Äthiopien Abiy Ahmed Superstar

Das ganze Land trägt T-Shirts mit seinem Konterfei; Ministerpräsident Abiy Ahmed selbst trägt Knallgrün und Leopardenmuster.

(Foto: Tiksa Negeri/Reuters)

Mit einem Besuch in Deutschland will der neue Ministerpräsident für sein Land werben. In Äthiopien ist die Textilindustrie eine der wichtigsten Branchen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Die Textilindustrie ist eine der am schnellsten wachsenden Branchen in Äthiopien, in den Vororten der Hauptstadt Addis Abeba stehen riesige Industrieparks, in denen auch Hersteller wie H & M produzieren lassen - bisher vor allem für den Export. In den vergangenen Monaten hat aber auch die heimische Nachfrage angezogen, nach T-Shirts mit dem Bild des neuen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed. Mehrere Hunderttausend Exemplare wollen Händler bereits verkauft haben, weit über 100 Motive sollen im Umlauf sein.

Personenkult ist nichts Ungewöhnliches in vielen afrikanischen Ländern, auch in Äthiopien ließen viele Herrscher ihr Porträt noch in die letzte Amtsstube hängen. Im Falle des jungen Ministerpräsidenten liegen die Dinge aber etwas anders, fast das ganze Land ist dem 42-Jährigen verfallen: Abiymania am Horn von Afrika. Seit April ist Abiy im Amt, seitdem lässt sich im Wochentakt Revolutionäres aus Äthiopien vermelden: Er hat Tausende politische Gefangene freigelassen, den Ausnahmezustand aufgehoben, Frieden mit Eritrea geschlossen, das Kabinett verkleinert und viele Frauen zu Ministerinnen gemacht. Und so weiter, die Äthiopier schauen ungläubig zu. In den Buchläden des Landes treffen ständig neue Titel ein, die das, was gerade passiert, in Worte zu fassen versuchen: "Moses" ist eines der am meisten verkauften Werke, das Parallelen zum Propheten zieht.

Der nun auch das erste Mal nach Europa kommt. Am kommenden Dienstag ist Abiy bei einem Investitionsgipfel in Berlin zu Gast, zu dem der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft eingeladen hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird da sein und zehn weitere afrikanische Regierungschefs. Es wird nicht um Krieg und Hunger gehen, wie sonst so oft, sondern darum, was auf dem Kontinent wirtschaftlich alles möglich ist. Es kommen Vertreter von afrikanischen Ländern, die weniger auf Entwicklungshilfe setzen, sondern auf echte Partnerschaft. In Äthiopien waren in der Vergangenheit bis zu 1000 westliche NGOs gleichzeitig aktiv, die alle kleine und mittlere Projekte verfolgten.

Abiy ist dankbar für die Hilfe, glaubt aber, dass es für beide Seiten sinnvoller wäre, in große Projekte zu investieren. "Eine Universität oder Bewässerungsprojekte sind aber nicht Teil der Agenda", sagte er kürzlich einem südafrikanischen Think Tank. Was auch daran lag, dass Investitionen bisher nicht eben einfach waren: Es gibt keine ausländischen Banken in Äthiopien, und die für fremdes Kapital interessanten Telekommunikations- und Transportunternehmen waren alle staatlich. Abiy hat sie jetzt zumindest Minderheitsbeteiligungen geöffnet: DHL hat kürzlich mit Ethiopian Airlines ein Joint Venture gegründet, sonst zögern die Deutschen aber noch, obwohl Entwicklungsminister Gerd Müller die Telekom öffentlich aufforderte, sich am äthiopischen Mobilfunkbetreiber zu beteiligen.

Zu Beginn seiner Karriere war Abiy ein treuer Systemdiener, dann wechselte er die Seiten

Die Abiymania ist bisher noch nicht nach Europa übergeschwappt, was sich mit diesem Besuch ändern soll. In Frankfurt wird Abiy vor mehreren Zehntausend Exil-Äthiopiern auftreten, T-Shirts sollen bereits gedruckt sein. Er wird auf viele treffen, die sich lange unterdrückt gefühlt haben, die außer Landes getrieben worden sind. Die letzten beiden Jahrzehnte war die Minderheit der Tigray tonangebend in Politik und Wirtschaft. Abiy ist nun der Erste aus der Bevölkerungsmehrheit der Oromo, der an der Spitze des Staates steht. Zu Beginn seiner Karriere war er ein durchaus treuer Diener des Systems, gründete eine Sparte des Geheimdienstes, der später dafür verantwortlich war, das während der Proteste Hunderttausender Oromo das Internet abgestellt wurde. Da aber hatte Abiy schon die Seiten gewechselt, war einer der Anführer der Reformbewegung geworden. Er ist ein Revolutionär, aber dann auch wieder nicht. Er hat vieles umgekrempelt und die Demokratie versprochen, ist aber auch Teil der Einheitsfront EPRDF, die alle Parlamentssitze belegt. "Achtzig Leute der EPRDF haben mich zum Ministerpräsidenten gemacht, obwohl es 100 Millionen Äthiopier gibt", sagt Abiy selbst. Die Wahlen 2020 sollen aber frei und fair sein, hat er versprochen. Nach Umfragen stützen ihn derzeit neun von zehn Äthiopiern. Ein sagenhafter Wert. In seinem Land regiere nicht der Hass, sondern "die Liebe", das sagt Abiy immer wieder.

Es haben sich aber nicht alle in ihn verguckt. Bei einer Demonstration im Sommer wurde ein Anschlag auf ihn versucht. Vor wenigen Tagen stürmten Hunderte Soldaten auf seinen Palast zu, angeblich, um für höhere Löhne zu demonstrieren. Abiy scherzte und lachte mit ihnen. Später erzählt er, was wirklich in ihm vorgegangen sei: "Ich habe Soldaten sagen gehört: Er ist entkommen, bevor wir ihn töten konnten."

Abiy hat vieles bewegt im Land, aber für die meisten Menschen haben sich die Lebensumstände nicht verbessert. Die Gewalt ist in vielen Regionen sogar schlimmer geworden. Die Konfliktlinien haben sich jedoch verändert: Früher kämpfte die Opposition gegen den Staat, jetzt kämpfen verschiedene Volksgruppen gegeneinander. Abiy reagierte auf manche dieser Unruhen mit den Mitteln von gestern: Das Internet wurde abgeschaltet, Tausende Demonstranten verhaftet und in Umerziehungslager gesteckt, auch wenn die meisten inzwischen wieder frei sind.

Vielen Äthiopiern ist diese Seite Abiys bisher egal, die Absatzzahlen der T-Shirts lassen noch nicht nach. Neue Bücher über Abiymania sind bereits in Vorbereitung.