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Ägypten: Anschlag auf Christen:Deutsche Politiker ermahnen Muslime

"Eine Verurteilung ist zu wenig": Politiker von Union und Grünen verlangen nach dem Anschlag auf Kopten in Ägypten mehr Sicherheit für Christen. Muslime müssten sich von Gewalt distanzieren. In Deutschland befürchten Kopten ebenfalls islamistischen Terror.

Der blutige Anschlag auf Kopten in Alexandria in der Neujahrsnacht verschärft die Spannungen zwischen Christen und Muslimen über Ägypten hinaus. Auch in Deutschland fürchten Kopten nun eine Bedrohung durch islamistische Terroristen. Deutsche Politiker ermahnen arabische Staaten, christliche Minderheiten stärker zu schützen und sich von der Gewalt zu distanzieren.

Christlicher Protest gegen die Anschläge in Ägypten: Auch deutsche Kopten fühlen sich bedroht.

(Foto: AFP)

"Eine Verurteilung solcher Anschläge ist zu wenig. Ägypten und andere Staaten müssen dem Ungeist religiöser Intoleranz wirksam entgegentreten", sagte der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, der Frankfurter Rundschau. De facto sei das Land eine Diktatur. "Der Westen aber schaut aus außenpolitischer Rücksichtnahme auf das Regime Mubarak systematisch weg."

Deutschland habe seine Möglichkeiten zur Einflussnahme "bei weitem nicht ausgeschöpft", beklagte Beck, der auch parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion ist. Er sprach sich dafür aus, außen- und entwicklungspolitische Vereinbarungen an Bedingungen hinsichtlich der Menschenrechtslage zu knüpfen, insbesondere bei staatlicher Budgethilfe. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder: Es müsse "noch mehr getan werden", um die Sicherheit von Christen zu gewährleisten, mahnte er im Deutschlandfunk.

Bei dem Anschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria waren in der Silvesternacht mindestens 21 Menschen ums Leben gekommen, Dutzende wurden verletzt. Staatschef Hosni Mubarak hatte "ausländische Kräfte" verantwortlich gemacht. Er rief alle Ägypter auf, sich gemeinsam dem Terrorismus und allen zu widersetzen, die die Sicherheit und Einheit des Landes bedrohten.

Die Atmosphäre zwischen Muslimen und Christen ist nach dem Anschlag stark angespannt. Am Sonntag demonstrierten in Alexandria und in der Hauptstadt Kairo Hunderte Christen, die in Ägypten zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie forderten mehr Schutz und warfen der Regierung Feigheit vor.

Auch in Deutschland fürchten Kopten angesichts des Attentats eine Bedrohung durch islamistische Terroristen. Der koptische Bischof für Deutschland, Anba Damian, sagte im Bayerischen Rundfunk, das Bundeskriminalamt habe koptische Priester vorgewarnt: Im Internet sei ein Plan im Umlauf, wonach in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar Kopten das Ziel eines Anschlags sein könnten. Betroffen seien vor allem Gläubige in Hessen. Auch das Innenministerium sei über die Drohung informiert worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilten die Bluttat in Alexandria und mahnten die ägyptische Regierung, Ähnliches künftig zu verhindern.

Als Reaktion auf das Attentat forderte auch die CSU eine Neuorientierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. "Wir sollten unsere Entwicklungshilfe an der Frage ausrichten, ob in einem Land Christen vom Staat oder einer anderen Seite verfolgt werden", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, Stefan Müller.

Alle Regierungen im islamischen Raum seien aufgefordert, christliche Minderheiten zu schützen. "Es kann keine finanzielle Unterstützung für Länder geben, in denen Christen ihre Religion nicht ungehindert ausüben können", sagte Müller der Rheinischen Post.

Gleichzeitig kritisierte die CSU Vertreter der Muslime in Deutschland. "Ich erwarte, dass sie ihre Abscheu noch klarer formulieren, so wie das weltweit geschehen ist", sagte Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer. Der Aufruf deutscher Muslime zu mehr religiöser Toleranz sei besonders wichtig, weil diese in Deutschland ihren Glauben frei ausüben könnten. In Ländern wie Ägypten oder dem Irak sei genau das für viele Gläubige nicht der Fall.

Auch Hans-Peter Uhl, Außen- und Sicherheitspolitiker der CSU, und Bundesbildungsministerin Annette Schavan von der CDU forderten eine Distanzierung der Muslime. Uhl warnte vor einem Übergreifen islamistischer Gewalt auf Deutschland. "Wenn die Muslime selbst protestieren, bewirkt das viel mehr, als wenn wir das tun."

Schavan appellierte im Hamburger Abendblatt an muslimische Würdenträger in aller Welt: "Muslimische Autoritäten in Kairo und anderswo müssen eindeutig Stellung beziehen gegen jede Form von Gewalt im Namen ihrer Religion", sagte die Bundesbildungsministerin. "Es gibt keinen Frieden der Völker ohne den Frieden der Religionen."

© sueddeutsche.de/dapd/rtr/mikö/juwe

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