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Ägypten:Kopten in Angst

Bombenanschlag

24 Menschen starben bei dem Anschlag der Terrormiliz IS auf eine koptische Kapelle in Kairo.

(Foto: Ahmed Gomaa/action press)

Nach dem Anschlag auf eine Kirche fürchten Christen neue Attacken durch Extremisten. Das Vertrauen in den Staat schwindet.

Die Dachziegel sind bis auf die angrenzende Straße geflogen. Wo einst die Fenster der Kapelle Sankt Peter und Paul waren, klaffen jetzt schwarze Löcher. Die Sprengkraft der Bombe war gewaltig; zwölf Kilogramm TNT, zitierte die staatliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena Sicherheitskreise. Die Kapelle liegt mitten in Kairo. Sie grenzt an die Markus-Kathedrale an, befindet sich mithin auf dem Gelände des Sitzes des koptischen Papstes Tawadros II. Sicherheitskräfte bewachen den ganzen Komplex. Und trotzdem konnte ein Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Herzen der Hauptstadt ungehindert in den Gottesdienst gelangen und dort 24 Menschen ermorden und 49 weitere verletzen.

Es war der schwerste Anschlag auf Christen in Ägypten seit Jahren und zugleich der folgenschwerste, seit der IS vor mehr als einem Jahr über dem Sinai eine russische Charter-Maschine mit 224 Menschen aus dem Himmel bombte. Mit der Explosion der Bombe am Sonntag vor einer Woche platzte auch die Illusion relativer Sicherheit, die sich in Kairo eingestellt hatte nach einer Serie schwerer Autobombenanschläge 2015, bei der Terroristen Generalstaatsanwalt Hisham Barakat ermordeten.

Der Anschlag trifft Ägypten in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahren, für die der Anschlag auf den Ferienflieger zentraler Auslöser war, weil danach der Tourismus kollabierte. Zugleich schürte der Anschlag Sorgen unter den Christen, zehn Prozent der Bevölkerung, ob sie der Staat wirklich schützt. Präsident Abdelfattah al-Sisi hatte als erster Staatschef die Weihnachtsmesse in der Kathedrale be-sucht und damit ein Zeichen gesetzt, das viele Kopten erhofft hatten. Nach dem Anschlag skandierten wütende Christen nun vor der Kirche: "Das Volk will den Sturz des Regimes!", den wichtigsten Slogan der Revolution 2011, und forderten den Rücktritt des umstrittenen Innenministers Magdy Abdel-Ghaffar.

Der IS hat mit weiteren Anschlägen gedroht und deutlich gemacht, dass er nach der Wirtschaft nun das Zusammenleben der Religionsgruppen in Ägypten zerstören will - es wäre ein weiterer Riss im Gewebe der Gesellschaft, das an dieser Stelle ohnehin schon sehr gespannt ist. Der IS erschoss Ende Juni in al-Arisch in der Unruhe-Provinz Nord-Sinai auf offener Straße einen koptischen Priester. Christen wurden zudem Opfer einer Reihe brutaler und teils tödlicher Übergriffe durch radikale Muslime, die keinen erkennbaren terroristischen Hintergrund hatten.

Die meisten ereigneten sich im oberägyptischen Gouvernement Minya, wo die Kopten mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellen - und zugleich radikale Islamisten eine ihrer Hochburgen haben. Nach Gerüchten über eine Affäre eines christlichen Mannes mit einer Muslimin zerrte im Mai ein Mob dessen 70-jährige Mutter nackt durch die Straßen und brannte sieben Häuser von Kopten nieder. Im Juni wurde ein Christ erstochen, nur Tage vorher wurden Häuser von Christen niedergebrannt, weil das Gerücht verbreitet wurde, dass sie eines in eine Kirche umwandeln wollten. Landesweit gab es in diesem Jahr 25 Übergriffe. Und die Christen fürchten, dass sie während der Festtage erneut zum Ziel von Attacken von Extremisten werden könnten.

Wenn etwas passiert ist, werden Versöhnungskomitees geschickt. Aber die Täter kommen davon

Bischof Makarios von Minya brachte die Frustration vieler Kopten ungewöhnlich deutlich auf den Punkt: "Als ägyptische Bürger haben Christen nicht das Gefühl, ihren muslimischen Landsleuten gleichberechtigt zu sein." So ist der Bau von Kirchen einem langwierigen Genehmigungsverfahren unterworfen, während dies für Moscheen nicht gilt. Muslimische Männer dürfen christliche Frauen heiraten, umgekehrt aber nicht. Auch klagen die Christen, dass nach Übergriffen zwar Versöhnungskomitees geschickt würden, die Strafverfolgung aber ausbleibe. Ein Anschlag auf eine Kirche in Alexandria 2011 mit 23 Toten ist bis heute nicht geklärt. Papst Tawadros II. scheut offene Kritik an Präsident und Regierung, die er nach der für Christen extrem schwierigen Zeit unter den Muslimbrüdern als Garanten für Sicherheit sieht.

Nach dem Anschlag auf die Kathedrale nun identifizierten die Behörden den Täter schnell: ein 22-Jähriger namens Mahmoud Schafiq Mohammed Mustafa; die Terrormiliz IS nannte ihn Abu Abdallah al-Masry, was sein Kampfname sein dürfte. Die Polizei nahm vier Personen fest und beschuldigt sie, wie der Attentäter Teil einer Terrorzelle zu sein, die von Mitgliedern der verbotenen Muslimbruderschaft aus dem Exil in Qatar finanzielle und logistische Unterstützung erhalten habe. Die Sicherheitsbehörden versuchen immer wieder, Verbindungen zwischen IS und Bruderschaft herzustellen, westliche Geheimdienste und Regierungen sehen das skeptisch - Belege habe Kairo bislang nicht geliefert.

Laut dem Innenministerium war der Attentäter 2014 im Fayoum verhaftet worden, einer Oase südöstlich von Kairo, wo es ebenfalls viele Islamisten gibt. Ihm wurde vorgeworfen, an einem nicht genehmigten Protest teilgenommen und eine Waffe getragen zu haben. Sein Anwalt sagte, er sei gefoltert worden. Seine Mutter berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, ihr Sohn sei in der Haft sexuell misshandelt worden - mögliche Auslöser für eine Radikalisierung. Er habe sich nach seiner Freilassung nach Sudan abgesetzt. Das alles ist nicht bestätigt; Folter in Gefängnissen ist in Ägypten aber an der Tagesordnung, sagen Menschenrechtler.

Herausgefordert wird der Staat jedoch nicht nur vom IS, der im Norden des Sinai trotz massiver Militäroperationen weiter regelmäßig Anschläge verübt und Dutzende Polizisten und Soldaten getötet hat. Neue militante Islamisten-Gruppen haben in Kairo eine Reihe von Attentaten verübt: Am Tag vor dem Anschlag auf die Kirche starben sechs Polizisten durch eine Bombe an einem Polizei-Checkpoint in Gizeh. Dazu bekannte sich eine Gruppe namens Hassm, was auf Arabisch Entschlossenheit bedeutet. Im November war ein Richter, der an einem Verfahren gegen den gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi beteiligt war, einem Autobombenanschlag unverletzt entkommen, ebenso im September der stellvertretenden Generalstaatsanwalt Zakareya Azmi.

Am Freitag bestätigte Ägypten dann Erkenntnisse französischer Ermittler, dass an Leichenteilen aus der im Mai über dem Mittelmeer abgestürzten Egypt-Air-Maschine Sprengstoff gefunden worden sei - auch wenn die französischen Behörden das nicht für ausreichend erachten, um auf eine Absturzursache zu schließen.

Präsident Sisi reagiert wie üblich: mit Härte. Er fordert, die Strafprozessordnung zu ändern, um "Hindernisse für die Justiz" bei der Terrorbekämpfung zu beseitigen und die Zuständigkeit von Militärtribunalen auszudehnen. Allerdings sind die Gesetze schon nach der Ermordung des Generalstaatsanwalts drastisch verschärft worden - ohne dass dies die neue Welle der Gewalt verhindern hätte können. Am Donnerstag richtete Ägypten zudem den bekannten islamistischen Terroristen Abdel Habara hin. Militante Extremisten drohten, als Rache einen "Vulkan des Dschihad" zu entfesseln.

© SZ vom 19.12.2016

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