Ärger um Kadyrow:Tschetschenischer Präsident tanzt auf zweifelhafter Hochzeit

Lesezeit: 2 min

Kheda Goilabiyeva

Luisa Goilabijewa war auf ihrer eigenen Hochzeit oft mit gesenkten Augen zu sehen.

(Foto: AP)

In Tschetschenien hat eine 17-Jährige womöglich gegen ihren Willen einen 29 Jahre älteren Mann geheiratet. Aufnahmen zeigen ein Trauerspiel - dem auch der tschetschenische Präsident Kadyrow beiwohnt.

Von Antonie Rietzschel

Als "Hochzeit des Jahrhunderts" hat der Kremlnahe TV-Sender Lifenews die Vermählung von Luisa Goilabijewa und Naschud Gutschigow angekündigt. Tatsächlich glich sie einem Trauerspiel. Gutschigow ist 46 Jahre alt und Chef einer Polizeiabteilung in Tschetschenien.

Goilabijewa ist 17 Jahre, kommt aus einem kleinen tschetschenischen Dorf. Auf den Videoaufnahmen von Lifenews - der Sender übertrug die Zeremonie - ist eine todunglückliche Braut zu sehen: Als sie auf dem Standesamt Papiere unterschreiben soll, wird sie gestützt. Als die Standesbeamtin die beiden zu Mann und Frau erklärt, ist eine Hand zu sehen, die das gesenkte Gesicht des Mädchens aufrichtet.

In Russland sorgt die Hochzeit, die vor zwei Tagen in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny stattfand, schon länger für Aufregung. Auslöser war die Berichterstattung der russischen Zeitung Nowaja Gazeta. Die Korrespondentin Elena Milaschina hatte über die anstehende Vermählung berichtet, nachdem ihr Nachbarn am Telefon erzählten, das Mädchen werde zur Hochzeit gezwungen.

Milaschina besuchte die Familie. Der Journalistin zufolge wurden die Angehörigen durch Gutschigow unter Druck gesetzt, ihm die 17-Jährige zur Braut zu geben. Der Kremlnahe Fernsehsender Lifenews kam ebenfalls zu Besuch. Aufnahmen zeigen eine sichtlich eingeschüchterte Luisa Goilabijewa, die nur stockend und mit gesenktem Kopf die Fragen der Reporter beantwortet. Sie heirate freiwillig, sagt sie.

Und schließlich schaltete sich der tschetschenische Präsident, Ramsan Kadyrow ein. Er schickte Mitarbeiter in das Dorf, die die Verwandten befragen sollten, ob sie mit der Hochzeit einverstanden sein. "Kadyrow wollte wieder einmal zeigen, wer der Chef in Tschetschenien ist - und er hat es getan. Er hat es getan und damit das Schicksal des Mädchens zerstört", sagt die Journalistin Elena Masjuk im Gespräch mit Radio Free Europe. Über die Zeremonie sagt sie: "Man konnte gar nicht hinschauen."

Bräutigam offenbar bereits verheiratet

Masjuk und russische Menschenrechtler sind sich einig: Nach dem Einschalten von Kadyrow hatte die Familie der 17-Jährigen erst Recht keine Wahl mehr. Der tschetschenische Präsident kündigte die Hochzeit auf seiner Internetseite an. Einer seiner Vertrauten stand während der Zeremonie neben der Braut und auch Kadyrow selbst war anwesend. Ein Video zeigt, wie er auf der Feier den tschetschenischen Lesginka tanzt. Es scheint ihn nicht zu stören, dass die Hochzeit womöglich erzwungen wurde. Dabei hatte er 2012 Ehen mit Minderjährigen verboten.

Der Bräutigam, Naschud Gutschigow, soll zudem bereits nach islamischem Recht verheiratet sein. Kadyrow hält die Vielehe für legitim. Es sei schlimmer für die Frauen nur Geliebte zu sein, sagte er vor einigen Jahren in einem Interview.

Und während sich in Russland die Öffentlichkeit ereifert, darf sich Kadyrow auf Rückhalt aus dem Kreml verlassen. Der russische Beauftragte für Kinderrechte, Pawel Astachow, sagte, es habe keinen Rechtsverstoß gegeben, viele Fakten seien von den Medien verdreht worden. Die Nowaja Gazeta hat ihre Arbeit in Tschetschenien eingestellt. Der Journalistin Elena Milaschina droht ein Strafverfahren.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB