AfD nach der Europawahl:Nüchterner Größenwahn

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Afd Europawahl Lucke

Seine "Alternative für Deutschland" sei "eine kleine Volkspartei", sagt Lucke

(Foto: dpa)

Eine Partei für alle Schichten? Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel erklären nach dem starken Abschneiden bei der Europawahl, warum sie ihre AfD für eine Volkspartei halten. Und schmieden Pläne für die Zukunft.

Von Jens Schneider, Berlin

Ein wenig Größenwahn am Wahlabend gehört zum Politiker-Alltag. Aber am Tag danach? Da hat sich doch der Adrenalinspiegel gesenkt, es kann nüchtern analysiert werden. Am Tag danach aber wiederholte Bernd Lucke gern noch einmal eine Formulierung, die am Wahlabend einige Heiterkeit auslöste. Sie kam ein bisschen fett daher, wobei die Aussage bei dem 51-jährigen Ökonomen aus Winsen an der Luhe bei ihm klang, als wäre es eine nüchterne Analyse.

Seine "Alternative für Deutschland" sei "eine kleine Volkspartei", sagte Lucke am Montag vor Journalisten noch einmal und verwendete sogar einige Zeit darauf, seine Erkenntnis auszuführen, die bei einer Sieben-Prozent-Partei nicht so richtig naheliegt. Die AfD sei anders als Grüne oder FDP keine Klientelpartei, erklärte er. Sie spreche - wie die ersten Analysen zeigten - alle sozialen Schichten an, von bürgerlichen Akademikern bis zu einfachen Arbeitern. Ein Arbeiter käme wohl nicht auf die Idee, so Lucke, Grüne oder FDP zu wählen.

Olaf Henkel verbittet sich die Einordnung in die rechte Ecke

Dieser Montag ist der Tag, an dem die Spitze der eurokritischen "Alternative für Deutschland" das Gefühl ausstrahlt, dass sie jetzt ihren Platz in Deutschlands Politik beanspruchen könne, und zwar nicht nur für kurze Zeit. Gut ein Jahr nach der Gründung der AfD präsentierte Lucke die sechs anderen künftigen Europa-Abgeordneten, die mit ihm nach Brüssel gehen werden. Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel, er ist Partei-Vize, nutzte die Vorstellungsrunde für einen Appell an die Journalisten. Seine sechs Kollegen und er kämen aus der Mitte der Gesellschaft, sagt er. Diese sieben hätten sich nicht in Parteien "nach oben gebuckelt", sagte Henkel. Sie alle sind wie Lucke und Henkel Politik-Novizen, für sie wird die Parlamentsarbeit ein neues Feld sein. "Hier stehen Personen vor Ihnen, die im Leben was geleistet haben", sagte Henkel den Journalisten. Man solle endlich damit aufhören, die AfD als extrem rechts zu bezeichnen. Dass ihm so etwas passieren könnte, hätte er sich nicht vorstellen können. "Das hat alle von uns extrem verletzt."

Noch immer sind viele Beobachter auf der Suche nach Zeichen, um diese Partei einzuordnen, deren Chef Lucke gern sagt, dass die Kritik am Euro doch keine Frage von links oder rechts sei. Ein wichtiges Signal sollte an diesem Montag mit der Antwort auf die Frage gesetzt werden, mit wem die AfD im Europäischen Parlament eine Fraktion bilden könnte. Vor der Wahl gab es Spekulationen, dass ihre Abgeordneten sich mit der als rechtspopulistisch eingestuften britischen Ukip verbinden könnten. Einige in der AfD schlossen das nicht aus, Lucke schon. "Wir werden uns mit demokratischen Kräften verbünden", betonte er nun am Montag.

Schon lange schwebte ihm vor, mit den britischen Konservativen von David Cameron in einer Fraktion zusammenzuarbeiten. Mit deren Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten (EKR) gab es erste Vorgespräche. Außer den Tories, die dort bisher dominierten, gehören auch liberal-konservative Tschechen und die polnische Partei Recht und Gerechtigkeit dazu. Wie die AfD will diese Fraktion die Kompetenzen für Brüssel begrenzen und lehnt einen europäischen Bundesstaat ab, befürwortet aber die Europäische Union.

Lucke will für die Zukunft auch eine Koalition mit der SPD nicht ausschließen

Bei Lucke richtet sich der Blick zugleich auf die nächsten wichtigen Wahlen. Ende August und Anfang September wird in Sachsen, Brandenburg und Thüringen gewählt. In Sachsen erzielte die AfD, wie schon bei der Bundestagswahl, ihr bestes Ergebnis: 10, 1 Prozent der Stimmen. Auch in Brandenburg schnitt sie gut ab. Lucke hat die Lage in Dresden, wo die CDU unter Stanislaw Tillich noch mit der FDP regiert, schon genauer betrachtet. Die Christdemokraten würden dort nach dem 31. August wohl wieder einen Koalitionspartner brauchen, stellte er am Montag mit Blick auf das sächsische Ergebnis fest - wohl wissend, dass die FDP das vielleicht nicht mehr sein könnte. "Die AfD hat Gestaltungswillen", kündigte er an. Sie sei für Koalitionen "grundsätzlich offen".

Und wo der CDU künftig die FDP gänzlich fehlen könne, sei ihr die AfD als neue Option auf Länderebene vielleicht "nicht ganz unpraktisch". Aber Lucke will sich an diesem Montag keine Grenzen setzen. Seine AfD sei nicht auf die CDU fixiert, erklärt der Mann, der einst viele Jahre der CDU angehörte. Man werde den Christdemokraten nicht hinterherlaufen. Wenn die SPD bereit sei, könne man sich auch da was vorstellen.

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