Partnerin von Adolf Hitler "Eva Braun hatte fast Narrenfreiheit"

Historikerin Heike Görtemaker erklärt, wieso der NS-Diktator seiner Geliebten gegenüber tolerant war - und wie er sich die gemeinsame Zukunft ausmalte.

Interview: Oliver Das Gupta

Heike B. Görtemaker, Jahrgang 1964, studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Germanistik in Berlin und Bloomington (USA).

Blumen für den Tyrannen: Adolf Hitler begutachtet gemeinsam mit seiner Geliebten Eva Braun Präsente am 53. Geburtstag des Diktators 1942.

(Foto: Foto: SZ Photo / Scherl)

In der in diesen Tagen erscheinenden Biographie Eva Braun. Leben mit Hitler hat die Historikerin die wenigen vorhandenen Erkenntnisse über Adolf Hitlers heimliche Geliebte zusammengefasst und analysiert.

Die gebürtige Münchnerin Eva Braun (1912 - 1945) kam mit Hitler noch vor der Machtergreifung der Nazis zusammen - und blieb 14 Jahre bei ihm. Am 30. April 1945 verübte Braun gemeinsam mit dem Diktator Selbstmord im Berliner Führerbunker. Einen Tag zuvor hatte Hitler sie geheiratet.

sueddeutsche.de: Frau Görtemaker, nach all den Büchern über die NS-Zeit und Adolf Hitler - was ist neu an Ihrem Buch über Eva Braun, die Geliebte des Diktators?

Heike Görtemaker: Ich habe versucht, die wirkliche Eva Braun jenseits der Legenden und Klischees zu zeigen. Sie wurde ja als völlig unpolitisch, desinteressiert und oberflächlich dargestellt. Bei eingehender Betrachtung kristallisiert sich ein anderes Bild heraus.

sueddeutsche.de: Was ergab Ihre Recherche?

Görtemaker: Eva Braun war nicht nur Teil der Scheinidylle auf dem Berghof. Sie blieb nicht passive Mätresse. Sie war sehr wohl politisch und engagierte sich für die Sache ihres Partners - im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

sueddeutsche.de: Wie konnte Eva Braun agieren? Die Geliebte Hitlers musste doch vor dem Volk verborgen bleiben, sie war nicht einmal Mitglied der NSDAP.

Görtemaker: Eva Braun hatte keine offizielle Rolle, aber sie war Teil der Propaganda-Maschinerie, mit der Hitler sich umgab. Eva Braun fotografierte ihn auf seinem Berghof, sie filmte ihn. Das war nicht nur zum Privatvergnügen. Sie verkaufte Filme und Bilder an Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotografen, in dessen Geschäft sich die beiden kennengelernt hatten.

sueddeutsche.de: Wie stellte Eva Braun ihren Gefährten dar?

Görtemaker: Sie inszenierte "den Führer" als fürsorglichen Familienvater, als Menschen, der Kinder und Tiere liebt. Eva Braun strickte mit am privaten Hitler-Bild, das die "Volksgenossen" haben sollten.

sueddeutsche.de: Also sahen die Deutschen den Diktator so, wie ihn seine Geliebte in Szene setzte?

Görtemaker: So ist es. Heinrich Hoffmanns Bildbände, in denen sich die Braun-Fotos finden, hatten Auflagen von 300.000 bis 400.000 Stück.

sueddeutsche.de: Braun trat auch vor hohem Nazi-Personal in Erscheinung - selbstbewusst mischte sie sich sogar in Gespräche Hitlers ein.

Görtemaker: Sie war bestimmend in dem sozialen Zirkel auf dem Obersalzberg. Das bleibt ja auch nicht aus in einer 14-jährigen Beziehung. Das kam natürlich bei vielen, die Hitler anbeteten, sehr schlecht an. Von ihnen aber ist Eva Brauns Bild maßgeblich geprägt - von dem, was Hitlers überlebende Mitarbeiter nach dem Krieg über sie sagten. Bei seiner Sekretärin Christa Schroeder etwa zeigte sich später offene Abneigung.

sueddeutsche.de: Auch Sie verweisen in Ihrem Buch oft auf die Nachkriegs-Aussagen der Überlebenden des Berghofkreises. Wie verlässlich sind solche Quellen?

Görtemaker: Man muss sie kritisch behandeln - genau das habe ich in meinem Buch getan, genau das hat bei früheren Analysen gefehlt. Selbst Ian Kershaw hat die Aussagen eins zu eins übernommen. Das ist ein Fehler. Selbstverständlich muss man fragen: Wer sagt was, wann und warum? Nach Kriegsende waren natürlich alle diese Leute bemüht, Distanz zu Hitler zu schaffen - und, wie beispielsweise der Rüstungsminister Albert Speer, ihr Leben zu retten.

sueddeutsche.de: Sind antisemitische Äußerungen Brauns überliefert?

Görtemaker: Nein. An diesem Punkt zeigt sich das Problem, wenn man über jemanden forscht, der wenig Geschriebenes hinterlassen hat. Es gibt nur ein Tagebuchfragment, das vermutlich echt ist, sowie wenige Briefe aus der Zeit gegen Ende ihres Lebens. Darin zeigt sich allerdings auch, wie sehr sie seine Sicht der Dinge teilt: Sie geht gemeinsam mit Hitler auf Verräterjagd, sie erwartet Treue bis in den Tod von anderen. Daraus lässt sich kein Antisemitismus direkt belegen, aber klar wird auch: Eva Braun teilte Hitlers Weltanschauung vorbehaltlos - somit auch den Hass auf Juden. Alle, die dem Berghofkreis angehörten, waren sowohl Zeugen als auch Überzeugte.

sueddeutsche.de: Trotzdem blieb Eva Braun die Frau im Verborgenen - schließlich sollte "der Führer (...) ein Junggeselle sein, dann kriegen wir die Weiber", wie es Hitlers Pressechef früh erklärt hatte.

Görtemaker: In der NS-Propaganda hieß es, Hitler sei mit Deutschland verheiratet. Den Ausschlag gab jedoch wohl etwas anderes: Hitler fürchtete die Macht einer Ehefrau, er hatte Angst davor, persönlich angreifbar zu werden. Er hielt sich ja alle vom Leib - sogar seine wenigen Familienangehörigen. Eva Braun lebte zwar mit Hitler, aber eben nicht als legitime Partnerin, die Druck auf ihn ausüben hätte können.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Hitler es tolerierte, dass Eva Braun Jazz hörte und wilde Partys feierte und wie sich der Diktator eine gemeinsame Zukunft mit seiner Geliebten ausmalte.

Der Überfall

mehr...