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AfD:Doris wer? Wie es zu den Turbulenzen auf dem AfD-Parteitag kam

Zunächst erweckt die AfD den Eindruck einer organisierten, berechenbaren Partei. Dann bekommt eine Unbekannte ihren Auftritt - und offenbart, wer wirklich das Sagen hat.

Wer ist denn das? Kennt jemand diese Frau? Der AfD-Parteitag in der Eilenriedhalle plätschert seit Stunden dahin, die Delegierten reiben sich mit Ausdauer in Rede und Gegenrede über die Geschäftsordnung auf. Es sieht aus, als wäre die AfD eine normale, berechenbare Partei geworden, bis das Gegenteil eintritt, mit dem Auftritt einer Unbekannten.

Gerade hat die AfD Jörg Meuthen wieder zum Vorsitzenden gewählt, mit 72 Prozent der Stimmen, einen Gegenkandidaten hatte er nicht. Ein mäßiges Ergebnis. Meuthen freut sich. Er hatte Schlimmeres befürchtet, nach der Aufregung um sein Doppelmandat im Europaparlament und in Stuttgart. Nach ihm soll nun der zweite Chef gewählt werden. Der Posten ist durch den Abschied von Frauke Petry vakant. Plötzlich steht Doris von Sayn-Wittgenstein auf dem Podium, als Kandidatin. Es ist der Auftakt für Turbulenzen, die der Partei in Erinnerung bleiben werden.

Die Kandidatin verfehlt nur um wenige Stimmen die absolute Mehrheit

Doris wer? Auf ihren Computern werfen Delegierte ihre Suchmaschinen an, sie erfahren, dass da eine Rechtsanwältin steht, die erst seit einem Jahr in der AfD ist. Die 63-Jährige ist in Schleswig-Holstein Landesvorsitzende, sei dort aber extrem umstritten, erzählt ein Delegierter aus dem Norden. Nein, er kenne die Frau nicht, bekennt ein Vorstandsmitglied am Rande. Und jetzt fordert sie den Favoriten für das Amt des zweiten Parteichefs heraus, für den der Abend eine unerwartete Demütigung wird, den Berliner Landesvorsitzenden Georg Pazderski.

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Ihn kennt man lange. Er ist seit Langem im Bundesvorstand, war mal Bundesgeschäftsführer und galt als Unterstützer von Frauke Petry. Streng im Ton, konservativ, er war 41 Jahre Soldat, hochrangiger Offizier der Bundeswehr. Aber er will die AfD mittelfristig auf eine Regierungsbeteiligung vorbereiten, das macht ihn in dieser Partei zu einem Pragmatiker. "Kritisieren ist eine Sache, verändern ist eine andere", sagt er in seiner Bewerbungsrede. Er bekommt kaum Applaus.

Die Kontrahentin verkündet, dass nicht sie den anderen Parteien Gespräche anbieten wolle, sondern sich "wünsche, dass die anderen um Koalitionsgespräche betteln". Da tobt der Saal. Auch will sie nicht ankommen, "in dieser sogenannten Gesellschaft." Sie sagt: "Das ist nicht unsere Gesellschaft. Da werden wir ausgegrenzt."

Sie zeigt Sympathie für die rechte "Identitäre Bewegung". Es könne nicht angehen, dass "Gruppierungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie vielleicht den Volkstanz üben, eine besondere Heimatliebe an den Tag legen". Wieder jubeln viele, dennoch ist das Ergebnis eine Sensation: Die unbekannte Kandidatin verfehlt nur um wenige Stimmen die absolute Mehrheit, Pazderski liegt knapp dahinter. Auch im zweiten Wahlgang bekommen beide keine Mehrheit.

Längst herrscht Aufruhr vor der Vorstandsbühne, Unterstützer von Pazderski schimpfen. Sie beklagen, dass der rechtsnationale "Flügel" um den Thüringer Rechtsausleger Björn Höcke hinter dieser Kandidatur steckt. Der stolziert zwischen den Reihen, stets grinsend.

Aus seinem Umfeld habe sonst niemand kandidieren wollen, wird von "Flügel"-Leuten erzählt. So kam es zu Sayn-Wittgensteins Auftritt. Sie spielte danach keine Rolle mehr. "Der Flügel führt uns ständig vor", klagt eine Delegierte aus dem Kreis der Gemäßigten. Pazderski ist aufgebracht.

Einige geben dem Partei-Granden Alexander Gauland die Schuld, weil im Hintergrund getroffene Absprachen nicht eingehalten worden seien. "Typisch Gauland", schimpft einer, der ihn lange kennt. Aber was sollen sie tun?

Gauland ist jetzt Co-Vorsitzender. Und die Moderaten sind endgültig in der Minderheit

Ratlos beantragt die Spitze eine Pause, man sucht eine Lösung, die wie Ausgleich der Flügel klingt. Ein neuer Wahlgang wird angesetzt. Pazderski gibt auf, allein Gauland tritt an, der Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Der Rechtskonservative, kein Freund Pazderskis, will "dafür eintreten, dass die Partei zusammen bleibt". Er betont, wie vorher schon Parteichef Meuthen, dass alle Flügel der Partei zusammenarbeiten sollen. Er formuliert eine Absage an die Idee, die AfD auf eine Regierungsbeteiligung vorzubereiten: "Wir dürfen nicht zu früh ankommen." Er bekommt 68 Prozent, das Patt der Kandidaten sei eine "gefährliche Situation" gewesen, sagt er später. Sein schwaches Ergebnis sieht nach einem Denkzettel der Moderaten aus, die freilich nur noch eine Minderheit sind.

Einige werden später als Beisitzer in den Vorstand gewählt, etwa die Fraktionschefin Alice Weidel, auch der "Flügel" ist dort vertreten. Der Parteitag ist kein Durchmarsch der Rechten. Aber an der Spitze ist der gemäßigte Kurs nicht mehr vertreten. Pazderski will weitermachen, die Partei professionalisieren, "um zu einem geeigneten Zeitpunkt aus einer Position der Stärke Regierungsverantwortung zu übernehmen", sagt er nach seinem Debakel.

Das Selbstverständnis der AfD drückt am Sonntagvormittag eine Rede Beatrix von Storchs aus, die danach zur Beisitzerin im Vorstand gewählt wird, als eine der wenigen Frauen an der Spitze. Die Partei dürfe kein Jota abweichen von ihren Standpunkten, sagt sie. Kompromisse? "Wir wollen die Nummer eins werden!" ruft sie aus. Und erst wenn die AfD die Nummer eins sei, so wie in Sachsen bei der Bundestagswahl, "dann werden wir irgendwann koalieren". Der Saal jubelt.

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