Afghanistan:Warum die Regierungsarmee so wenig Widerstand leistete

Afghanistan: Noch vor wenigen Wochen rechnete kaum ein Experte mit einem derart schnellen Siegeszug der Taliban. Die afghanischen Regierungsarmee - hier Soldaten auf einem Stützpunkt nördlich von Kabul im Juli - räumte zuletzt weitgehend kampflos das Feld.

Noch vor wenigen Wochen rechnete kaum ein Experte mit einem derart schnellen Siegeszug der Taliban. Die afghanischen Regierungsarmee - hier Soldaten auf einem Stützpunkt nördlich von Kabul im Juli - räumte zuletzt weitgehend kampflos das Feld.

(Foto: ZAKERIA HASHIMI/AFP)

300 000 Mann stark - und dennoch überfordert: Die Soldaten der Regierung in Kabul setzten den islamistischen Kriegern wenig entgegen. Das hat auch mit einem Geburtsfehler der neu aufgebauten Streitkräfte zu tun.

Von Joachim Käppner

Das Video, das im Netz kursierte und den Weg zum US-Sender CNN fand, ist schockierend, Amnesty International spricht von einem Kriegsverbrechen und "kaltblütigem Mord". Im nordafghanischen Dawlat Abad folgen etwa 20 Soldaten der afghanischen Armee der Aufforderung offenbar der Taliban, sich zu ergeben. Als sie unbewaffnet vor das Haus treten, eröffnen die Islamisten das Feuer. Es war, am 20. Juni dieses Jahres, ein Menetekel für den Kollaps der Regierungsstreitkräfte, der ANSF, und für das Schicksal der Besiegten. Die Ermordeten gehörten laut afghanischen Medienberichten einer Spezialeinheit an, die in eine Falle geraten war und sich verteidigte, bis ihr die Munition ausging. Sie rief über Funk nach Luftunterstützung, die aber niemals kam. Zu den Toten gehörte der Kommandooffizier Sohrab Azimi, der in Teilen der Öffentlichkeit wie ein Nationalheld verehrt wurde und ein erbitterter Feind der Islamisten gewesen war.

In den folgenden Wochen erlosch der Widerstand der ANSF immer weiter, bis sie zuletzt mehr oder weniger kampflos vor den Taliban das Feld räumte. Allerdings war diese Armee nie so stark, wie die offizielle Zahl von 300 000 Männern und einigen Frauen (und inklusive der Nationalpolizei) nahelegt. Sehr viele Dienstposten waren unbesetzt, und sie erlitt seit 2014 schwere Verluste, wie auch ihre Feinde, die Taliban. In der Breite aber litten die ANSF stets unter Rekrutenmangel, Vetternwirtschaft bei der Besetzung hoher Kommandoposten, internen ethnischen Spannungen und schlechter Bezahlung. Ein erheblicher Teil der neuen Soldaten kehrte gleich nach dem ersten Heimaturlaub nicht mehr zurück. Die Soldaten waren oft schlecht ausgerüstet, nicht selten litten sie zeitweilig sogar an Hunger, mit allen Folgen solcher Missstände für die Moral vieler Einheiten.

Die Truppe blieb auf westliche Ausbilder und Fachpersonal angewiesen

Afghanistans neue Streitkräfte litten an einem Geburtsfehler: Ihr Aufbau durch den Westen begann viel zu spät. Erst nach fast zehn Jahren Einsatz der internationalen Koalition, etwa ab 2011, waren afghanische Einheiten ernsthaft in der Lage, sich an den vergleichsweise erfolgreichen Offensiven zu beteiligen, mit denen der damalige Isaf-Oberkommandierende David Petraeus die Taliban in die Defensive drängte. Doch als die Nato-Kampftruppen schon 2014 abzogen, weil die Obama-Administration den verlustreichen US-Einsatz aus innenpolitischen Gründen beenden wollte, waren die afghanischen Sicherheitskräfte noch immer im Aufbau und sehr weit davon entfernt, das Land und seine wiedererwachte Zivilgesellschaft alleine schützen zu können.

Dasselbe wiederholte sich mit der Beratungsmission Resolute Support (RS). Die ANSF blieben auf die westlichen Ausbilder und Trainer, Fachpersonal und die US-Luftwaffe angewiesen und hielten trotz dieser Hilfe nur ein mühevolles Patt im Kampf gegen die Islamisten. Die Mission RS war weder umfassend noch nachhaltig genug, sie beschränkte sich zuletzt meist auf die oberen Führungsebenen des afghanischen Militärs. Als die USA unter Donald Trump, ohne jedes Interesse am Schicksal der Afghanen, den Taliban im Abkommen von Doha 2020 noch nicht einmal einen Waffenstillstand mit den ANSF auferlegten, solange die Islamisten nur den Abzug der US-Truppen nicht störten, verschlechterte sich die militärische Lage im Land beängstigend rasch.

Notorisch waren Rekrutenmangel und Vetternwirtschaft

Die afghanischen Streitkräfte verfügten zwar über einige Eliteverbände, vor allem die gut 10 000 Special Forces und eine sehr kleine, aber bei den Taliban gefürchtete Luftwaffe aus Helikoptern und propellergetriebenen A-29-Kampfflugzeugen, auch waren viele Soldaten entschlossen und motiviert, ihr Land vor einer zweiten Terrorherrschaft der Gotteskrieger zu bewahren. Zu einem massiven Problem wurde aber der Mangel an Infrastruktur und Logistik. Oftmals waren es ausländische Vertragspartner, welche Flugzeuge und Drohnen warteten, und als diese contractors nun mit den internationalen Truppen abzogen, blieb am Ende beides teilweise am Boden. Selbst Klimaanlagen und Kommunikationseinrichtungen übernommener Nato-Stützpunkte funktionierten bald nicht mehr, geschweige denn komplexe Wartungsschleifen.

Die Ausbildungsmission hatte dabei nicht den Fehler der Sowjets wiederholen wollen, welche der kommunistischen Regierungsarmee in Kabul 1989 für den Kampf gegen die Mudschaheddin ganze Flotten von schweren Panzern und Kampfflugzeugen hinterließen, deren komplexe Technologie schon bald nicht mehr zu gebrauchen war. Die afghanische Armee verfügt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weder über Panzer noch über moderne Jets; ihr Standardfahrzeug ist ein gepanzerter Humvee-Geländewagen.

Die Taliban hingegen begnügten sich mit dem klassischen Arsenal einer Guerillatruppe. Sie besaßen auch etwas, was der Gegenseite fehlte: den Glauben an ihre Sache, so pervers diese erscheinen mag. Die ANSF dagegen sind die Armee eines Staates, der nicht funktionierte, und so konnte sie das auch nicht tun. Deshalb sieht es so aus, als sei der letzte Kampf von Sohrab Azimi und seinen Soldaten ein Opfergang gewesen, der nichts verändern wird an der afghanischen Tragödie.

© SZ
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