Ära von Bischof Huber endet:Evangelische Kirche wird moderner

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Geschieden, liberal, weiblich: Margot Käßmann, neue Ratsvorsitzende, will die deutschen Protestanten aus der Krise führen.

M. Drobinski

Margot Käßmann, die 51-jährige Bischöfin von Hannover, wird neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Erstmals wird damit eine Frau die wichtigste Vertreterin der 25 Millionen Protestanten in Deutschland; auch weil die Mutter von vier Kindern geschieden ist, wird dies als Zeitenwechsel angesehen. Mit der als sicher geltenden Wahl am Mittwoch endet die Ära des Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Der Wechsel findet vor dem Hintergrund stark gestiegener Austrittszahlen statt.

Ära von Bischof Huber endet: Die evangelische Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann.

Die evangelische Landesbischöfin von Hannover, Margot Käßmann.

(Foto: Foto: dpa)

Bei den Wahlen zum Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland in Ulm erhielt Margot Käßmann am Dienstag im ersten Wahlgang 103 Stimmen und damit als einzige Kandidatin auf Anhieb die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Andere zur Wahl stehende Bischöfe hatten sich darauf geeinigt, sie zu unterstützen, auch aus dem konservativen Lager des Kirchenparlaments erhielt sie Stimmen. Käßmanns Scheidung vor zwei Jahren schwächte diese Unterstützung für sie offenbar nicht. Es gilt daher als sicher, dass der neu gewählte Rat sie an diesem Mittwoch zur Ratsvorsitzenden vorschlagen und die Synode sie wählen wird. Der Münchner Landesbischof Johannes Friedrich bezeichnete die Wahl Käßmanns als "logisch und richtig".

Käßmann unterstützt den Reformprozess, den ihr Vorgänger Wolfgang Huber angestoßen hat, und mit dem die evangelische Kirche in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und zurückgehenden Kirchensteueraufkommens sich profilieren will. Es wird aber erwartet, dass sie dabei die verschiedenen Gremien und Gruppen der Kirche stärker beteiligt als bisher.

In ihrer Bewerbungsrede hatte sie gesagt, es sei in der evangelischen Kirche "ein Schritt in die Normalität" gewesen, dass "alle Ämter von Frauen wahrgenommen werden können". Sie erklärte, dass sie das Profil ihrer Kirche schärfen, aber auch das gute Miteinander mit der katholischen Kirche suchen werde: "Uns verbindet mehr, als uns trennt", sagte sie. Politisch wolle sie sich für eine würdige Pflege im Alter einsetzen sowie für die Begleitung Sterbender. In sozialen Fragen müsse die Kirche auch unbequem sein. Insgesamt wolle sie die "Sehnsucht nach dem gelebten Glauben wecken". Käßmanns Vorgänger, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, der mit 67 Jahren als Ratsvorsitzender aus Altersgründen abtritt, gehörte zu den ersten Gratulanten; in dem Anliegen, die evangelische Kirche aus der Gefangenschaft ihrer Milieus zu führen, gelten die beiden als Verbündete.

Das Ziel des Reformprozesses, "gegen den Trend" zu wachsen, wird die evangelische Kirche allerdings auch mit einer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann wohl nicht erreichen. Am Dienstag gab die EKD bekannt, dass die Austritte im Jahr 2008 dramatisch auf 160000 gestiegen sind; 2007 kehrten noch 130000 Menschen der evangelischen Kirche den Rücken. Die katholische Kirche verließen 2008 mehr als 120000 Menschen, ebenfalls fast 30000 mehr als 2007. Thomas Begrich vom Kirchenamt der EKD begründete den Anstieg mit der Anfang 2009 eingeführten Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge, auf die die Kirchensteuer aufgeschlagen wird; Menschen ohne Kirchenbindung entschieden sich in solchen Situationen für den Austritt. "Für uns ist jeder Austritt einer zu viel", fügte er hinzu.

Die Finanzkrise könnte sich im kommenden Jahr in einigen Regionen dramatisch auf das Kirchensteueraufkommen auswirken, sagte der Finanzexperte Klaus Winterhoff. Dort seien Einbrüche von "bis zu zwanzig Prozent" im Vergleich zu 2008 möglich. Allerdings war in den vergangenen Jahren die Kirchensteuer gestiegen, im Bund vergangenes Jahr um 9,3 Prozent auf 4,56 Milliarden Euro. In diesem Jahr rechnet die EKD mit einem Minus von fünf Prozent.

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