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Rauswurf von Ex-Sprecher:Die AfD-Führung kann sich nicht wegducken

Der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland schätzte und schützte Ex-Sprecher Christian Lüth, weil er glaubte, dass das der Partei und ihm nutzte.

(Foto: AFP)

Nach den unentschuldbaren Sätzen über Migranten handelt die AfD ausnahmsweise schnell - und feuert ihren einstigen Sprecher Christian Lüth. Doch das ist nicht genug.

Kommentar von Jens Schneider

Die AfD hat bisher selten Eile gezeigt, wenn es darum ging, nach üblen Aussagen aus den eigenen Reihen klare Grenzen zu ziehen. Diesmal aber ging es schnell. Am Wochenende wurden die entsetzlichen und unentschuldbaren Sätze über Migranten bekannt, in denen es heißt, man könne die Menschen ja "später erschießen" oder "vergasen". Und fast unmittelbar danach feuerte die AfD den Mann, dem jene Zitate zugeschrieben werden. Der frühere Sprecher der Partei und der Fraktion Christian Lüth wurde fristlos entlassen.

Lüth war wegen anderer Aussagen schon vorher suspendiert, er soll sich gebrüstet haben, ein Faschist zu sein. Sein Posten ist inzwischen neu besetzt worden. Aber Lüth sollte weiter beschäftigt in der AfD-Fraktion bleiben, so der Stand bis zu diesem Montag. Nun distanzieren sich alle, und - immerhin - keiner sucht nach Erklärungen für seine Aussagen. Doch das kann nicht reichen. Die AfD hat einiges zu klären.

Ihre Führung tut in einer Mitteilung vom Montagabend, als hätte man Lüth eigentlich nie gekannt. Er sei kein Parteimitglied mehr und spreche schon seit 2018 nicht mehr für die AfD, heißt es da. Damals wechselte er freilich von der Partei auf den neuen Posten als Sprecher der Bundestagsfraktion, die gerade ins Parlament eingezogen war. Er wurde noch wichtiger. Und vorher war Lüth jahrelang Parteisprecher. Da genügt es nicht, wenn die Partei nun betont, dass die Aussagen, die sie ihm übrigens unmissverständlich zuschreibt, im direkten Gegensatz zu den freiheitlich-demokratischen Grundsätzen der AfD stünden. Ja, was denn sonst?

Wenn die Partei es ernst meinte mit diesen freiheitlich-demokratischen Grundsätzen, so müsste sie nun gründlich prüfen, was in ihren Reihen schiefläuft. Sie kann nicht einfach tun, als wäre der nun gefeuerte Sprecher nicht seit der Gründung einer von ihnen gewesen. Einer, der lange Zeit mitten im Machtzentrum Fäden zog. Er war in dieser Zeit zwar häufig umstritten und immer wieder mal auffällig, aber eben auch ein wichtiger Vertrauter vor allem des Parteigranden Alexander Gauland.

Gauland schätzte und schützte Lüth, weil er glaubte, dass das der Partei und ihm nutzte - so wie Gauland vorher schon in Brandenburg den Rechtsextremisten Andreas Kalbitz als seinen Nachfolger an der Spitze schätzte und aufsteigen ließ und sich nicht um dessen unappetitliche Vergangenheit scherte. Selbst seine eigene "Vogelschiss"-Aussage über das Dritte Reich hat Gauland zwar öffentlich bedauert und sich mehrmals entschuldigt, aber nie verstanden, wie schlimm sie tatsächlich war. Gewiss wäre es jetzt zu schlicht, der AfD oder ihrer Führung rundum die üblen Sätze zuzuschreiben, die am Wochenende bekannt geworden sind. Aber ihre Führung kann nicht so tun, als hätte der Vorgang nichts mit ihnen zu tun.

© SZ/fie
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