bedeckt München 18°

Ägypten:Rommels explosives Erbe

Deutscher Soldaten gibt sich bei El Alamein einem Briten gefangen, 1942

Ende eines Einsatzes: Ein Wehrmachts-Soldat ergibt sich 1942 bei al-Alamein einem heranstürmenden Briten. Der Nordafrika-Feldzug wurde bald zur Legende, vor Ort wirkt er hingegen auf ganz konkrete und bedrohliche Art nach: Bis heute liegen Millionen Minen im ägyptischen Boden vergraben.

(Foto: SZ Photo/dpa)

Vor 75 Jahren begann die Schlacht von al-Alamein - und für viele Bewohner im Nordwesten Ägyptens ist der Zweite Weltkrieg noch immer nicht vorbei: Mehr als 17,5 Millionen Minen liegen hier weiter im Boden vergraben.

Von Paul-Anton Krüger, Marsa Matruh

Alles, woran sich Farahat Abdellaty erinnert, ist ein trockener Knall. Paff! Als er wieder zu sich kommt, pfeifen die Ohren. Er liegt halb auf dem Rücken, halb auf der Seite im Sand. Sein linker Fuß ist zerfetzt. Er hatte Schafe gehütet in der Wüste bei Sidi Barani, an der Mittelmeerküste Ägyptens, 80 Kilometer von der Grenze zu Libyen entfernt. Er war auf eine Antipersonenmine getreten. Es gab keine roten Schilder mit weißen Totenköpfen, keine Warnung. Vielleicht weil niemand von den tödlichen Fallen im Boden wusste. Die Mine war dort mutmaßlich 1942 vergraben worden, während der zweiten Schlacht um al-Alamein, deren Beginn sich in diesen Tagen zum 75. Mal jährt.

Generalfeldmarschall Erwin Rommel, Kommandeur des deutschen Afrikakorps, ließ damals "Teufelsgärten" anlegen. So nannte er die Labyrinthe aus hufeisenförmigen Minenfeldern, deren Öffnungen in Richtung seines britischen Widersachers wiesen, General Bernard Montgomery mit seiner 8. Armee. In ihnen sollten sich die Alliierten heillos verheddern bei ihrem Vorstoß von al-Alamein aus, auf den der "Wüstenfuchs" weiter im Westen wartete.

Im Militär-Museum von al-Alamein ist gesammelt, was von der Schlacht geblieben ist: Ein in Afrika-Beige lackiertes BMW-Gespann der Wehrmacht, Kennzeichen WH-219372, am Beiwagen eine Ledertasche, darauf in weiß die Palme mit dem Hakenkreuz. Rommels Mütze und sein Eisernes Kreuz sind ausgestellt. In der Vitrine dahinter bis heute eine Mitte der Achtzigerjahre von einer Historiker-Kommission aus Briten, Deutschen und Ägyptern formulierte Beschreibung: "Der Wüstenkrieg wurde in einer Gegend ausgetragen, in der es so gut wie keine Bevölkerungszentren gab", ausgefochten "unter Soldaten, ohne dass im Wesentlichen Zivilpersonen in die Schlacht verwickelt wurden".

Die unfruchtbaren Landstriche, in denen die Schlachten tobten, sind heute oft besiedelt

Nur sind die "weitgehend unfruchtbaren Landstriche, die als Schlachtfeld dienten", heute besiedelt. Ägypten wächst pro Jahr um 2,5 Millionen Menschen. Abseits des völlig überbevölkerten Nil-Deltas mit Kairo bleibt nur die Mittelmeerküste, um das Land zu entwickeln. Doch das behindern die Minen: 22,7 Millionen davon liegen heute in Ägyptens Boden, kein Land ist stärker belastet. Etwa 17,5 Millionen stammen aus dem Zweiten Weltkrieg. Dazu Tausende Tonnen Blindgänger, von Fliegerbomben bis zur Handgranate.

Etwa 3300 Menschen haben laut ägyptischen Angaben durch die explosiven Hinterlassenschaften ihr Leben verloren, seit man in den Achtzigerjahren anfing, Statistiken zu führen, 7500 wurden verstümmelt. 2016 war das erste Jahr, in dem es keinen Zwischenfall gab in der mit 16 Millionen Minen am stärksten betroffenen Mittelmeer-Provinz Marsah Matruh - dank verstärkter Aufklärungskampagnen.

"Für die beteiligten Staaten ist der Zweite Weltkrieg lange vorbei. Für uns hört er nie auf", sagt Minenopfer Farahat Abdellaty, ein frommer Mann mit schwarzem Zauselbart. Er zieht die schwarze Anzugshose hoch. Sein Unterschenkel musste amputiert werden; 2001, als der heute 43-Jährige auf die Mine trat, war das alles, was medizinisch in Ägypten möglich war. Er konnte nicht mehr arbeiten, musste Jahre auf eine Prothese warten. Von seiner Versehrten-Rente könnte er nicht leben - er hatte Glück und fand Arbeit in einem Zentrum für die Rehabilitation von Minenopfern in Marsah Matruh, das vor einem Jahr mit Unterstützung der EU eröffnet wurde. Er misst Prothesen an, hilft Minenopfern, an einer Art Barren wieder laufen zu lernen.

An diesem Samstag wird Präsident Abdel Fattah al-Sisi im Zuge der Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Alamein-Schlacht Neu-Alamein eröffnen, eine Stadt vom Reißbrett, auf einem geräumten Minenfeld erbaut. 110 Quadratkilometer wurden dafür entmint, erst von Hand, dann mit Maschinen. Alleine das deutsche Afrikakorps hatte hier eine halbe Million Minen verbuddelt. Etwa 3,5 Millionen Minen hat die Armee geborgen, seit sie 1981 mit dem systematischen Räumen begann.

Diese gefährliche Arbeit wird durch eine Reihe von Faktoren erschwert: Hatten die Achsenmächte und die Alliierten anfangs Minenfelder noch schulmäßig vermessen und kartiert, verlegten Pioniere während der Gefechte von 1942 Dutzende Typen von Sprengkörpern weitgehend freihändig; Blindgänger sind ohnehin nirgends erfasst. Und selbst da, wo Karten existieren, haben sich die Minen in 75 Jahren in Sand bewegt - oft liegen sie so tief, dass normale Detektoren sie nicht finden.

General Mahrous el-Kilani hat in seinem Büro in Kairo auf einer Karte die ungefähre Lage der größten Minenfelder zusammengetragen, in rot die der Alliierten, in grün jene der Deutschen. El-Kilani diente 1977 bis 2007 im Militär, war Chef der Entschärfer bei den Pionieren. Zwei Finger seiner linken Hand hat er bei einer Explosion verloren. Jetzt leitet er die Abteilung für Minenräumung, die dem Entwicklungsministerium angegliedert ist.

Aus seiner Karte lässt sich ablesen: Am stärksten betroffen ist ein 40-Kilometer-Streifen von der Küste landeinwärts von al-Alamein bis zum Grenzort Salloum. Aber auch bis auf Höhe der Oase Siwa, 250 Kilometer südlich der Küste, liegen Minen in der Wüste. Rommel und Montgomery wollten damit ihre Flanken schützen, einen Umgehungsangriff verhindern.

In Libyen gehen die Felder weiter, bis hinüber nach Tunesien, wo im Mai 1943 schließlich die Heeresgruppe Afrika unter Rommels Nachfolger kapitulierte, Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim.

Es sind diese Minen in der Wüste, die Ägypten noch ganz andere Probleme bereiten: Schmuggler kundschaften Routen aus, um geschützt vor Verfolgern von Armee und Polizei zwischen Libyen und Ägypten hin und her zu wechseln, mit Waffen, Zigaretten oder Migranten auf der Ladefläche ihrer Allrad-Jeeps. Auch Terroristen nutzen diese Wege. Überdies graben Kämpfer der vor allem im Nordsinai aktiven Terrormiliz Islamischer Staat die alten Sprengkörper aus, um daraus neue Bomben zu bauen. Besonders beliebt: deutsche Panzerminen mit sechs Kilo Sprengstoff. Ein Dutzend Fälle sind dokumentiert, in denen Ägyptens Militär mit Überbleibseln aus der Nazi-Zeit attackiert wurde.

Dem Land fehlt es an Mitteln, die betroffenen Gebiete komplett zu entminen, klagt Entwicklungsministerin Sahar Nasr. Seit 1981 habe man 40 Prozent der betroffenen Fläche geschafft; 60 Prozent sind weiter nicht sicher, sagt sie. "Wenn wir mit der jetzigen Geschwindigkeit weiterarbeiten, wird es noch 100 Jahre dauern, alle Minen und Blindgänger zu räumen."

Deutschland hat Detektoren geliefert, Projekte unterstützt, für knapp zwei Millionen Euro zwischen 2008 und 2012. Bilaterale Hilfe gab es danach nicht mehr, auch weil in Ägypten allein das Militär für die Entminung zuständig ist. Und da die gewonnenen Flächen vor allem zur Ansiedlung von Firmen dienen sollen, ist die Kampfmittelräumung nach deutscher Auffassung Teil von Infrastruktur-Maßnahmen, nicht des humanitären Minenräumens. In Ägypten tut man sich schwer, diese Differenzierung zu verstehen. "Ich würde von Deutschland schon erwarten, dass es mehr Unterstützung leistet", sagte Ministerin Nasr der SZ. "Wir spüren die negativen Folgen des Zweiten Weltkriegs bis heute, sie sind enorm." Und Ägypten ist nicht dafür verantwortlich.

© SZ vom 21.10.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite