Afghane Danial M. im Kirchenasyl Seehofers verhinderte Nummer 70

Ein voll integrierter Afghane soll wegen einer Formalität abgeschoben werden. Nun sitzt der 22-jährige Danial im oberfränkischen Kirchenasyl. Sein Fall könnte für die CSU-Spitze knifflig werden.

Von Oliver Das Gupta, Bayreuth/Kulmbach

Als der Regen nachlässt, will Danial M. endlich sein Können zeigen. Immer wieder fliegt der Ball in seine Richtung: rechts halbhoch, rechts oben, links unten über den nassen Rasen. So geht das viele Minuten. Der großgewachsene 22-Jährige hält fast jeden Schuss. Mit seinen Reflexen hat er als Torwart dem FC Neuenmarkt viele Gegentreffer erspart. Vergangenes Jahr schaffte der Verein aus dem oberfränkischen Ort zwischen Kulmbach und Bayreuth den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse. Dass es klappte, lag auch an Danial, sagt der Trainer.

Aber das ist Vergangenheit. Zum Kicken bleibt Danial M. vorerst nur noch der begrünte Innenhof der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayreuth. Dort ist er vor der Abschiebung ins Kirchenasyl geflüchtet. Das war vor nicht einmal zwei Wochen. Die regionale Presse berichtete, inzwischen ist aus der Causa ein Politikum geworden. Das liegt auch an Horst Seehofer.

Danial M. kannte ihn bis vor ein paar Wochen nicht, er interessierte sich für seine Familie, Sport und seine Freundin, für Politik eher nicht. Nun weiß er, wer Seehofer ist. Es gibt sogar so etwas wie eine Verbindung zwischen dem CSU-Chef und dem Berufsschüler aus Nordbayern - seit dem 3. Juli. Am Abend hob der Flieger aus München in Richtung Kabul ab. An Bord der Maschine saßen jene Afghanen, über die Seehofer später witzelte. 69 Abgeschobene an seinem 69. Geburtstag - "das war von mir nicht so bestellt", sagte der Bundesinnenminister bei der Vorstellung seines "Masterplans Migration" in Berlin. Danial war als Seehofers Nummer 70 vorgesehen. Aber die Polizei verpasste ihn.

Die Glaubensnachfahren der Flüchtlinge von einst bieten einem aktuellen Flüchtling Zuflucht

Als ihn die Beamten am frühen Morgen bei seiner Familie abholen wollten, war der 22-Jährige krank bei seiner Freundin. Seitdem bewahrt ihn das Kirchenasyl in der Evangelisch-reformierten Gemeinde in Bayreuth vor der Abschiebung.

Im 17. Jahrhundert wurde die Gemeinde von Hugenotten gegründet. Die aus religiösen Gründen verfolgten Franzosen wurden damals in mehreren deutschen Fürstentümern aufgenommen, so auch von der Markgrafschaft Bayreuth. Nun bieten die Glaubensnachfahren der Flüchtlinge von einst einem aktuellen Flüchtling Zuflucht. Für den Afghanen ist die Welt, in der er sich frei bewegen kann, zusammengeschrumpft auf wenige Gebäude um den grünen Garten, in dem untertags die Mädchen und Jungs eines Kindergartens herumtollen.

Danial M. hat seit seiner Ankunft in Deutschland einen beachtlichen Weg zurückgelegt, man kann auch sagen: Er hat seine Chancen genutzt. Innerhalb von drei Jahren hat er Deutsch gelernt und seinen Schulabschluss gemacht. Nun wollte er seine Ausbildung bei einer Schuhhandelsfirma beginnen. Dafür hätte er eine neue Duldung beantragen müssen - als Einziger seiner Familie. Aber er wusste nichts davon, die ehrenamtlichen Betreuer verschwitzten es, den Afghanen auf die Formalität hinzuweisen, nun ist er ohne Schutz und kann abgeschoben werden. Von einem "fatalen Fehler" spricht eine Helferin der evangelischen Kirche.

Der Fall von Danial M. fällt in eine besonders aufgeladene Zeit, in der die Bundesregierung fast an der Asylpolitik zerbrochen wäre. Mit Blick auf die bayerische Landtagswahl schlug die CSU-Spitze zwischenzeitlich Töne an, die Kritiker als rechtspopulistisch geißeln. Die Zahl der abgeschobenen Afghanen stieg auffallend an: Seit Ende 2016 hat Deutschland insgesamt etwa 300 Afghanen abgeschoben, doch die Zahl ging nun deutlich nach oben. Beim letzten Flug kamen allein 51 der 69 Männer aus Bayern. Darunter befanden sich Straftäter, aber auch Männer, die im ländlichen Raum besonders gut integriert waren - so wie Danial M., der 2015 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist.

Horst Seehofer hat den Anstand verloren

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Die Geschichte von Danial M. ist von Flucht geprägt. Seine Eltern gehören der verfolgten Minderheit der Hazara an. Sie flohen in den neunziger Jahren vor den Übergriffen der radikalislamischen Taliban nach Iran. Dort sind Danial und seine Geschwister geboren und aufgewachsen. 2014 wies das Mullah-Regime die Familie nach Afghanistan aus. Nach wenigen Monaten ermordeten die Taliban Danials Onkel, einen Polizisten.

Es begann eine neue Flucht, diesmal weit nach Westen: über Iran und die Türkei, dort wurden sie von Schleusern bestohlen; dann ging es in einem wackeligen Schlauchboot über die Ägais auf eine griechische Insel, anschließend über den Balkan und Österreich nach Deutschland. In Oberfranken endete die Flucht.

"Die Menschen sind in Deutschland meistens freundlich", sagt Danial. Nur in der Berufsschule diskriminiere eine Lehrerin den jungen Afghanen immer mit islamfeindlichen Sprüchen, erzählt eine Mitschülerin. Dabei attestieren alle, die mit Danial sonst zu tun haben, dass er ausgesprochen höflich ist und sich an alle Regeln hält. Der Mann ist, wie der Rest der Familie M., so zurückhaltend religiös, wie die meisten hiesigen Christen.

"Auf den kannst du dich 100-prozentig verlassen", sagt der Trainer

Danial M., seine Geschwister und seine Eltern gelten als Musterbeispiel gelungener Integration: Alle lernen Deutsch, die Kinder gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung.

Danial ist sogar ein klein wenig prominent durch seine Auftritte als Torhüter. Im entscheidenden Aufstiegsspiel bejubelten Hunderte Zuschauer die rettenden Paraden ihres Torhüters, so erzählen es Einheimische. Seine Teamkameraden schwärmen von dem jungen Afghanen, auch vom gemeinsamen Feiern an Fasching.

Danial sei fleißig, hilfsbereit und im positiven Sinne ehrgeizig, sagt sein Trainer Florian Schlegel, "auf den kannst du dich 100-prozentig verlassen". Den bodenständigen Franken macht die Situation fassungslos. Warum, fragt Schlegel, schiebe man nicht ausländische Straftäter ab anstatt integrierte Leute wie Danial? Wegen einer Formalie dürfe man einen, der sich ansonsten vorbildlich verhalte, nicht abschieben, findet Schlegel: "Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand."