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Nil-Staudamm:Kampf ums Wasser

Streit um künftig größten Staudamm Afrikas

Der 145 Meter hohe und knapp zwei Kilometer breite Damm am Blauen Nil soll die Stromproduktion Äthiopiens verdoppeln. Ägypten bangt deshalb um seine Wasserversorgung.

(Foto: Maxar Technologies/AP/dpa)

Äthiopien will in den nächsten Tagen die Talsperre seines Staudamms am Blauen Nil fluten. Ägypten fürchtet um seine Lebensgrundlage. Ein letzter Vermittlungsversuch droht zu scheitern.

In der vergangenen Woche tauchten auf vielen Internetseiten der äthiopischen Regierung seltsame Symbole und Zeichen auf. Die Präsenz einer regionalen Polizeibehörde zeigte plötzlich Pharaonengesichter und einen Satz, der wohl als Drohung gemeint war: "Wenn der Pegel des Flusses fällt, sollen sich die Soldaten des Pharao auf den Weg machen und erst nach der Befreiung des Nils zurückkommen, wenn der Fluss wieder ungehindert fließt."

Die Worte stammen wohl von der Inschrift eines Bildes im Tempel von Edfu, einem der am besten erhaltenden in Ägypten, mehr als 2000 Jahre alt. Die Botschaft ist seitdem gleich, hat im Internetzeitalter nur wenig von ihrer Aktualität eingebüßt: Der Nil gehört uns Ägyptern, wer seinen Fluss behindert, kriegt es mit uns zu tun.

Die Botschaften von ägyptischen Hackern tauchten genau zu dem Zeitpunkt auf, da sich Äthiopien aufmachte, den Blauen Nil zu stauen, den riesigen Staudamm zu füllen, der einmal so viel Strom produzieren soll wie kein anderer in Afrika und weltweit das siebtgrößte Flusswasserkraftwerk sein wird, das die Stromproduktion Äthiopiens verdoppeln soll.

Der Konflikt um den Damm ist eine Überlebensfrage für Ägypten

Immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten hatte Äthiopien mit der Idee gespielt, den Nil auf seinem Territorium aufzustauen, immer wieder hatte Ägypten mit Krieg gedroht. Vor zehn Jahren schließlich wurden die Pläne Wirklichkeit, begann ein Konsortium aus Italienern und Äthiopiern mit dem Bau des riesigen Damms, 1870 Meter lang und 145 Meter hoch, Kosten etwa fünf Milliarden Dollar.

Seitdem gibt es Streit mit Ägypten, wird gedroht und verhandelt, wird gepokert und beschuldigt. Das 100-Millionen Volk in Ägypten bekommt 95 Prozent seines Frischwassers aus dem Nil und befürchtet, das Wasser könnte ausgehen, wenn Äthiopien den Damm füllt. Eine Überlebensfrage also. Selbst US-Präsident Donald Trump schaltete sich in den Konflikt ein, der eine ganze Region destabilisieren könnte. Doch vor allem die Äthiopier waren wenig begeistert von der Mediation der Amerikaner, im Februar brachen die Verhandlungen ab.

In den kommenden Tagen wollte die Regierung in Addis Abeba eigentlich mit der Aufstauung des Nils beginnen, pünktlich zum Start der Regensaison. Ägypten war empört und rief den UN-Sicherheitsrat an, der sich am Montag mit der Sache beschäftigen will. Am Freitag aber, in letzter Minute, brachte die Afrikanische Union die beiden Kontrahenten wieder zusammen, die nun erneut verhandeln wollen, zusammen mit dem Sudan, der zwischen Äthiopien und Ägypten liegt und auch vom Staudamm betroffen ist.

Was passiert in Dürrejahren?

In zwei bis drei Wochen soll nun eine Einigung erreicht werden, die in den zehn Jahren zuvor nicht zustande kam. Warum nun auf einmal klappen soll, was davor nicht gelang, ist nicht ganz klar.

Die Konflikte drehen sich vor allem darum, wie lange der Damm gefüllt werden soll, wie lange Ägypten also weniger Wasser bekommt. Denn ist der Damm erst einmal voll, wird Äthiopien wieder genauso viel Wasser durchlassen wie davor. Während Äthiopien sich einen möglichst kurzen Zeitraum der Befüllung vorstellt, etwa fünf bis sieben Jahre, um schneller Strom produzieren zu können, will Ägypten mehr Zeit und eine kleinere Wassermenge, die zurückgehalten wird. In diesem Punkt sind sich die Konfliktparteien aber offenbar näher gekommen, diskutiert wird vor allem darüber, wie viel Wasser in Dürrejahren durch den Damm fließen soll. Und in welchem Forum Streitfragen gelöst werden.

Streit um künftig größten Staudamm Afrikas

Satellitenbild von Benishangul-Gumuz in Äthiopien vom 28. Mai. Im Streit mit Äthiopien und dem Sudan um den künftig größten Staudamm Afrikas hat Ägypten den UN-Sicherheitsrat eingeschaltet.

(Foto: Maxar Technologies/AP/dpa)

Denn der Nil ist alles andere als ein stetig fließendes Gewässer. Er schwillt mit der Regenzeit an und wird in der Dürre eher ein Gerinnsel. In einem Brief an den UN-Sicherheitsrat, der der SZ vorliegt, macht das äthiopische Außenministerium folgende Rechnung auf. Insgesamt 74 Milliarden Kubikmeter soll der neue Stausee einmal fassen, im ersten Jahr der Aufstauung würden lediglich 4,9 Milliarden Kubikmeter entnommen, im zweiten 13,5 - bei einer durchschnittlichen Durchflussmenge von 49 Milliarden Kubikmeter am neuen Staudamm. Das sei doch zu verkraften, argumentieren die Äthiopier, vor allem weil Ägypten ja flussabwärts selbst den Nil aufstaut, in einem doppelt so großen See am Assuan-Damm, also genug Reserven für dürre Jahre hätte.

Um die sorgt sich Ägypten vor allem, am Assuan-Staudamm kommen in guten Jahren 100 Milliarden Kubikmeter an, weil der Blaue Nil bis dahin mit dem Weißen zusammenfließt und sich mit weiteren Zuflüssen vereinigt. In schlechten Jahren sind es aber auch mal nur 40 Milliarden. Was dann? Im Jahr 2025, sagen Prognosen der Vereinten Nationen, werde das Wasser nicht mehr reichen für die dann 115 Millionen Ägypter. Die Regierung sagt, bis zu einem Drittel der Agrarfläche könnte verloren gehen. Äthiopien hingegen sieht für sich eine große Zukunft durch den Nil, kein anderes Land der Welt hatte im vergangenen Jahrzehnt ein so starkes Wirtschaftswachstum, das nun an seine Grenzen stößt, weil 65 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu Elektrizität habe, sagt die Regierung.

Ägypten möchte in den kommenden Wochen von Äthiopien eine Mindestquote Wasser, die auch in Dürrezeiten durch den Damm fließt. Äthiopien aber hat daran bisher wenig Interesse, möchte möglichst flexibel bleiben. Man werde nun an einer Übereinkunft arbeiten, sagte Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed. Währenddessen würden die Vorbereitungen für die Aufstauung aber weitergehen. Spätestens in zwei bis drei Wochen sei es soweit.

© SZ vom 29.06.2020/saul
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