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Ägypten im Ausnahmezustand:Im Würgegriff der Gewalt

Members of the Muslim Brotherhood and supporters of ousted Egyptian President Mohamed Mursi throw stones at riot police and army personnel during clashes in Cairo

Erst gehen die Tränengas-Geschosse dicht wie Hagel auf Kairo nieder, dann schieben Planierraupen die Barrikaden der Mursi-Anhänger weg. Kurz darauf brennen die Zelte der Islamisten, später werden sie verkohlte Leichen darunter hervorziehen.

(Foto: REUTERS)

Schluchzende Frauen, zornige Männer, erregtes Geschrei: Mit aller Gewalt haben die Sicherheitskräfte die Protestcamps in Kairo geräumt. Ägypten zählt nun seine Toten. Der Innenminister meint, man sei "möglichst menschlich vorgegangen" - dieser Hohn wird den Protest der Islamisten weiter anstacheln.

Die Gasse ist eng, die Männer straucheln, kommen kaum voran. Immer vier oder fünf von ihnen tragen einen der Särge, sie schaukeln hoch über den Köpfen der Menge. Holzkästen ohne jeden Schmuck, so schäbig wie die Gasse im Armenviertel Seida Seinab. Schluchzende Frauen, zornige Männer, Verzweiflung, erregtes Geschrei. Am Ende der schmalen Straße bugsieren die Träger die Toten durch das niedrige Stahltor, es ist der Hintereingang der zentralen Leichenhalle von Kairo. Die Männer kommen nach wenigen Minuten zurück, mit dem leeren Sarg, für den nächsten Toten.

"Sie bringen die Leichen aus den Krankenhäusern", sagt einer, der zwischen den heranfahrenden Leichenwagen steht. "Dort wurde der Totenschein ausgestellt. Es steht drauf, dass sie bei privaten Schlägereien umgekommen sind." Der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, hat schon 150 Särge gezählt und er sagt, jeder hier wisse doch, woran die meisten gestorben seien: "Schusswunden. Am Hinterkopf oder in der Brust. Einer meiner Freunde zählt dazu."

Ägypten zählt seine Toten. Nicht nur vor der Senhum-Leichenhalle. In einer Moschee sollen noch mindestens 300 liegen, auf Eisblöcken. Das jedenfalls sagen die Islamisten und Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi. Vor der Polizei-Moschee nahe der Altstadt fahren zum selben Zeitpunkt schwarze Limousinen vor, in einer sitzt der Innenminister. Mindestens 43 seiner Beamten sind tot.

Brennende Gebäude, neue Proteste

Nachdem Polizei und Armee die zwei Kairoer Sit-ins von Mursis Anhänger am Mittwoch gestürmt haben, werden die Zahlen langsam konkreter, sie steigen kontinuierlich. Die Regierung spricht schon von 525 Toten, aber es dürften mehr werden: Die Senhum-Leichenhalle ist voll, im Stadtteil Gizeh brennt mittags das Gouverneursgebäude, in allen Landesteilen rufen die Islamisten zu neuen Protesten auf. Ägypten, vom Militär angeblich selbstlos von den Islamisten erlöst, versinkt in Gewalt.

Am Vortag, im Oberklasse-Stadtteil Mohandesin, die Mustafa-Mahmud-Moschee. Dort haben sich versprengte Islamisten nach dem blutigen Sturm ihrer Protestlager verschanzt. Wenige Stunden zuvor hatte die Armee in der Querstraße scharf geschossen auf die paar Hundert Mursi-Anhänger, die an der Moschee Barrikaden bauen, ein neues Protestlager beginnen wollten. Drinnen im Gebetshaus sagt Doktor Mohamed, ein Arzt: "Ich selbst habe hier 22 Tote gesehen. Es sollen aber mehr als 30 sein. Ich stand in einem See von Blut."

Die Luft ist schal im Hinterhof; sie riecht nach Desinfektionsmittel, Schweiß und Hoffnungslosigkeit. Männer liegen ermüdet auf dem Boden, in blutbefleckten Hemden und Hosen, einige lesen den Koran. "Sie werden kommen, uns auch von hier vertreiben", sagt Ahmed, der IT-Techniker und Not-Sanitäter. Er sagt, wie alle, der Verlauf des Lebens und der Zeitpunkt des eigenen Todes seien "von Gott vorgegeben". Aber er sagt auch: "Ich habe Angst."

Ahmed ist nicht allein. Sein Vater, seine Mutter, die Schwestern sind da. Ahmeds Vater, ein Arzt, der als UN-Berater arbeitet, weiß nicht, wie es weitergehen wird: Was ist der Plan? "Falsche Frage! Was sind unsere Optionen?" Dann zählt Said Hassan Möglichkeiten auf. "Eins: Wir gehen alle nach Hause, werden in unseren Betten verhaftet und sterben." Möglichkeit zwei: "Wir greifen zu den Waffen und attackieren den Staat, öffentliche Einrichtungen in ganz Ägypten. Das habe ich nie gemacht und werde ich nie tun." Und die dritte Möglichkeit? "Wir glauben, dass es Menschen gibt, die ein gutes Herz haben", beginnt er, "die die Freiheit und die Menschenrechte unterstützen . . ." Aber was ist der Plan? "Es gibt keinen. Wir haben keine Führer."