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AfD:Frauke Petrys Avancen sorgen beim Zentralrat der Juden für heftige Reaktionen

Frauke Petry und Björn Höcke

AfD-Chefin Frauke Petry behauptet, dass ihr Juden besonders am Herzen liegen würden. Doch die Partei selbst fällt immer wieder durch Antisemitismus auf.

(Foto: dpa)
  • Die AfD sei "einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland", behauptet die Partei.
  • "An Dreistigkeit und Verlogenheit kaum zu übertreffen", so nennt Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Petrys Avancen.
  • Demonstrative Nähe zu Juden und Israel zu betonen, sich gar zur Schutzmacht zu erklären - all das gehört ins feste Repertoire von Europas Rechtsaußen-Parteien.

Frauke Petry und ihre "Alternative für Deutschland" geben seit Monaten ein miserables Bild ab. Streit, Intrigen und Tränen in der AfD sorgen für Schlagzeilen und schwindende Umfragewerte. Vor diesem Hintergrund kann man wohl die aktuellen Äußerungen von Petry in einem Welt-Interview verstehen, die nicht angreifen, sondern Sympathie bekunden: Die AfD sei "einer der wenigen politischen Garanten jüdischen Lebens auch in Zeiten illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland."

Die Formulierung ist ziemlich gewitzt: Petry verquickt Migration pauschal mit Judenhass und suggeriert, dass sich auf politischer Ebene fast niemand in der Bundesrepublik für jüdisches Leben einsetzt. Die Kernaussage aber lautet: Ausgerechnet der AfD liegen die etwa 100 000 Menschen in Deutschland mit jüdischem Hintergrund besonders am Herzen. Das sorgt für Reaktionen, die heftig und eindeutig sind.

"An Dreistigkeit und Verlogenheit kaum zu übertreffen", so nennt Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Petrys Avancen. Die Partei missbrauche die Sorge jüdischer Bürger vor Antisemitismus unter Muslimen.

"Dreist" empfindet auch Josef Schuster Petrys Umgarnungsversuch. Der heutige Zentralsratspräsident hält der AfD allgemein und Petry persönlich vor, "die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands zu bagatellisieren". Man erlebe, wie die AfD Stimmung gegen Minderheiten schürt, seien es Asylbewerber oder Muslime.

Der in Berlin lebende israelische Satiriker Shahak Shapira hatte schon vorher die AfD abgekanzelt. Petrys Düsseldorfer Parteifreunde posteten: "Wir stehen als AfD an der Seite der jüdischen Gemeinde in Deutschland". Shapira: "Bitte steht woanders."

Die Reaktion auf Petrys Vorstoß war zu erwarten, bislang hat sich der Zentralrat stets klar von der AfD abgegrenzt. Petry und ihre Parteigenossen werden es trotzdem immer wieder versuchen, so wie ihre Polit-Partner bei den europäischen Nachbarn. In den Niederlanden betont der Islamfeind Geert Wilders seine Verbundenheit mit Israel, in Frankreich fordert Marine Le Pen die französischen Juden auf, auf der Seite ihres rechtsextremen Front-National gegen Islamisten zu "kämpfen", in Österreich veranstaltet die radikal rechte FPÖ ein Symposium mit dem Titel: "Haben wir aus der Geschichte gelernt? Neuer Antisemitismus in Europa".

Auch in der AfD engagieren sich inzwischen jüdische Deutsche

Demonstrative Nähe zu Juden und Israel zu betonen, sich gar zur Schutzmacht zu erklären - all das gehört ins feste Repertoire von Europas Rechtsaußen-Parteien. Bis vor wenigen Jahren war das anders: Immer wieder drangen aus Parteien wie dem FN oder FPÖ antisemitische Äußerungen an die Öffentlichkeit. Le Pens Vater Jean-Marie verharmloste immer wieder den Holocaust. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache war in jungen Jahren fest in der Neonazi-Szene aktiv; die "Juden-Sager" des Politikers Strache sind berüchtigt. Früher machte er im Wahlkampf Stimmung gegen einen angeblichen EU-Beitritt Israels und veröffentlichte eine antisemitische Karikatur.

Das hat sich geändert: Gehässigkeiten gegen Muslime befördern Le Pen und Strache weiterhin, Gehässigkeiten gegen Juden strafen sie rigoros ab. Le Pen warf ihren Vater aus der Partei, die FPÖ verfuhr ähnlich mit einer Parteifreundin, die sich bei Facebook antisemitisch äußerte.

In Frankreich wie in Österreich zeigt sich, dass die Strategie des Anbiederns mittelfristig einen gewissen Erfolg hat. Angesichts des Antisemitismus unter Muslimen, sollen etwa 13 Prozent der jüdischen Franzosen für den FN gestimmt haben. In Österreich hat Strache inzwischen Österreicher mit jüdischen Wurzeln in die Partei geholt und zu Posten verholfen, Strache und sein Vize Norbert Hofer besuchten demonstrativ Israel.

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Auch in der AfD engagieren sich inzwischen jüdische Deutsche und es könnten mehr werden. Die Rechtspopulisten werben in jüdischen Altenheimen, auch russischstämmige Juden sollen gezielt umworben werden. Tatsächlich haben auch viele jüdische Menschen Angst vor Judenfeindlichkeit unter Muslimen. Es ist wohl kein Zufall, dass Petry ihre Avancen startete, kurz nachdem ein jüdischer Jugendlicher in einer Berliner Schule gemobbt worden war und dann von seinen Eltern von der Schule genommen wurde.

Allerdings ist es nicht gewiss, inwieweit die Der-Feind-deines-Feindes-ist-dein-Freund-Masche der AfD in der Bundesrepublik tatsächlich verfängt. Warum sollten jüdische Bürger eine Partei wählen, in der sich Funktionäre und Mandatsträger immer wieder antisemitisch äußern ohne ihre Mitgliedschaft zu verlieren? Solange der völkisch-nationalistische Flügel eines Alexander Gauland und Björn Höcke Macht hat, dürfte die AfD bei deutschen Juden kaum punkten.

Auch Frauke Petry wird daran nichts ändern. Es wäre nicht ihr erster Rückschlag in der Sache. Die angeschlagene AfD-Vorsitzende ist nach FPÖ-Vorbild 2016 nach Israel gereist, um einen Vortrag zu halten. Doch als die Gastgeber erfuhren, wer Petry ist, wurde die Veranstaltung abgesagt. "Petry lässt kaschern", titelte damals die Jüdische Allgemeine Zeitung: Die AfD-Chefin wollte sich koscher erklären lassen - erfolglos.

© SZ.de/dayk
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