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Afghanische Asylsuchende:Syrien ist im Fernsehen leichter zu vermitteln

Trotzdem wird das Leid der Afghanen in Deutschland bisher viel weniger wahrgenommen als das der Syrer. "Die Fernsehbilder von Fassbomben führen den Menschen das Leid deutlich vor Augen", sagt Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl. Der Vormarsch der Taliban sei schwieriger abzubilden und daher noch nicht so im öffentlichen Bewusstsein angekommen.

Zum Problem wird die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit für die "andere" große Flüchtlingskrise vor allem dann, wenn sie dazu führt, dass afghanische Flüchtlinge es in Deutschland schwerer haben. Eben das aber scheint der Fall zu sein: Während Syrern mittlerweile vergleichsweise unbürokratisch Asyl gewährt wird, müssen Afghanen oft mit einem deutlich langwierigeren Verfahren rechnen.

Bei Afghanen dauert es im Schnitt 11,5 Monate, bis das Asylverfahren überhaupt eröffnet wird. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor. Und selbst danach ist die eigentliche Verfahrensdauer mit durchschnittlich zwölf Monaten deutlich länger als bei Syrern (vier Monate). Rechnet man jene Flüchtlinge heraus, deren Antrag in Deutschland nicht bearbeitet wird, weil sie aufgrund des Dublin-Abkommens ins EU-Ersteinreiseland abgeschoben werden, erhöht sich diese Zahl sogar auf knapp 19 Monate. Insgesamt vergehen bei vielen Afghanen also vom Moment der Einreise bis zu einer behördlichen Entscheidung deutlich mehr als zwei Jahre.

Dabei sprechen die Zahlen dafür, dass selbst die Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge die Fluchtgründe der Afghanen für durchaus überzeugend halten. Wenn es zu einem Asylverfahren in Deutschland kommt, ist die Anerkennungsquote hoch: Im zweiten Quartal 2015 erhielten fast 80 Prozent der afghanischen Asylsuchenden Schutz.

"Afghanen werden strukturell benachteiligt"

Günter Burkhardt von Pro Asyl glaubt, dass afghanische Flüchtlinge strukturell benachteiligt werden: "Das fängt schon an den Außengrenzen Europas an. Auf Lesbos oder Kos werden syrische Flüchtlinge schnell registriert, während afghanische Flüchtlinge wochenlang warten müssen."

Wenn ein afghanischer Flüchtling es bis nach Deutschland schaffe, dürfe er im Gegensatz zu einem Syrer seine Fluchtgründe oft gar nicht erst vortragen. "Während Syrer nicht mehr nach Ungarn abgeschoben werden, wendet die Regierung bei Afghanen das Dublin-Verfahren weiterhin an." Laut Pro Asyl werden etwa ein Drittel der afghanischen Anträge auf diese Art "formell" erledigt.

Ob diese Ungleichbehandlung auch politische Gründe hat? "Wenn man böse ist, müsste man eigentlich sagen, dass der gescheiterte Afghanistan-Einsatz nicht zugegeben werden soll", sagt Burkhardt. Mit Sicherheit lässt sich zumindest sagen, dass Afghanistan über Syrien in den Hintergrund gerückt ist. Seit dem Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan hat sich die Sicherheitslage dort stetig verschlechtert, die Zahl der zivilen Opfer ist so hoch wie nie. Die Entscheidung, aus Afghanistan abzuziehen, könnte die Bundesregierung nun auch in Form von steigenden Flüchtlingszahlen wieder einholen.

© SZ.de
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