bedeckt München 18°
vgwortpixel

Ägypten im Ausnahmezustand:Grausame Symbiose von Polizeistaat und Islamisten

A poster of deposed Egyptian President Mohamed Mursi lies on a bulldozer near Cairo University and Nahdet Misr Square in Giza, south of Cairo

Chaos in Ägypten: ein Bulldozer der Regierung inmitten brennender Barrikaden in Kairo

(Foto: REUTERS)

Notstandsgesetze, Militärherrschaft und ein innerer Feind: Zweieinhalb Jahre nach dem Aufstand gegen Hosni Mubarak ist Ägypten ein Land voller enttäuschter Hoffnungen. Vom Vorreiter in der Region ist es zum Risikofaktor geworden. Doch anders als früher lassen sich die Menschen nicht mehr so einfach einschüchtern.

Ausnahmezustand in Ägypten. Der mächtigste Mann des Staates ist ein Offizier. Proteste werden zerschlagen. Medien üben Selbstzensur - besser Ruhe als Chaos. Polizeistaat und Islamisten umklammern sich in grausamer Symbiose.

Innenministerium und Geheimdienst beschwören die islamistische Terrorgefahr. Die Religiösen beschwören den Unrechtsstaat. So gewinnen beide Anhänger. Mohammed el-Baradei, Friedensnobelpreisträger, einsamer Liberaler, ist eine ferne, viel bespottete Figur. Wir schreiben den 24. Januar 2011. Am Tag darauf bricht der Aufstand gegen Hosni Mubarak los.

Heute, zweieinhalb Jahre, ungezählte enttäuschte Hoffnungen und viele Tote später, hat Ägypten in vieler Hinsicht wieder den 24. Januar erreicht, den Status quo ante. Notstandsgesetze, Militärherrschaft, innerer Feind, alles da. El-Baradei, von vielen Ägyptern nie akzeptiert, ist isolierter denn je. Am Dienstag installierte die Übergangsregierung neue Gouverneure, meist Generäle oder Kostgänger des Mubarak- Regimes. Einer der neuen Würdenträger hatte als Vizegouverneur von Alexandria eine Lehrerdelegation mit seiner Pistole bedroht.

Hohe Verluste, geringe Erfolge

Die Polizei hat aufgerüstet - materiell und psychologisch. Nach mehr als 550 Toten am Mittwoch versprach der Innenminister "noch größere Sicherheit" als unter Mubarak. Politiker und Aktivisten jauchzten. Über Wochen hatte das Fernsehen die Zeltlager für den gestürzten Präsidenten Mursi als Terrornester mit geradezu titanischem Zerstörungspotenzial beschrieben.

Als der Innenminister nun Waffenfunde präsentierte, seufzten viele Ägypter vor Erleichterung: Wir sind noch einmal davongekommen. Die Islamisten, umgekehrt, hatten in völliger Verkennung ihrer Unbeliebtheit jede Verhandlung abgelehnt, eskaliert, provoziert und tote Kinder wie Sieger gefeiert. Polizeistaat und Muslimbruderschaft, die vermeintlichen Kontrahenten, spielen sich gegenseitig furchtbar in die Hände.

Aber so einfach ist es nicht, so leicht lassen sich zweieinhalb Jahre nicht auslöschen. Gewiss, die Armee ist populär wie unter Mubarak, sogar bei den Muslimbrüdern, die ihren Hass auf Armeechef Sisi beschränken.