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AfD-Spendenskandal:Die Spur führt in den Hunsrück - und nach Belgien

AfD Weidel Spenden

132 000 Euro gingen im Bundestagswahlkampf 2017 auf ein Konto in Alice Weidels Wahlkreis Bodensee ein.

(Foto: dpa)
  • Zwölf der 14 Namen auf der umstrittenen Liste angeblicher AfD-Spender kommen aus Orten im Hunsrück.
  • Nach Informationen von SZ, NDR und WDR nahm eine Schlüsselrolle ein Spanien-Auswanderer ein, der eine andere Familie überredete, die Namen unter Spendenquittungen zu setzen.
  • Ein Gönner aus Belgien willigte "aus persönlichen Gründen ein", die Kampagne der AfD mit seinem Namen zu unterstützen.

Womöglich hat sich das Schicksal hier, im Hunsrück, nur einen Scherz erlaubt. Reporter von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR reisen durch die Provinz, um sich auf die Spur von 14 Namen angeblicher Spender der AfD zu begeben. Diese Namen sollen in der Affäre um die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel und weitere Spitzenfunktionäre der Partei eine Rolle spielen. Und durch welche Orte kommt man da im Hunsrück? Durch Kleinweidelbach und Altweidelbach.

Die Schweizer Drogeriefirma Pharma-wholesale hat diese 14 Namen im November auf Wunsch der AfD und der Bundestagsverwaltung nach Berlin geschickt, um eine möglicherweise illegale Spende von 132 000 Euro zu erklären. Das Geld war im Bundestagswahlkampf 2017 von Pharmawholesale auf ein Konto in Weidels Wahlkreis Bodensee überwiesen worden. Inzwischen sind die Zweifel groß, ob die Liste die echten Spender nennt; durch die Reise nach Rheinland-Pfalz werden sie noch größer: Offenbar sollten mit krimineller Energie Spuren wahrer Geldflüsse verwischt werden, mithilfe von Strohmännern, hinter denen sich die wahren Geldgeber verbergen. Nicht nur im Fall um Alice Weidel.

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AfD-Fraktionschefin Alice Weidel bestreitet in der Spendenaffäre sämtliche Vorwürfe. Andere Parteien würden schließlich auch Spenden erhalten.

Zwölf der 14 Namen auf der Zürcher Liste haben einen Bezug zu kleinen Weilern in einem Umkreis von etwa 20 Kilometern im Hunsrück. An den Adressen stehen Einfamilienhäuser mit Jägerzaun, viele der angeblichen Spender tragen sogar denselben Nachnamen. SZ, NDR und WDR haben mit mehreren dieser mutmaßlichen Strohleute gesprochen. Eine Schlüsselrolle könnte demnach ein vor rund 20 Jahren an die spanische Costa Brava ausgewanderter Mann aus der Gegend spielen, der den Kontakt zur Heimat nie abreißen ließ. Wie genau er im Sommer 2017 mit den Hinterleuten der Parteispendenaffäre in Kontakt gekommen ist und was er über diese weiß, ist unklar. Sicher scheint den Recherchen zufolge, dass zwölf Namen im Fall Weidel mit ihm zu tun haben. Auch die Ehefrau und die Schwiegermutter des Spanien-Auswanderers sollen auf der Spenderliste stehen.

Das Oberhaupt einer Familie, deren Mitglieder ebenfalls als angebliche Spender geführt werden, hat inzwischen Ermittlern der Kriminalpolizei berichtet, dass sich der Kumpel aus Spanien im Sommer 2017 bei ihm gemeldet habe. Er suche in fremdem Auftrag nach Leuten, die ihre Namen unter Spendenquittungen setzen und dafür einen schnellen Tausender verdienen wollten. Auf Nachfrage erfuhr der Hunsrücker Freund offenbar, dass es um den AfD-Politiker Jörg Meuthen gehen solle, willigte ein, setzte seine Unterschrift unter eine Quittung, und seine Frau tat es ihm gleich. Das Geld floss, der Deal schien zu klappen.

Dann meldete sich der Freund im folgenden Herbst wohl erneut, diesmal sollte es um die Politikerin Alice Weidel gehen. Der Pfälzer fackelte nicht lange und sprach auch mit weiteren Verwandten - die ebenfalls ihre Namen hergegeben haben sollen. Doch Geld hätten sie nicht bekommen.

Belgier gab seinen Namen "aus persönlichen Gründen"

Ein weiterer vermeintlicher Gönner auf der Liste soll in Belgien leben, im Großraum Antwerpen, und gehört nach bisherigen Erkenntnissen nicht zu der Hunsrück-Clique. Offenbar unterhält er eigene Verbindungen in die Schweiz. Unter seinem Namen, der auf mehreren AfD-Spenderlisten stehen soll, wurden im April 2018 nach Informationen von SZ, NDR und WDR noch mal 9000 Euro an Weidels Kreisverband überwiesen - gerade als sich die AfD entschlossen hatte, die 132 000 Euro an Pharmawholesale zurückzuzahlen. Daneben tauchen bisher ebenfalls unbekannte Zahlungen zweier weiterer angeblicher Geldgeber in Höhe von 9000 und 20 000 Euro auf. Fraglich ist in allen drei Fällen, ob das Geld wirklich von ihnen stammt.

An der angegebenen Adresse des Belgiers steht eine Villa mit herrschaftlich anmutenden Türmchen, auf deren Klingelschild aber sein Name nicht steht. Die Spur zu diesem Spender führt weiter ins Stadtviertel Diamant und in ein Geschäftshaus mit vielen Briefkästen. Im siebten Stock betreibt der Sohn des Geschäftsmannes seine Firmenzentrale, der Vater nutzt das Büro für seine Arbeit für eine deutsche Immobilienfirma mit. Er selbst ist zwar nicht zugegen, ein Angestellter ruft ihn jedoch an. Widerstrebend berichtet der Mann, schon vor langer Zeit aus der Schweiz angerufen worden zu sein: Sein Name könne nützlich sein, um Geld an die deutsche AfD zu transferieren. Er habe eingewilligt, "aus persönlichen Gründen", wie er sagt. Geld habe er dafür nicht bekommen. Mit dem Namen der Pharmawholesale, der er laut Spenderliste Geld übermittelt haben soll, könne er nichts anfangen. Wer ihn angerufen hat, will er nicht sagen.

Alice Weidel hat über diese Geldflüsse aus dem Frühjahr 2018 bisher noch nie gesprochen. Auf Anfrage erklärte ihr Anwalt Gerhard Strate, er erkenne kein rechtswidriges Verhalten seiner Mandantin. Die Staatsanwaltschaft Konstanz, die gegen Weidel und weitere Beschuldigte ermittelt, wollte sich am Donnerstag auf Anfrage nicht äußern, ebenso wenig die Pharmawholesale. Die AfD gab an, mit der Bundestagsverwaltung zu kooperieren.

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