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Adoptionsrecht vor dem Verfassungsgericht:Eigentlich ist viel mehr zu klären

Eigentlich aber ist noch viel mehr zu klären. Es ist ganz Grundsätzliches zu entscheiden: Können homosexuelle Paare nicht ganz generell ebenso wie Ehepaare für ein Kind gute Eltern sein? Und müssen sie deshalb auch das Recht erhalten, gemeinsam ein Kind adoptieren zu können, wenn sie die Voraussetzungen bieten, dem Kindeswohl förderlich zu sein? Die Gegner der gemeinsamen Adoption meinen, für die gedeihliche Entwicklung eines Kindes sei maßgeblich, dass sie in der Elternbeziehung "Männlichkeit wie Fraulichkeit" erfahren. Manche glauben auch, dass die (homo-)sexuelle Orientierung der Eltern quasi "abfärben" könne auf die Kinder.

Die Emotionen gehen bei diesem Thema schnell hoch; es ist das eigene sexuelle Selbstverständnis des Betrachters dabei mit berührt. Gewiss: Die gesellschaftliche Haltung zur Homosexualität hat sich sehr verändert. Was noch bis Mitte der Neunzigerjahre unter Strafe stand, regt heute so gut wie niemanden mehr auf; und an den Umstand, dass Homosexuelle sich offen als Paare zeigen und Lebenspartnerschaften eingehen können, hat man sich gewöhnt. Die Toleranz, ja Akzeptanz ist gestiegen. Doch wenn es um Kinder in homosexuellen Partnerschaften geht, hört für viele dann doch die Duldsamkeit auf. In Debatten ist bisweilen von "Widernatürlichkeit" die Rede.

Auch Homosexuelle sind Menschen

Auch Homosexuelle können - siehe schon heute die Stiefkindadoption - Eltern sein, nur mit ihren Partnern eben keine Kinder bekommen. Auch Homosexuelle können den Wunsch nach Kindern haben, auch wenn sie zusammen keine zeugen können. Da ergeht es ihnen genauso wie Eheleuten, bei denen sich der Wunsch nach eigenen Kindern nicht erfüllt.

Es stellt sich also die Frage, ob es gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz des Artikels 3 Absatz 1 Grundgesetz verstößt, dass Lebenspartnern verwehrt wird, was Ehepaaren rechtlich eingeräumt ist: über den Weg der Adoption rechtlich anerkannte Eltern eines Kindes zu sein. Eine Ungleichbehandlung von Ehepaaren und Lebenspartnern lässt das Bundesverfassungsgericht inzwischen, wie viele Entscheidungen auch aus jüngster Zeit zeigen, nur dann noch durchgehen, wenn es dafür triftige Gründe gibt. Denn, so das Gericht, Ehe und Lebenspartnerschaft seien gleichermaßen Verantwortungsgemeinschaften - und eine Differenzierung allein wegen der sexuellen Orientierung sei aus Verfassungsgründen nicht zulässig.

Eltern sind Eltern

Also muss entschieden werden, ob es womöglich gerade die homosexuelle Orientierung sein könnte, die dem Kindeswohl abträglich sein und deshalb doch zum triftigen Grund gereichen könnte, den Adoptionswunsch zu unterbinden. Man kann gespannt sein, ob das Gericht sich dieser Frage stellt oder sie diesmal noch umschifft. Die wissenschaftlichen Grundlagen für eine Entscheidung liegen vor: Eine vom Bundesministerium der Justiz in Auftrag gegebene Untersuchung ("Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", herausgegeben von Marina Rupp) hat sehr klar festgestellt: Für das Wohlbefinden von Kindern ist nicht die sexuelle Orientierung der Eltern maßgeblich, vielmehr kommt es darauf an, wie viel Liebe, Zuneigung, Anregung und Lebensorientierung sie von diesen erhalten.

Das ist eigentlich eine Erkenntnis, die nicht neu ist. Sie trifft auf leibliche Eltern ebenso zu wie auf Adoptiveltern, die ehelich verbunden sind. Und sie wurde nun auch für schwule und lesbische Eltern bestätigt.

Wenn dem aber so ist, dann kann die Adoption von Kindern durch Lebenspartner nicht mehr verboten werden. Dann wird das Verfassungsgericht über kurz oder lang anordnen müssen, was in Frankreich derzeit das Parlament macht: die weitgehende Gleichstellung von Homo-Ehe und Ehe.