Süddeutsche Zeitung

Ägypten:Die Trolle sind los

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Nachdem ein 32-jähriger Arzt an Covid-19 verstorben ist, wirft die Gewerkschaft der Mediziner dem Gesundheitsministerium "Tötung durch Verantwortungslosigkeit" vor. Einige Ärzte erhalten daraufhin Morddrohungen.

Von Moritz Baumstieger

Es sollte ein Hilfeschrei werden, doch anstatt mehr Unterstützung zu erreichen, ernten Ägyptens Ärzte nun Kübel voll Hass: Nachdem am Wochenende der 32-jährige Arzt Walid Yehia in Kairo an Covid-19 verstorben war - er hatte trotz mehrfachen Bemühens und Kontakten zu Kollegen keinen Platz auf einer Isolierstation gefunden - veröffentlichte die Medizinergerwerkschaft in Kairo eine Mitteilung. In ihr wollte sie darauf aufmerksam machen, dass der Tod des Mediziners kein Einzelfall ist: 350 Ärzte in Ägypten sind nach Angaben der Gewerkschaft mittlerweile mit dem Coronavirus infiziert, 19 bereits ihrer Covid-19-Erkrankung erlegen.

Wohl um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, benannte die Gewerkschaft auch die aus ihrer Sicht Verantwortlichen: Sie säßen im Gesundheitsministerium, das es nicht schaffe, Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegepersonal, Virentests und Krankenhausbetten in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Die Nachlässigkeit der Ministerialbeamten sei vergleichbar mit "Tötung durch Verantwortungslosigkeit", schrieben die Mediziner - und gingen damit im autoritär regierten Ägypten den verhängnisvollen Schritt zu weit.

Das Regime ist fest entschlossen, sich in der Corona-Krise als Herr der Lage zu inszenieren

Ressortchefin Hala Zayed kündigte zwar an, sich um bestmögliche Versorgung der Ärzte bemühen zu wollen. Dass das Gesundheitssystem am Nil durch die Coronakrise zusammenbrechen könnte, wie die Gewerkschaft gewarnt hatte, bestritt die Ministerin jedoch. Nachdem staatsnahe Medien in der Folge polemische Artikel veröffentlichten und Ärzte, die Regierungsangaben zur Coronakrise widersprachen, mit der verbotenen Muslimbruderschaft in Verbindung brachten, machte sich eine Schar von Internettrollen über die Doktoren her. Ärzte, die nach Yehias Tod aus Protest angekündigt hatten, ihren Dienst zu quittieren, erhielten Morddrohungen.

Das Regime ist weiter fest entschlossen, sich in der Coronakrise als Herr der Lage zu geben. Die Zahlen belegen aber mehr und mehr das Gegenteil: Die offizielle Zahl der Coronainfizierten ist mit knapp 20 000 zwar noch relativ gering, die Neuinfektionen näherten sich in dieser Woche jedoch rapide der Marke von 1000 Fällen pro Tag an. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, angesichts der wenigen durchgeführten Tests und der idealen Bedingungen, die das Virus in Ägypten zur Verbreitung findet: "Social Distancing" ist im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt ohnehin ein Fremdwort, die Kampagne für Hygienemaßnahmen, die in den frühen Tagen der Pandemie startete, gerät trotz ihrer ohrwurmverdächtigen Musikbegleitung langsam in Vergessenheit.

Um die schon vor Corona kränkelnde Wirtschaft zu stützen, ordneten die Behörden nur milde Beschränkungen an, derzeit gilt eine Ausgangssperre in den Abend- und Nachtstunden. Doch schon diese Maßnahmen reichten aus, um Wirtschaft und Staatshaushalt in Schieflage zu bringen. Um fehlende Einnahmen zu kompensieren und nötige Hilfen zu finanzieren, kündigte Premier Mustafa Madbouly eine Corona-Sondersteuer von einem Prozent auf die Gehälter aller Angestellten an. Sinken sollen hingegen die Gebühren für Visa und Museumseintritte - ob sich so aber angesichts der steigenden Infektionen das wichtige Tourismusgeschäft retten lässt, ist fraglich.

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SZ vom 29.05.2020
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