Ägyptischer Fotograf Seit fünf Jahren in Untersuchungshaft

Mohamed Abu Zeid, besser bekannt als Shawkan, wartet seit 1826 Tagen auf seinen Prozess.

(Foto: AFP)
  • Der ägyptische Fotojournalist Shawkan sitzt seit fünf Jahren in einem Hochsicherheitsgefängnis in Kairo in Untersuchungshaft.
  • Er hatte das sogenannte Rabaa-Massaker im Jahr 2013 dokumentiert und ist einer der 739 Angeklagten in einem politschen Massenprozess.
  • Das Gerichtsverfahren zeigt, wie die ägyptische Militärregierung mit Regimegegnern umgeht.
Von Anna Reuß

Auf den wenigen Fotos, die im Gerichtssaal entstanden, sieht er abgemagert aus. Weil er nur ein- bis zweimal in der Woche Hofgang hat, ist er fahl und blass geworden. Am Dienstag sind es genau fünf Jahre, die der ägyptische Fotojournalist Mohamed Abu Zeid, besser bekannt als Shawkan, hinter Gittern verbringen muss - weil er seiner Arbeit nachging. Shawkan, der auch für einige deutsche Medien arbeitete, befindet sich seit der gewaltsamen Auflösung des al-Rabaa-Sitzstreiks in einem Hochsicherheitsgefängnis am Rande von Kairo — einem "Ort, wo Träume sterben", wie er einmal selbst in einem Brief schrieb.

Mit ihm zusammen waren ein amerikanischer und französischer Journalist verhaftet worden, die beide umgehend freikamen. Shawkan droht hingegen die Todesstrafe. Sein Gesundheitszustand hat sich seit Beginn der Untersuchungshaft dramatisch verschlechtert: Er leidet an Anämie und soll mehrmals gefoltert worden sein, zudem erhält er nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen keine Behandlung gegen Hepatitis C.

Rabaa-Massaker bleibt ungesühnt

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Der 30-Jährige wurde unter anderem wegen Mordes angeklagt. In einem politischen Massenprozess ist der Journalist einer von 739 Angeklagten, darunter ranghohe Mitglieder der Muslimbruderschaft, die an den Protesten auf dem Rabaa-al-Adawiya-Platz in Kairo beteiligt gewesen sein sollen. Die Staatsanwaltschaft fordert ihren Tod durch Erhängen. Ende Juli waren an einem Prozesstag bereits 75 Todesurteile gesprochen worden.

In den Wochen nach dem Militärputsch von 2013 waren auf diesem Platz vor der Moschee eine Zeltstadt sowie ein kleineres Lager nahe der Universität von Kairo entstanden. Die Demonstranten hatten dort wochenlang campiert und gefordert, Mohamed Mursi wieder als Präsidenten einzusetzen. Der Kandidat der Muslimbrüder war der erste gewählte Präsident Ägyptens nach der sogenannten Revolution von 2011 gewesen. Im Juli 2013 war Mursi vom Militär entmachtet worden.

Sicherheitskräfte stürmten am 14. August 2013 unter dem Befehl des heutigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi das Protestlager. Mehr als 800 Menschen kamen dabei ums Leben. Das sogenannte Rabaa-Massaker gilt als eines der blutigsten Ereignisse der jüngeren Geschichte des Landes. Unter den Opfern waren viele Anhänger Mursis und Unterstützer der Muslimbruderschaft, die nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings zur führenden politischen Kraft aufgestiegen war.

Seither geht Präsident al-Sisi rigoros gegen abweichende Meinungen vor: Zehntausende Anhänger der Muslimbruderschaft wurden inhaftiert, Organisationen und Parteien als "terroristische Vereinigungen" zerschlagen, Journalisten und Oppositionelle werden mit allen Mitteln eingeschüchtert. Das Massaker wird hingegen wohl ungesühnt bleiben: Von den beteiligten Sicherheitskräften ist niemand je zur Rechenschaft gezogen worden. Vielmehr hat das Parlament kürzlich ein Gesetz verabschiedet, das es dem Präsidenten erlaubt, den beteiligten Offizieren lebenslang Immunität gegen Strafverfolgung für die Umbruchphase nach dem Putsch zu gewähren.

Dieser Massenprozess ist eine Parodie auf den Rechtsstaat. Das Regime demonstriert so seine Macht. Seit seiner Festnahme am Tag des blutigen Massakers wurde die Verhandlung im Prozess gegen Shawkan mehr als vierzigmal verschoben, zuletzt auch der Urteilsspruch. Der Journalist verbüßt damit bereits 1826 Tage in Untersuchungshaft. 2015 verfasste er einen Brief, der seinen Weg an die Öffentlichkeit fand. "Journalismus ist in meinem Land ein Verbrechen geworden", schrieb er. "Ich lebe in einer winzigen Zelle unter brutalen Bedingungen, die nicht einmal ein Tier ertragen würde."

Im August 2013 fing er Sekundenbruchteile der Gewalt gegen Demonstranten in seinen Fotos ein. Sie könnten ihn nun sein Leben kosten.

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