Äthiopien:Rebellen beanspruchen "überwältigenden Sieg"

Kinder bei einer Essensausgabe in einem privat organisierten Flüchtlingscamp in Mekelle. Die Ernährung von mehr als zwei Millionen Menschen in Tigray ist nicht gesichert.

Kinder bei einer Essensausgabe in einem privat organisierten Flüchtlingscamp in Mekelle. Die Ernährung von mehr als zwei Millionen Menschen in Tigray ist nicht gesichert.

(Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP)

Die umkämpfte Region Tigray sei wieder unter Kontrolle, gibt die Volksbefreiungsfront an. Die Regierung in Addis Abeba will mit einer Feuerpause ermöglichen, dass die von Hunger bedrohte Bevölkerung Hilfe erhält.

Von Tobias Zick, München

In der umkämpften Region Tigray im Norden Äthiopiens haben Rebellen die Kontrolle über die Hauptstadt übernommen. Nach monatelangen Kämpfen verkündete ein Sprecher der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) am Montag einen "überwältigenden Sieg"; die Stadt Mekelle sei nun "unter der vollständigen Kontrolle der Verteidigungskräfte von Tigray". Berichten zufolge feierten Anwohner in den Straßen den Abzug der Regierungstruppen mit gehissten Flaggen, Feuerwerk und Musik.

Kurz darauf verkündete die äthiopische Regierung überraschend einen "humanitären Waffenstillstand" für die Region. Das Außenministerium in Addis Abeba erklärte, man habe sich zu dem Schritt entschlossen, nachdem die Interimsregierung der Region darum gebeten habe: Man sei sich bewusst, "dass die Menschen in Tigray, besonders jene in ländlichen Gebieten, enorm gelitten haben". Gründe dafür seien, so das Ministerium, eine Heuschreckenplage, die Covid-Pandemie, massenhafte Vertreibungen sowie die wegen der monatelangen Kämpfe brachliegende Landwirtschaft.

Die Feuerpause solle es nun humanitären Organisationen ermöglichen, die Menschen vor Ort zu versorgen; zudem sollen Bauern dadurch wieder ihre Felder bestellen können. Es sei bislang schwierig, so das Ministerium, "alle Gebiete in der Region zu erreichen, um den Bedürftigen humanitäre Hilfe zukommen zu lassen und das Risiko ernster Ernährungsunsicherheit abzuwenden."

Der Premier hatte die Hungerkrise bestritten

Das ist eine überraschende Wende in der Kommunikation aus Addis Abeba. Premier Abiy Ahmed hatte bislang kategorisch bestritten, dass in Tigray eine Hungerkrise herrsche. Allenfalls gebe es "ein Problem", das die Regierung allerdings selbst in der Lage sei zu lösen.

Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) sind mindestens 33 000 Kinder in entlegenen Gegenden von Tigray akut vom Hungertod bedroht; insgesamt 2,2 Millionen Menschen in der Region leiden unter Ernährungsunsicherheit. Es sei "zu erwarten", warnt Unicef, "dass sich die Unterernährungskatastrophe in den kommenden Monaten weiter verschlimmert, insbesondere wenn Getreide nicht angebaut und Hilfe nicht geliefert werden kann." Zudem warf die Organisation den Regierungstruppen vor, in ihre Räumlichkeiten in Mekelle eingedrungen zu sein und die Satellitenanlage zerstört zu haben. Hilfsorganisationen beklagen seit langem die verheerende Sicherheitslage für ihre Mitarbeiter vor Ort.

Möglich, dass ein Einwirken von außen dazu beigetragen hat, die Regierung zu der Erklärung der Waffenruhe zu bewegen. Am Montagabend teilte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, auf Twitter mit, er habe soeben mit dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed gesprochen und hoffe, dass die Kämpfe in Tigray tatsächlich aufhörten. Es sei "unabdingbar, dass Zivilisten geschützt werden, humanitäre Hilfe bei den Bedürftigen ankommt und eine politische Lösung gefunden wird."

Inwieweit sich die TPLF auf die Waffenruhe einlassen wird, ist fraglich. Ein Sprecher der Rebellenregierung sagte dem US-Sender CNN, man verfolge weiterhin das Ziel, "die Kampfkräfte des Feindes zu schwächen". Bei den Regierungstruppen handle es sich um eine "verbrecherische Armee"; man werde selbst "nicht nachlassen, ehe Tigray nicht von jeglichen feindlichen Truppen befreit ist."

Die Krise in Tigray, dessen Politiker fast drei Jahrzehnte lang die Regierungsmacht im Zentralstaat gestellt hatten, war im Herbst des vergangenen Jahres eskaliert. Der seit 2018 regierende Abiy Ahmed schickte Truppen in die Region, um die Regionalregierung der TPLF zu entmachten; das Nachbarland Eritrea schickte dazu Unterstützung. Beobachter werfen allen Konfliktparteien schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Die äthiopischen Parlamentswahlen vergangene Woche hatte Abiy Ahmed als "die ersten freien und fairen Wahlen" in der Geschichte des Landes bejubelt. In Tigray allerdings war wegen der Kämpfe die Abstimmung ausgefallen.

Die USA, Großbritannien und Irland beantragten am Montag eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zum Konflikt in Tigray. Diese könnte Berichten zufolge bereits am Freitag stattfinden.

© SZ/bac
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