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Pressefreiheit:Eine der Letzten, die nicht auf Linie sind

Chefredakteurin der Nachrichtenseite Mada Masr festgenommen

Lina Attalah ist Chefredakteurin der Nachrichtenseite Mada Masr.

(Foto: dpa)

In Kairo ist Lina Attalah, Chefredakteurin eines regierungskritischen Internetportals, festgenommen worden. Es steht schlecht um den ägyptischen Journalismus.

Lina Attalah war gerade bei der Arbeit, als die ägyptischen Sicherheitsbehörden sie festnahmen. Die 1983 geborene Chefredakteurin des regierungskritischen Internetportals Mada Masr führte Sonntagmittag nahe dem berüchtigten Tora-Gefängnis im Süden von Kairo ein Interview mit der Mutter des dort inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Alaa Abdel Fattah, der wohl auch wegen eines kritischen Artikels auf Mada Masr in Haft kam. Laut dem Internetportal wurde ihr erst das Handy abgenommen, wenig später führten Beamte sie ab. Sie brachten Attalah auf die Polizeiwache von Maadi, einem Stadtteil im Süden von Kairo. Weder wurde ihr gestattet, den Anwalt von Mada Masr zu sprechen, noch teilte man ihr mit, was ihr vorgeworfen wird. Später hieß es dann, sie habe ohne Genehmigung eine militärische Einrichtung gefilmt - mutmaßlich das Tora-Gefängnis. Am Abend wurde sie zum Verhör zur Staatsanwaltschaft gebracht.

Es ist nur der jüngste einer Reihe von Einschüchterungsversuchen der Sicherheitsbehörden gegen ein unabhängiges Medium in Ägypten - wohl das letzte, das investigative Recherchen wagt zu sensiblen Themen wie der Armee und den Geheimdiensten. Attalah, die an der American University in Kairo studiert hat, gehörte im Juni 2013 zu den Gründern von Mada Masr. Im November 2019 stürmte die Staatssicherheit das Büro der Internetpublikation und nahm drei Mitarbeiter fest, unter ihnen Attalah. Auslöser war offenbar ein wenig schmeichelhafter Bericht über den Sohn von Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Der hat in den Geheimdiensten eine steile Karriere hingelegt, scheint aber den Erwartungen nicht zu genügen.

Zudem blockieren die ägyptischen Behörden seit Mai 2017 den Zugang zur Internetseite von Mada Masr, so wie auch Hunderte andere Seiten gesperrt sind. Wer sie in Ägypten lesen will, muss entweder ein VPN-Programm einsetzen, um die Sperre zu umgehen, oder sich mit jenen Artikeln begnügen, welche die Redaktion noch auf Facebook veröffentlichen kann.

Andere Medien, vor allem die Fernsehsender und die einflussreichen Zeitungen, hat das Regime längst auf Linie gebracht, teils durch Tarnfirmen der Geheimdienste aufgekauft. Lange vorbei ist es, dass englischsprachige Medien in Ägypten wie Egypt Independent, ein Ableger von Masry el-Youm, für den Attalah als leitende Redakteurin gearbeitet hatte, noch marginal größere Freiräume hatten bei der Themenwahl und bei Formulierungen. Im April 2013 wurde die Redaktion auf subtilen Druck der Behörden hin geschlossen. Die Geschäftsinteressen von Eigentümern privater Medien in Ägypten lassen sich schon lange nicht mehr mit kritischer Berichterstattung vereinbaren.

Lina Attalah hat einmal über sich gesagt, sie behaupte nicht, die mutigste Person auf der Welt zu sein. Tatsächlich erfahren sie und Mada Masr ein höheres Maß an internationaler Aufmerksamkeit als viele ihrer Kollegen. Ägypten ist im Ranking der Pressefreiheit der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen inzwischen auf Platz 166 von 180 Staaten abgerutscht, 2019 waren laut dem Committee to Protect Journalists 26 Journalisten in Ägypten in Haft - nur die Türkei und China sind schlimmer. Die Bundesregierung kritisiert zwar Menschenrechtsverletzungen wie die massive Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit, hält aber sonst unbeirrt an ihrer weitreichenden Kooperation mit der Sisi-Regierung fest.

Als "ständige psychologische Verhandlung mit sich selbst" hat Lina Attalah die Arbeit als Journalistin unter dem zunehmend repressiven, vom Militär dominierten Regime beschrieben. Zwar wurde sie in der Nacht zum Montag nach Zahlung einer Kaution freigelassen. Aber sie weiß nur zu gut, was es heißt, in Ägypten im Gefängnis zu landen. Selbstzensur und Entmutigung, darauf zielt die Einschüchterung. Es wird kaum das letzte Mal gewesen sein, dass die Behörden Attalah festgesetzt haben.

© SZ vom 19.05.2020/khil

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