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Dem Geheimnis auf der Spur:Wenn Adolf Hitler ertrunken wäre

Adolf Hitler als Kind

Die Aufnahme zeigt Adolf Hitler als Kind, entstanden ist das Bild um das Jahr 1890.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Einer Passauer Legende zufolge soll der Sohn eines österreichischen Zollbeamten 1894 beinahe im vereisten Inn ums Leben gekommen sein. Über ein folgenreiches Gedankenspiel.

Von Carolin Werthmann

Es war ein Wintertag im Januar 1894, der vieles an der Geschichte des 20. Jahrhunderts hätte verändern können. Vorausgesetzt, die Begebenheit an jenem Tag hat sich tatsächlich ereignet, vorausgesetzt, die folgende Erzählung könnte mehr sein als eine Legende.

Ein vierjähriger Junge spielte am Passauer Innufer. Der Fluss, an manchen Stellen vereist, soll wild gewesen sein. Der Junge konnte nicht schwimmen, soll es später auch nie gelernt haben, vielleicht aufgrund dessen, was ihm damals passierte. Er stürzte, fiel ins Wasser, kam nicht mehr heraus, war kurz vor dem Ertrinken.

Ein anderer Vierjähriger sah ihn vom Ufer. Er eilte hin, griff ins Wasser, zog ihn heraus und bewahrte ihn davor, zu sinken und nie mehr aufzutauchen. Der Retter wird später Domorganist und Domkapellmeister und heißt Johann Nepomuk Kühberger.

Der andere Junge wird der größte Massenmörder des 20. Jahrhunderts und heißt Adolf Hitler. Er soll der Legende zufolge der Unglückselige gewesen sein, den beinahe der Ertrinkungstod im Kindesalter ereilt hätte.

Warum, soll er sich gefragt haben, hat er ihn nicht sterben lassen?

Was an dieser Geschichte wahr sein könnte, lässt sich nur noch schwer belegen. Es gibt Indizien und Spekulationen, die sich zu einem Bild fügen, das dennoch unscharf bleibt. Dass die Familie Hitler überhaupt in Passau lebte, gerät in vielen Biografien nur zum Nebensatz.

Hitlers Vater Alois war Zollbeamter und zog nach einer Beförderung mit der Familie von Braunau in Österreich nach Passau. Alois blieb dort nicht lange, wurde nach Linz versetzt, während Klara Hitler mit den Kindern für eine Weile weiter in Passau lebte. Sie zogen in die heutige Kapuzinerstraße, parallel zum Innufer. Das Haus, das sie bewohnten, gehörte der Familie Kühberger. Die Väter kannten sich, die Söhne waren im gleichen Alter.

Man findet den Bericht über den Wintertag 1894 in dem Buch "Out of Passau: Leaving a City Hitler called Home" von Anna Elisabeth Rosmus. Die Schriftstellerin und Geschwister-Scholl-Preisträgerin forscht an der Nazi-Vergangenheit ihrer Heimatstadt Passau und lebt heute in den USA. Dorthin ist sie 1994 ausgewandert, nachdem immer mehr Einheimische sie wegen ihrer Recherchen angefeindet und als "Nestbeschmutzerin" verunglimpft hatten.

Vor drei Jahren strahlte der BR ein Hörfunkfeature aus über die Legende einer "fatalen Lebensrettung" und einen schweizerisch-österreichisch-deutschen Fluss, "der beinahe die Welt gerettet hätte". Auch Rosmus kommt darin zu Wort, neben Bürgern, Kindern von ehemaligen Bürgern, Stadtarchivaren, einem Stadtrat im Ruhestand und dem Amtsrat des Bistumsarchivs.

Der Autor des Features, Joseph Berlinger, fängt Stimmen von Zeitzeugen ein, die behaupten, Johann Nepomuk Kühberger sei ein in sich gekehrter, nachdenklicher Mann gewesen, denn er hätte sein Leben lang die Rettung bereut und sich eine Teilschuld am Verlauf der Geschichte gegeben. Er fragte sich, wieso er so mutig und sein Mitgefühl so stark gewesen sein musste, um diesen im Wasser zappelnden Knaben nicht einfach sterben zu lassen. Wer aber konnte ahnen, dass aus ihm ein Diktator dieser Art werden würde?

Namen tauchten in den Berichten über den Vorfall nie auf

Berlinger findet ebenso Stimmen, die gegen den Mythos argumentieren. Hat Kühberger möglicherweise gelogen und sich die Geschichte schlichtweg ausgedacht? Zeitgenossen und Nachkommen wollen das nicht glauben.

Viel unwahrscheinlicher sei es, dass ein kleines Kind ein anderes, je nachdem, wie tief gesunken und wie stark die Strömung, aus dem Fluss ziehen könne. Außerdem wisse man nicht, wie dramatisch die Situation wirklich gewesen sei. Vielleicht lag der Junge gar nicht allzu tief im Wasser.

Die Donau-Zeitung berichtete am 9. Januar 1894 allerdings, ein Knabe sei "gerade noch rechtzeitig vor dem sicheren Tode des Ertrinkens" gerettet worden. "Derselbe betrat am Inn unterhalb des Garnisons-Lazarethes neu gebildetes Eis und brach durch. Glücklicherweise konnte er von seinen beherzten Kameraden gerettet werden." Namen tauchten in den Berichten nie auf. Aber viele Leute trugen diese Geschichte weiter, und plötzlich war aus dem Knaben Hitler und aus einem der "beherzten Kameraden" Kühberger geworden.

Je mehr Leute sich übereinstimmend äußern, desto eher wächst der Glaube, dass vielleicht nicht alles, aber irgendetwas an der Story doch wahr sein könnte. So entstehen Legenden. Hinzu kommt der Reiz am Rest von Ungewissheit, der Reiz am blinden Fleck und der Reiz an der Spekulation über eine umgekehrte Version der Geschichte: Wenn wahr wäre, dass Hitler mit vier fast ertrunken wäre, wie hätte bei nicht gelungener Rettung dann das 20. Jahrhundert ausgesehen?

Die kontrafaktische "Was wäre gewesen, wenn"-Frage lässt sich auf alle möglichen Lebensentscheidungen und Schicksalsfügungen übertragen und birgt doch nie eine befriedigende Antwort. Die BBC-Serie "SS-GB" etwa mit Lars Eidinger, Kate Bosworth und Sam Riley nähert sich einer ähnlich gearteten, gegen die Fakten gerichteten Hypothese. Sie handelt von der Annahme, dass die Deutschen die Schlacht um Großbritannien im Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten.

Lohnt es sich, überhaupt darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn die Weltgeschichte einen ganz anderen Verlauf genommen hätte?

Es bleibt ein Gedankenspiel, das man beliebig ausdehnen kann: Hätte Alois Hitler nach seiner zweiten Ehe nicht ein drittes Mal geheiratet und diese dritte Frau, die wesentlich jüngere Klara, nicht geschwängert, wäre Adolf Hitler nie geboren worden.

© SZ/chrm
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