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Äthiopien:Tödliche Unruhen

Zehntausende Angehörige der Volksgruppe der Oromo protestieren, mindestens sieben Menschen sterben. Auslöser ist die Ermordung eines Sängers.

In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba und vielen Städten der Region Oromia ist es am Dienstag zu schweren Unruhen gekommen, bei denen nach Angaben der BBC bisher mindestens sieben Menschen ums Leben kamen. Zehntausende Angehörige der Volksgruppe der Oromo protestierten auf den Straßen gegen die Ermordung von Hachalu Hundessa, einem populären Sänger, der sich politisch für die Rechte der Oromo engagierte und wegen des Protests gegen das damalige Regime fünf Jahre im Gefängnis saß.

Die Demonstranten zündeten in mehreren Städten Reifen an und blockierten Straßen. Sicherheitskräfte reagierten teilweise mit scharfer Munition, in vielen Teilen des Landes wurde das Internet abgeschaltet.

Die Lieder Hachalu Hundessa waren für viele Äthiopier der Soundtrack zur Revolution. Seit 2016 demonstrierten Hunderttausende junge Oromo für mehr Freiheit, für eine bessere Zukunft und das Ende ihrer Unterdrückung.

Hachalu Hundessa schrieb die passenden Songs: "Warte nicht auf Hilfe von draußen, auf einen Traum, der nicht wahr wird. Stehe auf, sattle dein Pferd und kämpfe." Es wurde ein Kampf, der gewonnen schien, als die alte Machtclique an der Spitze des Staates 2018 aufgab und zum ersten Mal ein junger Oromo Ministerpräsident des Landes wurde, der spätere Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed.

Er ließ politische Gefangene frei, reichte dem Erzfeind Eritrea die Hand zum Frieden und kündigte freie Wahlen an. Die anfängliche Begeisterung vieler Äthiopier aber schwand mit der Zeit. Jahrzehntelang hatte eine kleine Clique aus der Volksgruppe der Tigray die wichtigsten Posten im Land unter sich aufgeteilt, obwohl die Tigray nur sechs Prozent der Bevölkerung ausmacht. Die größte Volksgruppe der Oromo erhoffte sich durch den neuen Ministerpräsident und Oromo Abiy Ahmed mehr Wohlstand und Arbeitsplätze. Die aber kamen nicht im erhofften Ausmaß.

Der Sänger Hachalu Hundessa gehörte zu jenen, die dem Reformer Abiy Ahmed vorwarfen, auf die Methoden des alten Regimes zurück zu greifen. Er prangerte Polizeigewalt und Verhaftungen von Journalisten an, zuletzt in einem Interview mit einer populären Radiostation in der vergangenen Woche. Deren Besitzer, Jawar Mohammed, ein prominenter Oromo-Aktivist und Kritiker des Ministerpräsidenten, soll nach der Ermordung des Sängers verhaftet, seine Radiostation von der Polizei gestürmt worden sein.

"Eines Tages werden wir frei sein. Hachalu, dein Blut wird nicht umsonst vergossen sein" riefen die Demonstranten in der Hauptstadt Addis Abeba. Ministerpräsident Abiy Ahmed spracht von dem Verlust "eines kostbaren Lebens" und kündigte an, die Täter zu fassen. Abiy hätte sich eigentlich dieses Jahr den angekündigten freien Wahlen stellen sollen, die aber wegen der Corona-Pandemie auf 2021 verschoben wurden.

© SZ vom 01.07.2020

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