Ägypten im Ausnahmezustand:Bis an die Zähne bewaffnet

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Aber kann das Militär sein wichtigstes Versprechen einlösen, kann es Sicherheit schaffen und das aufgewühlte Land befrieden? Ägyptens Armee ist längst mehr Wirtschaftsimperium als kampfstarke Truppe. Auf dem Sinai führt sie mit Billigung und Beteiligung Israels einen Krieg gegen Dschihadisten. Die Verluste sind hoch, die Erfolge gering.

In Kairo ist der scheinbar übermächtige "tiefe Staat" aus Armee, Polizei, Justiz und Geheimdienst sechs Wochen nach dem Sturz von Präsident Mursi nicht in der Lage, einige der lautesten Krakeeler der Muslimbrüder festzusetzen - oder er will es nicht. In Oberägypten brennen seit dem Blutbad in Kairo Dutzende Kirchen, Klosterschulen, christliche Häuser. Die Polizei hatte keine Vorkehrungen getroffen und griff oft auch nicht ein. Sie ist selbst oft Ziel der Angriffe. Mehr als 40 Beamte starben seit Mittwoch, und der Konflikt hat gerade erst begonnen.

Anders als vor zwei Jahren sind viele Ägypter bis an die Zähne bewaffnet mit Arsenalen aus Gaza, aus Libyen oder aus dem heimischen Hobbykeller. Die Kalaschnikows der Muslimbrüder sind nur ein Teil des Problems. 15-Jährige an Straßensperren von sogenannten "Volkskomitees" fuchteln auf den Straßen mit selbstgebauten Pistolen herum. Die Polizei, eine notorisch korrupte Foltertruppe, hatte das Land boykottiert und der Anarchie überlassen, weil ihr der Sturz Mubaraks nicht gepasst hat. Nun muss sie sich ihre unangefochten gefürchtete Stellung erst wieder erkämpfen.

Überhaupt sind die Menschen so einfach nicht mehr einzuschüchtern, sie stellen Forderungen. Mursis Sturz hat gezeigt, wie schnell sie den Herrschenden ihre Zuneigung entziehen. Die Preise steigen, die Ersparnisse sind aufgebraucht, die Wirtschaft ist gelähmt. Einen Herrscher, der auf diese Fragen keine Antwort findet, rettet auch der Notstand nicht.

So taumelt Ägypten von Krise zu Krise. Das Land, das sich auf seine Vorreiterrolle in der Region so viel zugute hält, ist zum Risikofaktor geworden. An Kompromiss oder Demokratie hat niemand Interesse, ja, Politik schlechthin ist im Militärstaat fern. Jeder hört, was er hören will und pflegt ein realitätsresistentes Weltbild, das größte Härten rechtfertigt. Das Ausmaß an Inhumanität auf allen Seiten ist bemerkenswert.

Inzwischen ist eine ungeschminkte Militärherrschaft ein schlimmes Szenario, ein gescheiterter Staat ein schlimmeres. Mut macht nur die Jahrhundertperspektive - Europa 1848 oder der Prager Frühling: Vermeintlich verpuffte Freiheitsbewegungen, die eben doch vermeintlich ewige Systeme aushöhlten.

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