Fall Magnitz "Das Video spricht für sich"

Der Tatort in Bremen, am Tag danach. Über Täter und Motive wissen die Ermittler jedenfalls offiziell noch nichts.

(Foto: REUTERS)
  • Die Bremer Ermittler glauben, dass Magnitz' Verletzungen nicht von Schlägen am Boden stammen, sondern von einem ungefederten Sturz.
  • Ein Mann soll Magnitz umgestoßen und danach sofort von seinem Opfer abgelassen haben.
  • Die Videoaufzeichnung aus offenbar verschiedenen Perspektiven passt nur teilweise zu den Angaben der AfD.
Von Peter Burghardt, Hamburg

Die Bremer Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich das Video vom Angriff auf den AfD-Politiker Frank Magnitz sehr genau angesehen, es änderte ihren Blick auf diese Tat ein wenig. Sie zweifeln nach wie vor nicht daran, dass Magnitz am Montagnachmittag brutal attackiert wurde. Aber sie glauben, dass seine Verletzungen nicht von Schlägen am Boden stammen, sondern von einem ungefederten Sturz, ausgelöst durch einen Schlag auf den Rücken. Ein Mann soll Magnitz umgestoßen und danach sofort von seinem Opfer abgelassen haben. "Das Video", so Frank Passade, Sprecher von Bremens Staatsanwaltschaft, "spricht für sich."

Die Sonderkommission ermittelt deshalb statt wie zunächst wegen versuchter Tötung wegen gefährlicher Körperverletzung. Über Täter und Motive wissen die Ermittler jedenfalls offiziell noch nichts. Einen politischen Hintergrund könne man "nicht ausschließen", sagt Passade, mehr nicht. "Vieles ist denkbar."

Die Aufzeichnung aus offenbar verschiedenen Perspektiven passt nur teilweise zu den Angaben der AfD. Mehrere Parteivertreter und auch Magnitz selbst sprechen von einem Mordversuch, seit der Bremer AfD-Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete in einem Hinterhof verletzt worden war. Magnitz, 66, wurde in ein Krankenhaus gebracht und unter Personenschutz behandelt. Fotos zeigten ihn mit Blut und Schwellungen im Gesicht, auch von einer Gehirnerschütterung war die Rede. Am Mittwoch verließ er die Klinik auf eigene Verantwortung.

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Laut AfD war Magnitz von drei Vermummten mit einem Kantholz niedergeschlagen worden. Es hieß, Handwerker seien dazwischen gegangen und hätten ihm das Leben gerettet. Eine polizeiliche Auswertung von Aufnahmen der Überwachungskameras am Tatort allerdings kam zu zumindest etwas anderen Ergebnissen.

Ein Mann habe Magnitz von hinten angesprungen

Die Täter seien Magnitz gefolgt, sie hätten Kapuzen und Schals getragen. Ein Mann habe ihn von hinten angesprungen, "den Ellbogen voraus", berichtet der Bremer Oberstaatsanwalt Passade. Ein Zweiter sei nebenher gelaufen, ein Dritter im Hintergrund. Magnitz habe seine Hände anscheinend in den Taschen gehabt und sei ungebremst gestürzt. "Da wäre jeder umgefallen."

Die drei Verdächtigen seien sofort geflüchtet und schon während des Sturzes "in der Fluchtbewegung" gewesen, es habe keine Tritte oder Schläge auf den am Boden liegenden Magnitz mehr gegeben. Von einem Kantholz oder einem anderen Gegenstand keine Spur, nichts davon sei auf dem Video zu erkennen. Magnitz habe sich aufgerappelt, die besagten Handwerker hätten den Rettungsdienst gerufen und ansonsten nicht eingegriffen.

Der Verletzte und seine Helfer wurden am Dienstag vernommen, Einzelheiten sind unbekannt. Frank Magnitz sagte in mehreren kurzen Gesprächen mit Medien, er könne sich an den Tathergang nicht erinnern. Einmal erklärte er lediglich, auf dem Weg zwei Fehler gemacht zu haben. Er sei kurz bei einer Gedenkveranstaltung für den 2005 in Bremer Polizeigewahrsam nach dem Einsatz von Brechmitteln verstorbenen Asylbewerber Laye-Alama Condé stehen geblieben. Das unterstellte, dass Aktivisten der Erinnerungsaktion an Condé beteiligt gewesen sein könnten, was die Initiative abstreitet.

Außerdem habe er den Weg über den dunklen Theaterhof gewählt. Seine Verletzungen gingen "bis auf den Knochen", sagte er dem Weser-Kurier. "Der Arzt sagte, dass ich ein Wahnsinnsglück hatte, dass mein Schädel gehalten hat." Er sei ins Gesicht und gegen das linke Knie getreten worden. Die Ermittler konnten davon nichts erkennen. Das Videomaterial sei "lückenlos", so Frank Passade von der Bremer Staatsanwaltschaft. Gerichtsmediziner müssten beurteilen, ob der Sturz die Verletzungen verursacht haben könne.

Magnitz selbst hatte zuerst von einem Mordanschlag gesprochen, dann der Bild gesagt, es könne "auch ein Raubüberfall gewesen sein". Das hat er mittlerweile verworfen: In der Donnerstagsausgabe der Welt spricht er ungeachtet der Polizeiaussagen erneut von einem "Mordanschlag". Die Attacke trage "die Handschrift von Linksextremisten", sagte er der Zeitung. In der AfD herrscht die Gewissheit vor, die Angreifer seien durch politische Gegner und Medien angestachelt worden. Bundespräsident, Bundeskanzlerin und sämtliche Fraktionen verurteilten die Tat und politische Gewalt allgemein. Der Deutsche Journalistenverband nennt die Vorwürfe gegen Journalisten "nicht hinnehmbar". Die Bremer Polizei sucht derweil nach Zeugen und hat im Internet ein Hinweisportal freigeschaltet.

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