Eskalation in Ägypten Blutige Proteste in Kairo

Aufruhr in der arabischen Welt: "Gestern Tunis, heute Kairo", skandieren die Menschen auf Ägyptens Straßen - sie wollen Präsident Mubarak loswerden. Der reagiert und lässt die Demonstranten niederknüppeln. Sechs Menschen sind bereits bei den Unruhen gestorben. Tunesien sucht seinen Ex-Diktator Ben Ali unterdessen mit internationalem Haftbefehl.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Die arabische Welt ist in Aufruhr. Bei Protesten in Ägypten gab es am Mittwoch erneut zwei Tote: Ein Demonstrant und ein Polizist wurden bei Zusammenstößen im Zentrum der Hauptstadt Kairo getötet, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. In Tunesien erließ die neue Regierung Haftbefehl gegen den geflohenen Ex-Diktator Zine el-Abidine Ben Ali und leitete eine Fahndung über Interpol ein.

Proteste in Ägypten

Gespannte Stimmung am Freitag des Zorns

Die Unruhen in Ägypten sind die schwersten seit drei Jahrzehnten. Demonstranten in Kairo und Alexandria riefen "Gestern Tunis, heute Kairo". Sie beklagten Armut, Korruption, Wahlfälschungen und Polizeigewalt und forderten ein Ende des Regimes von Staatspräsident Hosni Mubarak. Am Mittwoch untersagte Innenminister Habib el-Adly zwar größere Zusammenkünfte. Doch zahlreiche Menschen widersetzten sich dem Verbot; Regimekritiker riefen den Mittwoch zum zweiten "Tag des Zorns" aus. Im Zentrum der Hauptstadt Kairo wurden ein Demonstrant und ein Polizist getötet. Beide wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen von Steinen tödlich getroffen. Mehr als 800 Regimekritiker wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei festgenommen. Das Kurznachrichtenportal "Twitter" war zeitweise blockiert. Mehrere Journalisten in Kairo wurden festgenommen. Ihnen warf man vor, die Massen aufzuwiegeln. Bereits am Dienstag hatte es bei Demonstrationen in Ägypten vier Tote gegeben.

Besonders heikel war die Lage auch in der Hafenstadt Suez. Dort steckten die Protestierenden ein Verwaltungsgebäude in Brand; die dortige Parteizentrale von Mubaraks Partei sei mit Brandsätzen beworfen worden, hieß es. Sicherheitskreisen zufolge wurden in Suez mehr als fünfzig Demonstranten und Polizisten verletzt. Das Innenministerium verhängte eine nächtliche Ausgangssperre in der Stadt.

In Tunesien soll die Übergangsregierung nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur TAP umgebildet werden. Am heutigen Donnerstag würden Veränderungen im Kabinett bekannt gegeben, meldete die Agentur am Mittwochabend unter Berufung auf einen Regierungssprecher. Zuvor hatten Demonstranten in Tunis die Entlassung der Politiker des alten Regimes aus der Übergangsregierung unter Mohamed Ghannouchi verlangt. Im Kabinett sitzen zwar Oppositionelle; wichtige Ministerposten und das Amt des Premiers sind noch in der Hand von Vertretern des Regimes des ehemaligen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali. Einige wichtige Ressorts - Inneres, Verteidigung und Äußeres - sollen nun offenbar mit neuen Leuten besetzt werden.

Dem nach Saudi-Arabien geflohenen Ben Ali wirft die tunesische Justiz vor, Staatsgeld ins Ausland transferiert zu haben. Auch gegen seine als korrupt bekannte Frau und weitere Familienmitglieder wurde Haftbefehl erlassen. Nach allen wird international gefahndet.

Die EU zeigte sich besorgt über die Lage in Ägypten, nach Tunesien schickte sie sogar hohe Beamte, um sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte die Regierung in Kairo zur Achtung der Menschenrechte auf. Auch die USA riefen Mubarak zu Reformen auf: Friedliche Proteste dürften nicht verhindert werden.

Das Auswärtige Amt in Berlin empfahl Reisenden dringend, "Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden".