bedeckt München 19°
vgwortpixel

AfD:Angst vor der Altersarmut - und dem Statusverlust

Im nächsten Moment erzählt Fichte lächelnd von ihrer erwachsenen Tochter. Sie holt ihr schwarzes Lederportemonnaie heraus und legt es geöffnet auf die Marmorplatte des Tisches. Sie zeigt auf alte Fotos von einem blonden Kleinkind. Dann auf ein fünfjähriges Mädchen in kurzen Hosen. Die Schwangerschaft mit ihr sei ungeplant gewesen. "Mein Chef damals hat gesagt: Komm, wir nehmen mein Auto, in ein paar Stunden sind wir in den Niederlanden. Da wirst du das Kind los." Sie zuckt mit den Schultern, als Frau habe man es noch nie leicht gehabt, heute aber noch schwerer als damals, sagt Fichte. Sie habe immer hart gearbeitet, nie Zeit für ihre Tochter gehabt. Deshalb könne sie verstehen, wenn die AfD eine Mutter lieber zu Hause bei ihren Kindern sieht. "Ich habe es bestimmt nicht richtig gemacht als Emanze und Karrierefrau. Meine Tochter sagt heute: Meine Kindheit war scheiße, du warst ja immer im Stress." Aber würde sie aus heutiger Sicht wirklich ein Leben als Hausfrau vorziehen, wie es die AfD propagiert? Fichte weicht aus, lässt Verunsicherung hinter dem selbstbewussten Auftreten erkennen. Und Angst.

Obwohl sie immer gerarbeitet habe, komme sie in Rente gerade noch so über die Runden, sagt die zierliche Frau. Und so gehe es allen in ihrem Umfeld. "Ich habe richtig Schiss. Eine Freundin von mir hat schon gemeint, wenn sie sich das Leben in ein paar Jahren nicht mehr leisten kann, begibt sie sich in die Schweiz." In die Schweiz? "Ja, um sich einschläfern zu lassen."

Es sind die vielen Episoden aus Fichtes Leben, die zusammengefügt den Widerspruch der AfD-wählenden emanzipierten Frau ein wenig auflösen. Die verständlicher machen, warum sich jemand politisch radikalisiert. Die aber nicht abmildern können, dass Fichte aus voller Überzeugung solche Sätze sagt: "Wir Deutschen fahren mit der Tram und müssen stehen, während die jungen Asylanten lachend mehrere Sitzplätze blockieren. Die werden von uns eingekleidet und mit Handys ausgestattet. Und die Deutschen stehen. Da stimmt etwas nicht im Gefüge."

Die Berliner Politologin und Juristin Elisa Gutsche kennt solche Argumentationen. "Rassistische Impulse tauchen immer wieder auf, wenn Menschen Angst um ihre finanzielle Situation und ihre Zukunft haben", erklärt sie. Für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat sie eine große Länderstudie zum wachsenden Interesse von Frauen an rechtspopulistischen Parteien in Europa herausgebracht. "Ein Statusverlust kann zu Radikalisierung führen." Frauen und Männer unterscheiden sich demnach gar nicht groß in ihren Beweggründen, rechts zu wählen.

Politologin: "Frauenquote nicht oberste Priorität, wenn man Miete nicht zahlen kann"

Es lasse sich beobachten, dass rechtspopulistische Parteien in anderen Ländern sobald sie regieren eine frauenfeindliche Politik verfolgen, sagt Gutsche. So wurden in Österreich und Polen massiv Geld für Frauenberatungsstellen und Gleichstellungspolitik gestrichen. Doch das werde von vielen Wählerinnen dieser Parteien offenbar in Kauf genommen. "Eine Frauenquote ist nicht die oberste Priorität, wenn man Probleme hat, die Miete zu bezahlen", sagt Gutsche. Die Politologin ist sicher, dass die AfD 2019 soziale Ängste ins Zentrum ihres Wahlkampfes stellen werde. Für die Rechten sei das ein Mittel, um Stimmen zu holen und zu wachsen. Und beispielsweise frühere CSU-Wähler wie Maria Fichte in die Partei zu holen.

Die frühere Funktionärin Franziska Schreiber kennt diese Strategie aus ihrer Zeit in der AfD. Sie habe damals in einer Parallelwelt gelebt, erzählt sie in einem Interview mit der ARD. Die Partei suggeriere permanent, dass Frauen durch Migranten vergewaltigt werden. "Damit macht man ihnen Angst. Dann sind sie auch eher bereit, eine Partei zu wählen, mit der sie sonst eigentlich wenig gemeinsam haben. Und die sonst auch relativ wenig für sie tut."

Über den Antifeminismus rechter Parteien sehen viele deshalb hinweg, sagt Politologin Gutsche. Aber viele Frauen teilen ihn auch. Wie widersprüchlich das sein kann, zeigt sich bei Fichte. Sie tritt laut und bestimmt auf, will Frauenrechtlerin genannt werden; Feministin aber lieber nicht. Fallen die Worte "Me Too" oder "Gendern", verdreht die blonde Rentnerin die Augen. "Es gibt so viele Frauen, die schwach sind und das brauchen. Da schäme ich mich für mein eigenes Geschlecht." Sie macht eine Pause. "Ich musste schließlich auch immer stark sein."

Ungleichheit in Deutschland "Die AfD ist die neue Partei der Mittelschicht"
Die Recherche

Rechtspopulismus

"Die AfD ist die neue Partei der Mittelschicht"

Neue Heimat rechts: Warum wählt jemand erst links, dann AfD? Eine Spurensuche unter SPD-Anhängern - und solchen, die es einmal waren.   Reportage von Leila Al-Serori, München, und Hannah Beitzer, Berlin