Äthiopien:Im Kreislauf des Krieges

Äthiopien: Anhänger von Ministerpräsident Abiy Ahmed schwenken bei dessen neuerlicher Amtseinführung die Flagge Äthiopiens.

Anhänger von Ministerpräsident Abiy Ahmed schwenken bei dessen neuerlicher Amtseinführung die Flagge Äthiopiens.

(Foto: Amanuel Sileshi/AFP)

Vor fast einem Jahr begann der Bürgerkonflikt in Äthiopien. Er geht immer weiter, weil jede Volksgruppe glaubt, es gehe um ihr Überleben. Ausgerechnet ein Friedensnobelpreisträger spielt eine zentrale Rolle.

Von Bernd Dörries, Debark

Solomon Alebachew zeigt auf die Berge auf der anderen Seite des Tals, die Gipfel einer Hochebene im Norden Äthiopiens, es sind magische Landschaften, Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Er steht auf einer betonierten Aussichtsplattform, von der aus normalerweise die Touristen die sattgrünen Hügel und Schluchten bewundern. Jetzt aber hält er ein Fernglas in der Hand und sucht damit die Stellungen der Gegner auf der anderen Seite. Um ihn herum stehen etwa 30 Männer in Tarnanzügen mit Kalaschnikows in der Hand, deren Befehlshaber Solomon Alebachew ist. Es sind Milizen, die normalerweise als Bauern oder Parkranger arbeiten, nun sind sie freiwillig und ohne Bezahlung in den Krieg gezogen. "Es geht ums Überleben", sagt er, "wir kämpfen bis zum letzten Tropfen Blut." Seine Männer nicken in einer Art heiligem Ernst.

Fast ein Jahr ist es nun her, dass Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed eine Operation zur Wiederherstellung von "Recht und Ordnung" ausgerufen hat, aus der mittlerweile ein unkontrollierter Bürgerkrieg geworden ist, der Äthiopien zu zerreißen droht. Vermutlich Zehntausende Menschen sind gestorben, Millionen leiden unter Vertreibung und Hunger. Abiy war 2018 als Reformer an die Macht gekommen, nach Jahrzehnten autoritärer Herrschaft. Er wirbelte zu Beginn seiner Amtszeit das Land durcheinander, entließ Tausende politische Gefangene, ließ verbotene Medien wieder zu und versprach demokratische Wahlen. Er versöhnte sich mit Eritrea, dem Erzfeind im Norden und bekam dafür 2019 den Friedensnobelpreis. Der wirkt mittlerweile wie ein grotesker Irrtum. Was nicht nur an Abiy liegt.

Jahrzehntelang wurde Äthiopien von der Volksgruppe der Tigray regiert, die nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung ausmacht, aber alle wichtigen Positionen in Wirtschaft und Politik kontrollierte, die sich bereicherte und Kritiker ins Gefängnis warf. Nur wurden die Gegner irgendwann so viele, demonstrierten Hunderttausende vor allem junge Leute so ausdauernd, dass die Gefängnisse nicht mehr ausreichten. Das Regime stand vor der Entscheidung, den Protest gewaltsam zu stoppen, oder die Erneuerung von innen zu versuchen. Es ernannte Abiy zum Ministerpräsidenten, den ersten aus dem Volk der Oromo, der größten Bevölkerungsgruppe. Er schaffte es zwar, Frieden mit Eritrea zu schließen, nicht aber mit den Tigray, deren Elite nicht von der Macht lassen wollte.

Im Herbst 2020 eskalierte der Streit, Abiy drehte der Region Tigray den Geldhahn ab, die dortigen Machthaber der TPLF ließen ein Depot der äthiopischen Bundesarmee angreifen. Seitdem tobt der Krieg, mal sind die Truppen von Abiy auf dem schnellen Vormarsch, mal geht die TPLF in die Gegenoffensive.

Vom Nationalpark-Ranger zum Krieger

Ein paar Kilometer vom Aussichtspunkt in den Bergen der Region Amhara entfernt liegen noch Leichen in den Feldern, aufgebläht vom Regen, manche von Hunden angefressen. Maru Terefe war dabei, als die Kämpfer aus Tigray zurückgeschlagen wurden vor einigen Tagen. Fast zehn Jahre hat er hier oben im Simien-Mountain-Nationalpark als Ranger gearbeitet, hat die seltenen äthiopischen Wölfe beobachtet und das Vieh der Bauern aus dem Schutzgebiet vertrieben. Er hat ein Sturmgewehr bekommen, um damit die Touristen auf ihren Ausflügen zu beschützen, zu den einsamen Wasserfällen und steilen Schluchten, obwohl es damals eigentlich keine richtige Gefahr gab. So waren halt die Vorschriften.

Nur ein paar Mal hat er seine Kalaschnikow verwendet, wenn sie das Schießen trainiert haben, oder das Mobilfunknetz ausgefallen war und er seiner Ablösung Bescheid sagen wollte. Vor ein paar Tagen hat er es das erste Mal wirklich eingesetzt, hat Menschen damit getötet. "Ich mochte meinen Beruf, die Natur zu beschützen. Aber jetzt ist Krieg, jetzt kann ich mich nicht zurücklehnen und nichts tun, es geht ums Überleben", sagt er.

Es ist ein Satz, den man in Äthiopien gerade von sehr vielen der etwa 80 Volksgruppen hören kann. Das Land ist im Krieg gegen sich selbst, Nachbarn beschuldigen den jeweils anderen, ihn vernichten zu wollen. Der Krieg ist ein Krieg der Eliten um die Macht im Staat. In einem der ärmsten und am dichtesten bevölkerten Länder der Welt geht es aber für viele Menschen tatsächlich ums Überleben, so fühlt es sich für sie zumindest an. Die meisten Äthiopier leben von der Subsistenzlandwirtschaft, von dem, was ihre Felder hergeben, die mit jeder Generation kleiner werden, weil es so viele Erben gibt in der Familie. Jede Kriegspartei verspricht den Ärmsten, verlorene Gebiete zurückzuerobern, oder solche, die seit Jahren zwischen den Volksgruppen umstritten sind. Ein Ende ist nicht in Sicht, Verhandlungen sind nicht sonderlich populär.

Äthiopien: Maru Terefe hat lange Wölfe beobachtet und Vieh vertrieben. Jetzt kämpft er mit der Waffe.

Maru Terefe hat lange Wölfe beobachtet und Vieh vertrieben. Jetzt kämpft er mit der Waffe.

(Foto: Bernd Dörries)

In den Bergen Amharas rollt die Verstärkung von Ministerpräsident Abiy an, Busse voller Soldaten, Milizen und Spezialkräften, man hört Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer. Der Krieg scheint unaufhaltsam weiterzugehen.

Das Europäische Parlament verabschiedete am Donnerstag eine Resolution, die das Ende der Kämpfe fordert und Sanktionen gegen die Beteiligten auf allen Seiten. Druck aber, das haben die vergangenen Monate gezeigt, scheint beim gerade wieder gewählten Ministerpräsidenten Abiy derzeit eher das Gegenteil zu bewirken. Vor einer Woche verwies die Regierung sieben hohe UN-Diplomaten des Landes, beschuldigte sie, Propaganda für die TPLF betrieben zu haben. Letztlich hatten die UN-Vertreter nur immer wieder darauf hingewiesen, dass die Regierung von Abiy nicht genug Hilfe in die Region Tigray lasse, dass von hundert benötigten Lastwagen am Tag höchstens zehn dort ankommen würden.

Die TPLF hatte ihre Offensiven lange mit einer Art Selbstverteidigung begründet, nur so könne sie ihrer Bevölkerung einen Hilfskorridor öffnen. In den Bergen Amharas geht es aber nicht darum, Hilfskonvois zu ermöglichen, es geht für die TPLF darum, so viel Gelände wie möglich zu gewinnen, vielleicht sogar die Hauptstadt Addis Abeba zu erobern.

Als der Konflikt im November 2020 begann, waren es vor allem die Truppen von Ministerpräsident Abiy und dessen Verbündete aus Eritrea, die grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung in Tigray begingen, Menschenrechtsorganisationen sprechen von Massenvergewaltigungen und wahllosen Erschießungen. Mittlerweile häufen sich die Berichte über die Vergehen der TPLF, die bei ihren Offensiven Tod und Leid der Zivilbevölkerung in Kauf nimmt. "Drei Tage sind wir zu Fuß geflohen, als die TPLF in unsere Stadt gekommen ist, und Menschen mit Macheten getötet hat", sagt Tsega Desalegn, die 37 Jahre alt ist und nun mit ihren Kindern in einer Schule in der Stadt Debark nahe der Front lebt. Etwa 15 Kilo Weizen, etwas Bohnen und Öl bekommt sie im Monat. Im Vergleich zur Situation in Tigray ist das fast luxuriös. Aber letztlich muss Desalegn mit 30 Menschen in einem engen Raum schlafen, ohne Matratzen. Sie hustet fast ohne Unterbrechung, hat aber seit einem Jahr keinen Arzt gesehen. Bald beginnt in Debark das neue Schuljahr. Sie sagt: "Wir wissen nicht, wohin wir dann können."

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