#sprachemachtpolitik:Tausende Zwischenrufe als verbales Ventil

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"Ich brauche Schmerzensgeld für die Rede!", so kommentierte Franziska Brantner von den Grünen Einlassungen des AfD-Vertreters Martin Sichert im Oktober. Die Rede (PDF des Protokolls) war ein thematischer Husarenritt, von der Impfpflicht über Genitalverstümmelungen bis hin zu Antisemitismus. Sie gipfelte in dem von Argumenten nur bedingt begleiteten Vorwurf an die Bundesregierung, eine finanzielle Entschädigung der Angehörigen der Opfer des Anschlags vom Breitscheidplatz käme einer Zahlung von "Blutgeld" gleich.

Es war eine denkwürdige Rede, die die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) abschließend nur mehr mit den Worten kommentieren konnte, dass sie "in hohem Maße die Grenze des politischen Anstands überschritten" habe. Denkwürdig auch deswegen, weil sie mit großem Abstand die meisten - 84 in nicht einmal zehn Minuten - Zwischenrufe dieser Legislaturperiode provozierte. Empörte wie "Ekelhaft!" oder "Schämen Sie sich!" und solche, die von einem gewissen Frustrationsgrad zeugten wie "Was hat man Ihnen in den Tee getan!"

Der Redner muss sich die Zwischenrufe gefallen lassen. Sie sind mal ein inhaltlich konstruktiver Beitrag, häufiger aber Ventil für Empörung oder auch eine gezielt eingesetzte Störung. Auch dieses politische Motiv dürfte eine Rolle spielen, wenn Abgeordnete bei AfD-Rednern verbal dazwischenfunken.

Und sie tun dies bis heute bei der AfD - wie schon vor der Regierungsbildung -besonders häufig. Sicherts Rede war insofern exemplarisch für das Verhalten der AfD und das der anderen Fraktionen ihr gegenüber: Die Rechten provozieren, die übrigen empören sich, geschlossen, eine gemeinsame Front gegen den Affront.

Die AfD erhält nach der Union, der Fraktion mit dem größten Redeanteil, die meisten Zwischenrufe, mehr als 11 000 bisher. Und nach wie vor sind es, wie die türkisfarbenen Balken in der Grafik zeigen, vor allem die Grünen und die SPD, die bei AfDlern laut werden. Die Protokollanten verzeichnen bei AfD-Reden mehr als 330 Zwischenrufe aus den Reihen der Grünen, mehr 460 aus denen der SPD. Allen voran von Ulli Nissen, die AfD-Reden mit 439 verbalen Interventionen gekontert hat, aber auch Marianne Schieder (SPD) und außerdem Michael Grosse-Brömer (CDU), die beide mehr als 320-mal laut wurden.

Auch hier scheint aber wieder die Frontstellung zwischen der AfD und den übrigen Fraktionen auf: Denn umgekehrt ist die Lust am Stören bei der AfD gegenüber den anderen ebenfalls ausgeprägt. Insgesamt ruft die isolierte AfD, deren Interventionen sich potentiell gegen jede andere Fraktion richten, häufiger dazwischen als alle anderen.

Auffälligster Unterschied zum ersten Halbjahr des neuen Bundestags: Damals kamen die meisten Zwischenrufe, wenn auch knapp, von den Grünen.

Die Datenauswertung zeigt aus ganz verschiedenen Blickwinkeln: Der erwartete oder auch befürchtete Gewöhnungsprozess im Umgang mit der AfD oder im Verhalten der AfD hat nicht stattgefunden. Stigmatisierung statt Normalisierung, die Rechten sind ein Solitär im parlamentarischen Betrieb - auch durch ihr eigenes Verhalten, das Gegenwehr bedingt. Für viele Parlamentarier außerhalb der AfD-Fraktion scheint zu gelten, was SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich im Oktober im Plenarsaal betonte (PDF des Protokolls): "Was hier vor fast 100 Jahren gesagt werden musste, muss auch heute gesagt werden: 'Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!'"

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