:

In Afghanistan rücken die Taliban offenbar nach Kabul vor. Die Islamisten stießen von allen Seiten vor, teilte das afghanische Ministerium der Nachrichtenagentur Reuters zufolge am Montagvormittag mit.

Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal zufolge werde die Stadt aber nicht angegriffen . Die Sicherheit der Stadt sei garantiert, sagte er in einem am Sonntag veröffentlichten Video. Es sei die Vereinbarung getroffen worden, dass ein Machtwechsel friedlich erfolge. Mirsakwal rief die Menschen dazu auf, keiner Propaganda anheim zu fallen. "Die Leute brauchen sich keine Sorgen zu machen, die Stadt ist sicher", erklärte er. Jeder, der Unordnung in der Stadt verursache, werde in Übereinstimmung mit dem Gesetz behandelt.

Kurz zuvor hatte der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid der BBC gesagt, er könne bestätigen, dass es Gespräche mit dem Präsidentenpalast über eine friedliche Machtübernahme gebe. Der Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah, organisiere diese.

Auch der Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi erklärte in einer auf Facebook veröffentlichten Videoansprache, er als Vertreter der Streitkräfte garantiere die Sicherheit Kabuls. Die Menschen sollten nicht in Panik verfallen. Es sei bekannt, dass sich der Präsident Aschraf Ghani mit heimischen Politikern getroffen habe und ihnen die Verantwortung übertragen habe, eine autoritative Delegation aufzustellen, die am Montag nach Doha reisen solle, um mit den Taliban eine Einigung über die Afghanistan-Frage zu erzielen. Die Sicherheit von Kabul werde aufrechterhalten, bis eine Einigung erzielt sei, sagte er.

Rund um Kabul sollen dem afghanischen Präsidialamt zufolge allerdings Schüsse zu hören gewesen sein. Auf Twitter teilte es mit, die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle.

Die Nachrichtenagentur AP meldete unter Berufung auf drei afghanische Beamte, dass Taliban-Kämpfer bereits in die Außenbezirke von Kabul eingedrungen seien. Sie sollen bereits in die Bezirke Kalakan, Qarabagh und Paghman vorgedrungen sein. Gleichzeitig würden Mitarbeiter aus Regierungsbüros in Panik fliehen und Hubschrauber an der US-Botschaft landen.

Die tatsächliche Lage allerdings ist derzeit noch unübersichtlich. Berichterstattungen über ein Vordringen der Taliban in die Stadt widersprechen sich teils. So berichtet etwa auch Al Jazeera unter Berufung auf verschiedene Taliban-Quellen zunächst von Taliban-Kämpfern in der Stadt und anschließend von einem Dementi.

In Kabul spielen sich unterdessen Beobachtern zufolge chaotische Szenen ab. Es kam zu einer Schießerei vor einer Bank, wie ein Bewohner der Stadt sagte. Viele Menschen versuchten, ihr Erspartes abzuheben, Lebensmittel zu kaufen und zu ihren Familien heimzukehren. Ein Soldat aus Kabul sagte, seine gesamte Einheit habe die Uniformen abgelegt.

Die Taliban-Führung erklärte in Doha, dass allen Menschen, die Kabul verlassen wollten, ein sicherer Abzug gewährt werde. Die Taliban-Kämpfer seien angewiesen, Gewaltanwendung zu vermeiden. Frauen sollten sich an geschützte Orte begeben. Ein Taliban-Vertreter sagte zu Reuters, die Extremisten-Gruppe wolle Opfer vermeiden. Bislang sei noch niemand in Kabul von einem Taliban-Kämpfer getötet oder verletzt worden. Er verwies aber auch darauf, dass keine Waffenruhe erklärt worden sei. Die Taliban versprachen in einem Statement, die Hauptstadt Kabul nicht "mit Gewalt" einzunehmen. "Niemands Leben, Eigentum und Würde werden verletzt und das Leben der Bürger von Kabul wird nicht gefährdet", heißt es in der auf Twitter verbreiteten Mitteilung.

Zuvor hatten sie die Stadt Dschalalabad in der Nähe eines wichtigen Grenzübergangs zu Pakistan eingenommen, der letzten größeren Stadt außer Kabul, die nicht unter ihrer Kontrolle stand. (15.08.2021)

Bundesregierung will Flugzeuge nach Kabul schicken

Angesichts des blitzartigen Eroberungszugs der Taliban bereitet die Bundesregierung unter Hochdruck eine von der Bundeswehr abgesicherte Evakuierungsaktion in Kabul vor. Deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sollen zu Wochenbeginn schnell außer Landes gebracht werden, hieß es zuletzt.

Außenminister Heiko Maas sagte der Bild am Sonntag, dass nun die zügige Evakuierung deutscher Diplomaten und anderer Mitarbeiter das Wichtigste sei. "Wir werden nicht riskieren, dass unsere Leute den Taliban in die Hände fallen. Wir sind für alle Szenarien vorbereitet."

Nach übereinstimmenden Informationen von Bild und Spiegel wollte die Luftwaffe an diesem Montag mit Militärtransportern vom Typ A400M nach Kabul fliegen. Voraussichtlich werde es auf den Evakuierungsflügen Zwischenlandungen im usbekischen Taschkent geben. Für die Passagiere soll es dann mit Chartermaschinen weiter nach Deutschland gehen.

Auch die USA haben mit der Evakuierung ihrer Botschaft in Kabul begonnen. Die Evakuierung sei zunächst mit einer kleinen Gruppe gestartet worden, aber auch der Großteil des Personals sei zum Abzug bereit, teilten zwei US-Vertreter mit. (15.08.2021)

Pakistan schließt Grenzübergang

Pakistan hat angesichts des Vormarsches der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan einen wichtigen Grenzübergang zu seinem Nachbarland geschlossen. Innenminister Sheikh Rashid verkündete die Schließung des Grenzübergangs Torkham im Nordwesten Pakistans am Sonntag, ohne einen Termin für die Wiedereröffnung zu nennen. Die Entscheidung sei getroffen worden, nachdem die afghanische Seite der Grenze nach der Eroberung von Dschalalabad nun unter der Kontrolle der Taliban stehe. Tausende Menschen säßen auf beiden Seiten der Grenze fest. (15.08.2021)

Usbekistan: Mehr als 80 afghanische Soldaten fliehen ins Nachbarland

Wegen des rasanten Eroberungszugs der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan sind 84 Soldaten ins Nachbarland Usbekistan in Zentralasien geflohen. Das teilte das usbekische Außenministerium am Sonntag in der Hauptstadt Taschkent mit. Die Mitarbeiter afghanischer Sicherheitsorgane hätten am Samstag um Hilfe gebeten. Drei von ihnen seien verletzt gewesen. Nach usbekischen Angaben hielten sich zeitweise weitere afghanische Soldaten auf einer Brücke zwischen beiden Ländern auf. Sie seien mittlerweile wieder umgekehrt.

Das Außenministerium der Ex-Sowjetrepublik führt nach eigenen Angaben Gespräche mit dem Nachbarland über die Rückkehr von Afghanen in ihre Heimat. Zudem sei die mehr als 130 Kilometer lange Grenze verstärkt worden. Am Sonntag habe sich die Lage zunächst entspannt, hieß es.

In den vergangenen Wochen waren bereits Hunderte Angehörige afghanischer Sicherheitsorgane aus Angst vor den Taliban nach Tadschikistan und Usbekistan geflohen. Russland ist besorgt, dass der Konflikt auf die benachbarten Ex-Sowjetrepubliken übergreifen könnte. (15.08.2021)

Taliban übernehmen Dschalalabad im Osten Afghanistans

Die militant-islamistischen Taliban haben nun auch die Großstadt Dschalalabad im Osten Afghanistans übernommen. Die Provinzhauptstadt von Nangarhar sei kampflos von den Islamisten erobert worden, bestätigten zwei Provinzräte und ein Bewohner der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Damit verliert die Regierung die vorletzte noch unter ihrer Kontrolle stehende Großstadt des Landes. Ein möglicher Angriff auf ihre letzte Bastion Kabul könnte bald erfolgen. Erst am Samstagabend hatten die Taliban die wichtige Stadt Masar-i-Scharif im Norden mehr oder wenig kampflos eingenommen. Dort waren bis Ende Juni deutsche Soldaten stationiert.

Die Islamisten seien um sechs Uhr morgens (Ortszeit) nach Dschlalabad, eine wirtschaftlich wichtige Stadt mit 280 000 Einwohnern, eingedrungen, sagte ein Bewohner. Sie würden niemanden belästigen und hätten den Menschen gesagt, sie sollten nicht stehlen. Soldaten, die sie sähen, entwaffneten sie und schickten sie nach Hause, sagte der Bewohner weiter.

Zwei Provinzräte erklärten, es habe keine Kämpfe gegeben. "Kämpfen wäre sinnlos gewesen." In sozialen Medien geteilte Bilder zeigten rund ein Dutzend Taliban-Kämpfer im Büro des Provinzgouverneurs. Noch unbestätigten Berichten zufolge übernahmen die Islamisten auch weitere Bezirke in der Provinz Nangarhar. Es wäre damit nur eine Frage der Zeit, bis auch eine durch die Provinz verlaufende Hauptverbindung nach Pakistan über Land unter ihrer Kontrolle stünde.

Der Ring um die Hauptstadt Kabul ist somit mehr oder weniger zugezogen. Präsident Aschraf Ghani hatte am Samstag Sami Sadat, den jungen, ehemaligen Kommandeur des 215. Armeekorps zuständig für den Süden Afghanistans - der mittlerweile praktisch vollständig Taliban-Gebiet ist - zum neuen Sicherheitsbeauftragten für die Stadt Kabul ernannt.

Es ist fraglich, ob der neue Kabul-Beauftragte Sadat noch groß dazu kommen wird, die Kräfte und Verteidigungslinien für die Hauptstadt zu verstärken. Es ist nicht bekannt, wie viele der auf dem Papier rund 300 000 Mann starken Sicherheitskräfte - Armee und Polizei - mittlerweile den Dienst quittiert haben. Am Samstag hatte Ghani in einer Fernsehansprache gesagt, die Sicherheitskräfte "remobilisieren" zu wollen.

Nach den jüngsten kampflosen Übergaben mehrerer Provinzhauptstädte ist zudem unklar, ob die Sicherheitskräfte in Kabul sich den Taliban widersetzen würden. Weiter ist offen, wie lange sich Ghani angesichts der brisanten Lage noch halten kann. Er hatte am Samstag gesagt, er wolle "bald" einen Plan vorlegen, um weiteres Blutvergießen und Zerstörung zu verhindern. Auf Spekulationen über seinen Rücktritt war er nicht eingegangen. (15.08.2021)

Taliban nehmen auch Masar-i-Scharif ein

Die islamistischen Taliban haben nach Angaben eines Vertreters der Provinz die Stadt Masar-i-Scharif eingenommen. Für die afghanische Regierung ist das ein weiterer herber Rückschlag. Masar-i-Scharif ist die viertgrößte Stadt des Landes und die Hauptstadt der Balch-Provinz. Damit haben die Taliban die Kontrolle über den gesamten Norden des Landes übernommen. Die Regierung hält jetzt nur noch zwei Großstädte - Dschalalabad im Osten und die Hauptstadt Kabul.

Anscheinend sei die Stadt kampflos gefallen, sagt der Vorsitzende des örtlichen Provinzrats, Afsal Hadid. Soldaten der Regierung seien in Richtung der Grenze zu Usbekistan geflohen.

Aus Sicherheitskreisen hieß es, die Islamisten seien gegen 21 Uhr (Ortszeit) in die Stadt eingedrungen. Daraufhin hätten sie Gefangene aus dem Zentralgefängnis der Stadt freigelassen. Der Provinzrat Sabiullah Kakar sagte, die Stadt sei vollständig unter Kontrolle der Islamisten.

Die Islamisten hatten seit rund einer Woche Masar-i-Scharif intensiv angegriffen. Immer wieder versuchten sie von mehreren Seiten, in die auch wirtschaftlich starke Metropole mit geschätzt 500 000 Einwohnern einzudringen.

In einem Feldlager am Rande der Stadt hatte die deutsche Bundeswehr bis zu ihrem Abzug im Juni ihr Hauptquartier für den Afghanistan-Einsatz. (14.8.2021)

Biden schickt weitere Verstärkung und warnt die Taliban

US-Präsident Joe Biden entsendet wegen des rasanten Vormarsches der Taliban weitere militärische Verstärkung nach Afghanistan. Es handle sich um rund 1000 Soldaten aus einer Luftlandedivision, hieß es von einem Verteidigungsbeamten am Samstagnachmittag (Ortszeit) in Washington. Sie sollen unter anderem dabei helfen, das Botschaftspersonal aus Kabul zu evakuieren.

Damit sind rund 5000 US-Soldaten mit der Sicherung des Flughafens in Kabul sowie der Evakuierung des Botschaftspersonals und der afghanischen Hilfskräfte befasst. Dies sind zum einen 3000 Soldatinnen und Soldatin, deren Verlegung in der vergangenen Woche angekündigt wurde. Sie sollten im Laufe des Wochenendes ankommen und die rund 1000 Soldaten unterstützen, die schon vor Ort sind.

Biden erklärte in einer Mitteilung, dass diese insgesamt 5000 Soldaten "einen geordneten und sicheren Abzug des US-Personals und des Personals anderer Verbündeter sowie eine geordnete und sichere Evakuierung der Afghanen gewährleisten sollen, die unseren Truppen während unseres Einsatzes geholfen haben und die durch den Vormarsch der Taliban besonders gefährdet sind."

Außerdem warnte der US-Präsident die Taliban vor einer "einer raschen und starken militärischen Reaktion" der USA, falls die Islamisten das US-Personal in Afghanistan gefährdeten. Das habe er Vertretern der Taliban in Doha in Katar ausrichten lassen, hieß es in einer Mitteilung des US-Präsidenten am Samstag. Das gelte für "jede Aktion der Taliban vor Ort in Afghanistan, die das US-Personal oder unsere Mission dort gefährdet". (14.8.2021)

Krisensitzung: Beratungen über Evakuierung Deutscher aus Kabul

Angesichts des schnellen Vorrückens der Taliban in Afghanistan auf die Hauptstadt Kabul hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einem Teil ihres Kabinetts das weitere Vorgehen in einer Krisensitzung erörtert. "Es wurde beraten, wie mit Hilfe der Bundeswehr die schnellstmögliche Rückholung von Mitarbeitern der deutschen Botschaft und in Afghanistan tätiger deutscher Organisationen sowie von afghanischen Ortskräften gewährleistet werden kann", teilt ein Regierungssprecher an diesem Samstag auf Anfrage mit. "Eine Beteiligung des Deutschen Bundestags an einer solchen Entscheidung wird erfolgen", versichert er.

Die Kanzlerin hat sich den Angaben zufolge mit Vizekanzler Olaf Scholz und Außenminister Heiko Maas (beide SPD) sowie mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), Innenminister Horst Seehofer (CSU), Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) und einem Vertreter des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit beraten. Dies sei in einer Telefonkonferenz geschehen. Über das genaue Verfahren fänden derzeit Abstimmungen statt, teilte der Sprecher weiter mit.

"Die Sicherheitslage in Afghanistan spitzt sich weiter zu", sagte Verteidigungsminister Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag. "Wir werden das Auswärtige Amt bei der Rückführung deutscher Staatsbürger und weiterer zu Schützender aus Afghanistan nach Deutschland unterstützen", sagte sie. "Wir halten hierfür einsatzbereite Kräfte bereit und werden schnellstmöglich erste Kräfte in Marsch setzen." Zu operativen Details könne sie keine Auskunft geben. "Es hat jetzt absolute Priorität, dass wir die zu Schützenden sicher nach Deutschland bringen."

Die Bundeswehr hat bereits mit Vorbereitungen für einen stark abgesicherten Einsatz begonnen, um deutsche Staatsbürger und Ortskräfte aus Afghanistan bringen. Dazu wird nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Mandat vorbereitet, das vom Bundestag verabschiedet werden muss. Zum Einsatz sollen in der kommenden Woche vor allem Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte (DSK) kommen, die die Bundeswehr als Teil der Nationalen Risiko- und Krisenvorsorge für solche Aufgaben bereithält. (14.8.2021)

Präsident Ghani ruft zum Kampf gegen die Taliban auf

Nach dem schnellen Vormarsch der radikal-islamischen Taliban auf die afghanische Hauptstadt Kabul hat Afghanistans Regierung zum Kampf gegen die Aufständischen aufgerufen. In einer Fernsehansprache an die Nation sagte Präsident Aschraf Ghani, die erneute Mobilisierung der afghanischen Armee habe nun Vorrang. In seinem ersten öffentlichen Erscheinen seit Tagen bat Ghani zudem die internationale Gemeinschaft um Hilfe im Kampf gegen die Taliban. Er sei im Gespräch mit führenden Politikern auf der Welt sowie mit lokalen Politikern, sagte er.

Gleichzeitig wächst der Druck auf Ghani, angesichts der militärischen Gewinne der Taliban zurückzutreten, um Platz für eine Übergangsregierung unter Beteiligung der Aufständischen zu machen. Die Taliban kontrollieren inzwischen mehr als die Hälfte der 34 Provinzen Afghanistans. Von den Großstädten sind nur noch Kabul, Masar-e-Scharif im Norden des Landes und Dschalalabad an der Grenze zu Pakistans unter der Kontrolle der Regierung - und die Taliban dringen immer weiter Richtung Kabul vor. (14.8.2021)

Röttgen fordert Bundeswehr-Einsatz gegen die Taliban

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, fordert ein Eingreifen des Westens gegen die Taliban - ausdrücklich unter Beteiligung der Bundeswehr. "Man darf nicht dabei zuschauen, wie Menschen, die uns lange verbunden waren, von den Taliban abgeschlachtet werden, wie Mädchen und Frauen alle hart erkämpften Rechte wieder verlieren", sagte Röttgen dem Redaktions-Netzwerk Deutschland (RND). "Das wäre eine massive Selbstbeschädigung unserer Glaubwürdigkeit."

"Nach 20 Jahren Einsatz zu sagen, das sei eine afghanische Angelegenheit, ist wirklich absurd und beschämend", betonte Röttgen. Zwar wolle er den Truppenabzug aus Afghanistan nicht revidieren. "Trotzdem muss man der Offensive der Taliban jetzt etwas entgegensetzen, aus der Verantwortung nach 20 Jahren Einsatz heraus und aufgrund unserer eigenen Sicherheitsinteressen."

Der einseitige und übereilte Abzug aus Afghanistan sei ein Fehler. "Das müssen wir offen gegenüber den USA kommunizieren und darauf drängen, dass sie ihre bereits stattfindende Luftunterstützung der afghanischen Streitkräfte intensivieren", sagte Röttgen. "Das können wir aber nur dann fordern, wenn wir auch selbst bereit sind, etwas zu leisten."

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte allerdings erst am Montag den Abzug der Bundeswehr verteidigt. "Wer die Taliban dauerhaft besiegen will, müsste einen sehr harten und langen Kampfeinsatz führen", sagte sie. Die CDU-Politikerin stellte in Frage, ob Parlament und Gesellschaft in Deutschland dazu bereit seien. (14.8.2021)

Taliban rücken weiter auf Kabul vor

Die radikal-islamischen Taliban rücken weiter auf die afghanische Hauptstadt Kabul vor. Die Extremisten haben nun auch die etwa 70 Kilometer entfernte Stadt Pul-e-Alam erobert, wie ein Mitglied des örtlichen Provinzrats mitteilt. Dabei seien sie auf keinen großen Widerstand gestoßen. Pul-e-Alam könnte eine strategisch wichtige Stellung für einen möglichen Angriff auf Kabul sein.

Am Samstagmorgen habe es zudem Gefechte um Maidan Schar gegeben, Hauptstadt der rund 35 Kilometer von Kabul gelegenen Provinz Maidan Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur.

Die Islamisten konnten zudem die mittlerweile 19. der 34 Provinzhauptstädte des Landes übernehmen. Scharana mit seinen geschätzt 66 000 Einwohnern in der Provinz Paktika im Südosten des Landes sei nach Vermittlung Ältester kampflos an die Taliban gegangen, bestätigten drei lokale Behördenvertreter.

Im Osten wurden Kämpfe um die Provinzhauptstädte von Paktia und Kunar gemeldet. Auch Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr noch bis Juni ihr Hauptquartier hatte, ist ein klares Ziel der Islamisten. Die Taliban versuchten am Samstagmorgen in die Stadt im Norden einzudringen, konnten aber nach Angaben örtlicher Politiker zurückgedrängt werden. Erst am Freitag hatten die Taliban mit Kandahar und Herat die zweit- und drittgrößte Stadt des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. (14.8.2021)

Ehemaliger Bundeswehr-General: Afghanistaneinsatz ist gescheitert

Der frühere Bundeswehr-General Hans-Lothar Domröse hält den Afghanistaneinsatz der Nato für gescheitert. Das Konzept "train, assist, advise (trainieren, unterstützen, beraten)" sei nicht aufgegangen, sagte er am Samstag auf NDR Info. Obwohl die afghanische Armee gut ausgebildet und ausgestattet sei, setze sie ihre Mittel nicht ein. Die Soldaten wüssten offenbar nicht, wofür sie kämpfen, sagte Domröse. Es stelle sich die Frage, ob überhaupt ein afghanischer Staat existiere oder nicht einzelne Stammesfürsten das Land beherrschten. Domröse war 2008 Chef des Stabes der Sicherheits- und Wiederaufbaumission Isaf in Afghanistan unter dem Kommando des US-Generals David D. McKiernan.

Domröse sagte, er könne sich vorstellen, dass China, Pakistan oder Iran die Taliban eher zur Mäßigung bewegen könnten als westliche Staaten. "Es scheint sich zu bewahrheiten, dass mit Geld allein man den Afghanen nicht helfen kann." Der Ex-Militär forderte, Lehren aus der Erfahrung zu ziehen, dass der Aufwand vergeblich gewesen sei. Die beiden einzigen sinnvollen Wege seien für ihn entweder ein unbefristetes Engagement oder "nicht mehr hingehen". (14.8.2021)

Vorwurf der US-Regierung: Afghanistan fehlt der Wille zum Kampf gegen die Taliban

Die US-Regierung hat der afghanischen Führung und den Sicherheitskräften angesichts des Vormarsches der Taliban mangelnde Kampfbereitschaft vorgeworfen. Es sei "beunruhigend" zu sehen, dass die politische und militärische Führung nicht den "Willen" gehabt habe, sich dem Vormarsch der militanten Islamisten zu widersetzen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN. Die USA hätten den "fehlenden Widerstand" durch die afghanischen Streitkräfte nicht vorhersehen können.

Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban in Bezug auf Ausrüstung, Training und Truppenstärke überlegen und verfügten über eine eigene Luftwaffe, sagte Kirby. Mit Blick auf die finanzielle Unterstützung der US-Regierung für die Sicherheitskräfte fügte er hinzu: "Geld kann keinen Willen kaufen." Dafür sei die politische und militärische Führung der Afghanen zuständig. Die Kampfbereitschaft sei nötig, um zu verhindern, dass die Taliban das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen, warnte Kirby.

Das US-Militär hatte am Donnerstag angekündigt, etwa 3000 Soldaten als Verstärkung zum Flughafen Kabul zu verlegen, um die Reduzierung des Personals der US-Botschaft zu unterstützen. Rund 5000 weitere Soldaten werden zudem im Nahen Osten stationiert, um als mögliche Verstärkung bereitzustehen. (13.8.2021)

Kanada will mehr als 20 000 gefährdete Afghanen aufnehmen

Kanada will mehr als 20 000 gefährdete Afghanen aufnehmen, um sie vor den Taliban zu schützen. Dazu zählten unter anderen Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen, Journalisten und weibliche Führungskräfte, teilt Marco Mendicino, Minister für Einwanderung, Flüchtlinge und Staatsbürgerschaft, mit. Diese Personen würden zusätzlich aufgenommen. Die Regierung in Ottawa hat bereits Dolmetschern, die für Kanada gearbeitet haben, und Botschaftsmitarbeitern in Afghanistan zugesagt, sie vor der Rache der Taliban zu schützen und ins Land zu lassen. (13.08.2021)

Habeck fordert Luftbrücke für Ortskräfte

Robert Habeck fordert mehr Einsatz der Bundesregierung, wenn es darum geht, Menschen, die als Ortkräfte die Bundeswehr oder deutsche Ministerien in Afghanistan unterstützt haben, vor dem Vormarsch der Taliban in Sicherheit zu bringen. "Die Lage in Afghanistan ist dramatisch. Deutschland trägt hier Verantwortung, und das ganz besonders für die Afghaninnen und Afghanen, die als Ortskräfte das deutsche Engagement unterstützt haben", sagte Habeck der Süddeutschen Zeitung. Der Co-Vorsitzende der Grünen ergänzte: "Es braucht jetzt eine Luftbrücke, um diese Menschen aus Lebensgefahr zu bringen."

Habeck verwies darauf, dass die USA gerade dabei seien, mit Soldatinnen und Soldaten US-Bürger zurückzuholen. Die Amerikaner hätten angeboten, auch Ortskräfte der Deutschen mitzunehmen. Deutschland habe dieses Angebot jedoch abgelehnt. "Das ist mehr als unverständlich. Kein Platz in den Flugzeugen darf jetzt leer bleiben", sagte Habeck. Er schob nach: "Es ist unsere Pflicht, die Menschen vor den Taliban zu retten, die ihr Leben riskiert haben, um unseren Soldatinnen und Soldaten zu helfen. Das ist eine Frage von Treue. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen, die Zeit läuft."

Habeck forderte bei den Ortskräften auch solche Menschen mit einzubeziehen, die über Firmen, also nicht direkt für die Bundeswehr oder andere deutsche Institutionen gearbeitet haben. Die Taliban würden sich für solche Vertragsverhältnisse "herzlich wenig" interessieren. Die Visa sollten Habecks Meinung nach bei der Ankunft erteilt und die Verfahren vereinfacht werden. "Wenn jemand einen Vertrag mit einem deutschen Ministerium oder einem seiner Vertragspartner vorlegt, ist die Gefährdungslage anzunehmen und muss nicht nochmal gesondert dargelegt werden." (13.08.2021)

Deutsche Botschaft reduziert ihr Personal in Kabul auf das "absolute Minimum"

Als Konsequenz aus dem Vormarsch der radikal-islamistischen Taliban in Afghanistan hat die Bundesregierung beschlossen, das Personal der deutschen Botschaft in Kabul auf das "absolute Minimum" zu reduzieren, wie Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte.

Es werde dazu sofort ein Unterstützungsteam in die afghanische Hauptstadt geschickt. Die Botschaftsmitarbeiter würden mit Chartermaschinen ausgeflogen, so Maas, genauso wie die afghanischen Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten. Zwei Charterflüge sind dafür bis Ende des Monats geplant. Diese würden nun vorgezogen, sagte Maas.

Maas rief alle Deutschen, die sich derzeit in Afghanistan aufhalten, auf, das Land sofort zu verlassen. Eine hohe zweistellige Zahl an deutschen Staatsbürgern soll noch in Afghanistan sein. "Alle weiteren Maßnahmen werden wir mit unseren internationalen Partnern in den nächsten Tagen abstimmen, so der Außenminister. (13.08.2021)

Seehofer unterstützt schnelle Ausreise der Ortskräfte

Angesichts des rasanten Vormarsches der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan spricht sich Bundesinnenminister Horst Seehofer für eine rasche Ausreise sogenannter Ortskräfte aus. "Die Situation in Afghanistan wird immer bedrohlicher", erklärte der CSU-Politiker. "Ob Charterflüge oder Visaerteilung nach Ankunft in Deutschland: Ich unterstütze alle Maßnahmen", sagte Seehofer. Am Innenministerium werde die zügige Ausreise der Ortskräfte und ihrer Familien nicht scheitern. "Für Bürokratie ist keine Zeit, wir müssen handeln", sagte Seehofer.

Nach dem Abzug der internationalen Truppen bringen die Taliban immer weitere Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Drei Großstädte, darunter die Hauptstadt Kabul, waren am Freitagmorgen noch in der Hand der Regierung.

Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte am Donnerstag bereits angekündigt, dass der Krisenstab der Bundesregierung das Ausfliegen der Ortskräfte vorbereite, die für die Bundeswehr, das Auswärtige Amt oder andere Bundesministerien in Afghanistan tätig waren.

Seit Wochen gibt es Kritik daran, dass dieses Ausfliegen zu langsam erfolgt. Deswegen hat die Bundesregierung entschieden, die Visaerteilung auch erst nach Ankunft in Deutschland zu ermöglichen. Nach Angaben von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) ist derzeit das Haupthindernis, dass die Ortskräfte für die Ausreise afghanische Reisepässe benötigen, die angeblich nur schleppend von den afghanischen Behörden ausgestellt werden. (13.08.2021)

Milizen-Anführer Khan an Taliban übergeben

Die Taliban haben einem Lokalpolitiker zufolge nach der Einnahme der Stadt Herat einen wichtigen Milizen-Kommandeur in ihre Gewalt gebracht. Mohammed Ismail Khan sei zusammen mit dem Provinzgouverneur und Sicherheitsbeamten den Taliban übergeben worden, sagt Provinzratsmitglied Ghulam Habib Haschimi. Die Taliban hätten zugesagt, den Beamten keinen Schaden zuzufügen. Khan ist einer der prominentesten Milizenführer Afghanistans. Er hatte zuletzt Kämpfer gegen die Taliban angeführt. In den 1980er Jahren kämpfte er gegen die sowjetischen Besatzungstruppen im Land und war ein wichtiges Mitglied der Nordallianz, die mit Unterstützung der USA die Taliban 2001 gestürzt hatten. (13.08.2021)

UN: In Afghanistan droht humanitäre Katastrophe

Die Lage der Menschen in Afghanistan wird nach Einschätzung der Vereinten Nationen immer verzweifelter. "Wir stehen kurz vor einer humanitären Katastrophe", sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Genf. Vor allem Frauen und Kinder würden vor den vorrückenden Taliban flüchten.

Inzwischen sei die Lebensmittelversorgung von etwa einem Drittel der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt, erklärte ein Sprecher des UN-Welternährungsprogramms (WFP). Allein zwei Millionen Kinder seien auf Hilfe angewiesen. "Wir fürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht." Die Lage werde immer unübersichtlicher. Jedenfalls stehe angesichts der Eskalation viel zu wenig Geld zur Verfügung, um wirklich helfen zu können. Bis Jahresende würden 200 Millionen Dollar gebraucht.

Nach der US-Ankündigung zum Abzug aus Afghanistan hatten auch die übrigen Alliierten wie Deutschland entschieden, den Einsatz zu beenden. Seitdem haben die militant-islamistischen Taliban in raschem Tempo weite Teile des Landes erobert. (13.08.2021)

Kandahar und 14 weitere Provinzhauptstätze in der Hand der Taliban

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihre dramatischen Gebietsgewinne weiter fort. In der Nacht zum Freitag eroberten sie mit Kandahar im Süden des Landes die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Das bestätigten zwei Parlamentarier und ein Provinzrat der Deutschen Presse-Agentur. Außerdem haben sie die wichtige Stadt Laschkar Gah in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans eingenommen und auch Firozkoh (auch Tschaghtscharan) in der Provinz Ghor im Westen des Landes ist von den Islamisten übernommen worden. Das bestätigten ein Provinzrat und eine Parlamentarierin der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Damit fiel die 15. Provinzhauptstadt innerhalb einer Woche an die Taliban. Von den wichtigen Städten hält die Regierung nur noch die Hauptstadt Kabul, Masar-i-Scharif im Norden und Dschalalabad im Osten.

Die Stadt Firozkoh mit geschätzt 130 000 Einwohnern sei ohne jeglichen Widerstand von den Islamisten übernommen worden, sagte der Provinzrat Fasel-ul Hak Ehsan. Die Sicherheitskräfte und mehrere Regierungsvertreter hätten sich in eine Militärbasis in der Stadt zurückgezogen.

Die Abgeordnete Fatima Kohistani, die die Provinz im Parlament vertritt, machte dem Gouverneur von Ghor Vorwürfe. Dieser habe fliehen wollen, aber als ihm das nicht gelungen sei, habe er die Stadt an die Islamisten praktisch übergeben. Die Sicherheitskräfte und Offiziellen in der Militärbasis würden nun darauf warten, dass die Taliban ihnen Autos geben würden, damit sie die Stadt verlassen könnten. Es seien praktisch keine Menschen geflohen, sagte die Parlamentarierin weiter. Viele hätten die gleichen Einstellungen wie die Taliban. (13.08.2021)

Britischer Verteidigungsminister schließt Rückkehr nach Afghanistan nicht aus

Großbritannien schließt nicht aus, seine Soldaten erneut nach Afghanistan zu schicken. Das könne der Fall sein, wenn sich dort die Extremisten der al-Qaida in einer Weise aufstellten, dass sie den Westen bedrohten, sagte Verteidigungsminister Ben Wallace dem Sender LBC. "Ich lasse mir da jede Option offen." Der Verteidigungsminister bestätigte, dass Großbritannien 600 Soldaten nach Afghanistan entsenden werde, um 3000 Briten außer Landes zu bringen.

Die einseitig verkündete Entscheidung der Trump-Regierung, Afghanistan zu verlassen, bezeichnete Wallace als Fehler, der den Taliban ein Momentum verschafft habe. "Die internationale Gemeinschaft wird dafür wahrscheinlich die Konsequenzen tragen", so Wallace. Sein Land habe jedoch keine andere Wahl gehabt, als ebenfalls abzuziehen. "So wie wir zu jener Zeit aufgestellt waren", habe es keine Möglichkeit gegeben, ohne die Führungsnation den Einsatz fortzusetzen. (13.08.2021)

USA verlegen Tausende Soldaten nach Afghanistan

Angesichts der dramatischen Gebietsgewinne der Taliban verlegen die US-Streitkräfte sofort rund 3000 zusätzliche Soldaten an den Flughafen in Kabul. Es gehe darum, eine geordnete Reduzierung des US-Botschaftspersonals zu unterstützen, erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby. Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar - falls Verstärkung gebraucht würde. Der Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan solle aber weiter bis 31. August abgeschlossen werden, so Kirby am Donnerstag (Ortszeit).

Die militant-islamistischen Taliban übernahmen unterdessen in drei weiteren Provinzhauptstädten die Kontrolle, davon zwei mit großer Bedeutung. Zunächst eroberten sie das nur 150 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernte Gasni im Südosten. Gasni hat etwa 180 000 Einwohner und liegt an der wichtigen Ringstraße, die die größten Städte des Landes verbindet. Dann übernahmen die Taliban im Westen des Landes mit Herat die drittgrößte Stadt, von der es nur rund 130 Kilometer bis zur iranischen Grenze sind. Dort leben geschätzt 600 000 Menschen. Letztlich übernahmen die Islamisten noch die kleine Provinzhauptstadt Kala-e Nau in der Provinz Badghis im Nordwesten.

Die Kämpfer der Taliban brachten damit in weniger als einer Woche 12 der 34 Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Auch aus den südlichen Städten Kandahar und Laschkargah im Süden wurden weitere Taliban-Angriffe gemeldet. In Kandahar sollen sie bereits das Gefängnis erobert haben, in Laschkargah die Zentrale der Polizei. Nach zunächst unbestätigten Berichten soll Kandahar bereits weitgehend unter Taliban-Kontrolle stehen.

Angesichts der dramatischen Ereignisse entschied die US-Regierung, das Personal der Botschaft in Kabul auf das Nötigste zu reduzieren. Die rund 3000 Soldaten, die aus dem Nahen Osten innerhalb von ein bis zwei Tagen nach Kabul verlegt werden sollen, sollen die Abreise des Personals sichern. Dies könne auch die Sicherung von Konvois von und zum Flughafen umfassen, hieß es. Zudem sollen die Soldaten beim Ausfliegen früherer afghanischer Mitarbeiter der US-Behörden und des Militärs helfen, die sich vor den Taliban in Sicherheit bringen wollen. Sie sollen in die USA gebracht werden, wo ihnen nach der Erteilung eines Visums ein Neustart ermöglich werden soll.

"Das ist eine zeitlich begrenzte Mission mit eng begrenztem Auftrag", sagte Pentagon-Sprecher Kirby. Die Verstärkung sei angesichts des jüngsten Vormarsches der Taliban eine Vorsichtsmaßnahme, sagte Kirby. Gleiches gelte auch für die Positionierung der übrigen Soldaten in der Region. Die bis zu 4000 Soldaten, die in der kommenden Woche in Kuwait ankommen sollen, gehören demnach einem Kampfverband einer Luftlandedivision aus dem US-Bundesstaat North Carolina an. (13.08.2021)

Herat fällt an die Taliban

Die drittgrößte Stadt Afghanistans ist an die militant-islamistischen Taliban gefallen. Die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Herat im Westen des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten drei lokale Behördenvertreter der Deutschen Presse-Agentur. Erst am Donnerstagmorgen (Ortszeit) war die strategische Stadt Gasni im Südosten gefallen. Auch die zweitgrößte Stadt Kandahar ist schwer umkämpft.

Dem Fall der historischen Stadt Herat mit geschätzt 600 000 Einwohnern waren wochenlange Angriffe vorausgegangen. Die Taliban konnten zunächst von den Sicherheitskräften und Milizen des dort heimischen Politikers und ehemaligen Kriegsfürsten Ismail Chan in Schach gehalten und teils auch wieder zurückgedrängt werden.

Provinzräte berichteten seit Donnerstagnachmittag von zunehmenden Gefechten in Herat. Die Taliban seien aus dem Osten in die Stadt vorgedrungen und bis zu 200 Meter an den Gouverneurssitz gelangt. Die Milizen von Ismail Chan seien im Westen der Stadt damit beschäftigt gewesen, einen anderen Angriff der Islamisten abzuwehren. Auch vom Norden seien sie vorgerückt, sagte ein weiterer Provinzrat.

Am Donnerstagabend seien schließlich der Gouverneurspalast, das Polizeihauptquartier und das Gefängnis unter Kontrolle der Taliban gewesen. Die Islamisten hätten, wie schon in anderen von ihnen eroberten Städten, die Gefangenen freigelassen. Die Sicherheitskräfte hätten nicht gekämpft, erklärte der Provinzrat Ghulam Habib Haschimi.

Nur die kürzlich von Ismail Chan zusammengesammelten Kräfte des Volksaufstandes hätten sich gegen die Übernahme der Stadt gewehrt. Der Gouverneur und andere Offizielle hätten sich in eine Militärbasis in der Nähe des Flughafens zurückgezogen. Es war unmittelbar nicht klar, wo sich Ismail Chan befand, der als einer der Führer der Nordallianz 2001 den USA geholfen hatte, die Taliban zu vertreiben.

In den vergangenen Wochen waren die Taliban laut lokalen Behördenvertretern immer wieder für Kurzangriffe in die Stadt eingedrungen und hätten sich dann sofort wieder zurückgezogen. Damit und mit in sozialen Medien verbreiteten Selfies von sich in der Stadt hätten sie Schrecken unter den Bürgern verbreitet, sagte der Sprecher des Gouverneurs der Provinz von Herat.

Auch eine weitere Provinzhauptstadt haben die Taliban eingenommen. Kala-e Nau in der Provinz Badghis im Nordwesten des Landes sei von den Islamisten übernommen worden, bestätigten ein Provinzrat und eine Parlamentarierin der Deutschen Presse-Agentur. Damit fiel die zwölfte Provinzhauptstadt innerhalb weniger als einer Woche an die Taliban.

Einem Bericht der New York Times zufolge geht die US-Regierung mittlerweile von einem Fall der Hauptstadt Kabul und damit der afghanischen Regierung binnen der nächsten 30 Tage aus. Das Pentagon setze Tausende Soldaten in Alarmbereitschaft, um eine Evakuierung der US-Botschaft zu ermöglichen und amerikanische Staatsangehörige in Sicherheit zu bringen. Zudem versuchen die USA dem Bericht nach die Taliban dazu zu bringen, die US-Botschaft im Falle einer Einnahme Kabuls nicht zu stürmen. Kabul könne gehalten werden, wenn die afghanischen Sicherheitskräfte mehr Widerstand leisten würden, zitiert die Zeitung US-Militär- und Regierungsquellen. Im Weißen Haus herrsche eine Mischung aus Sorge und Resignation.

Die USA werden nach Angaben des Außenministeriums zudem zusätzliche 3000 Soldaten an den Flughafen Kabul verlegen, um den geordneten Abzug von Teilen des Botschaftspersonals zu unterstützen. Zunächst soll das zivile Personal wie geplant weiter reduziert werden. Das US-Militär will das Land eigentlich bis Ende August verlassen. Dies sei auch weiter der Plan, betonte ein Sprecher. Auch Großbritannien will mehrere Hundert weitere Streitkräfte nach Afghanistan schicken, die bei der Rückführung von Briten aus dem Land helfen sollen. Die 600 zusätzlichen militärischen Kräfte würden in den kommenden Tagen in Kabul ankommen, teilte das britische Verteidigungsministerium mit.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums sagte, die internationale Gemeinschaft werde keine neue afghanische Regierung anerkennen, falls diese die Macht mit Gewalt an sich gerissen haben sollte. Diese "Botschaft an die Taliban" werde später auch in einer gemeinsamen Stellungnahme mit mehreren internationalen Partnern, darunter auch Deutschland, ausgedrückt werden. (12.08.2021)

Erdoğan erwägt Treffen mit Taliban-Führung

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat ein Treffen mit der Führung der Taliban ins Spiel gebracht, um über die sich verschlechternde Sicherheitslage in Afghanistan zu sprechen. Erdoğan sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN Türk, er habe am Mittwoch mit Regierungsverantwortlichen aus Katar darüber beraten, wie der Vormarsch der Taliban gestoppt werden und ein Schritt in Richtung "Frieden" gelingen könnte.

"Unsere zuständigen Institutionen arbeiten daran, auch in Gesprächen mit den Taliban", sagte Erdoğan - allerdings ohne nähere Erläuterung. Er schlug vor, jemanden von der Taliban-Führung in der Türkei zu empfangen. Unklar blieb, auf wen er sich dabei genau bezog und wann ein solches Treffen stattfinden könnte.

Taliban-Kämpfer haben in den vergangenen Tagen die Kontrolle über eine Reihe von Provinzhauptstädten übernommen, während die USA ihren Plan zum Abzug der verbleibenden Truppen bis Ende des Monats vorantreiben. Er soll noch vor dem Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 abgeschlossen sein. (12.08.2021)

Deutschland fordert Bürger zu schneller Ausreise aus Afghanistan auf

Angesichts des rasanten Eroberungszugs der islamistischen Talibankämpfer in Afghanistan fordert Deutschland seine Bürger dringend zur zügigen Ausreise aus dem Krisenland auf. Vor dem Hintergrund der deutlich verschlechterten Sicherheitslage im gesamten Staatsgebiet, inklusive der Hauptstadt Kabul, rate die Botschaft allen deutschen Staatsangehörigen dringend zur schnellstmöglichen Ausreise per Linienflug, heißt es in einer vom Auswärtigen Amt versandten Nachricht.

Sollte sich die Lage noch weiter zuspitzen, könnte das möglicherweise auch die Einstellung des kommerziellen Flugverkehrs nach sich ziehen. Die deutsche Botschaft in Kabul wies ausdrücklich darauf hin, dass sie aufgrund ihrer eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten und begrenzten Kapazitäten keine Garantie auf eine konsularische Betreuung gewährleisten könne, wenn sich Sicherheitslage weiter verschärft.

Eine Reisewarnung für Afghanistan besteht schon seit langem. Ende März wurde bereits eine Ausreiseaufforderung ausgesprochen, die mit der nun versandten Aufforderung noch einmal unterstrichen wird, wie es in der Nachricht heißt. Auch die USA, Großbritannien und andere Länder haben ihre Bürger in den vergangenen Wochen zur schnellstmöglichen Ausreise aufgerufen. Frankreich oder Indien haben bereits Repatriierungsflüge eingesetzt.

Wegen der Lage in Afghanistan erwartet der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Niels Annen, eine steigende Zahl an Flüchtlingen aus der Region auch in Deutschland. "Es ist naiv zu glauben, dass der Vormarsch der Taliban und die Gewalt in der Kriegsregion keine migrationspolitischen Folgen hat. Menschen aus Afghanistan werden noch stärker fliehen müssen als in den vergangenen Jahren", sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Die Auswirkungen werden wir auch in Deutschland spüren, wenn auch noch nicht in den kommenden Wochen." Deutschland sei für Afghanen "ein attraktives Zielland", hob der Staatsminister hervor. (12.08.2021)

© SZ/dpa/Reuters/epd/Blo/saul/rroi/bica/gal/aner
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:"Sie sind noch brutaler als vor 20 Jahren"

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