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Adele:Die Wucht der klaren Klänge

Sie schreibt ihre Lieder selbst und hat eine tolle Stimme. Das allein kann den Erfolg der Sängerin aber nicht erklären. Der kommt auch durch Verzicht auf Neues.

Von David Pfeifer

Kann man einen Hit programmieren? Einen Song so komponieren, aufnehmen und einsingen, dass er garantiert ein Erfolg wird? Natürlich nicht, sonst könnte es ja jeder. Und nicht einmal viele große Popstars bekommen das so zuverlässig hin wie die britische Sängerin Adele. Fast fünf Millionen Mal in zwei Wochen hat sie ihr neues Album "25" allein in den USA verkauft, so viel wie niemand zuvor in diesem Zeitraum. In mehr als hundert Ländern steht ihre Single "Hello" an der Spitze der Download-Charts. Man kann behaupten, dass es derzeit keinen erfolgreicheren Popstar gibt als Adele Laurie Blue Adkins.

Ihr jüngster Song ist in f-Moll, der bevorzugten Tonlage von Superhits

In den wenigen Jahren ihres Ruhms wurde viel darüber spekuliert, warum Adele so sagenhaft erfolgreich ist. Sie singt ausnehmend gut, klar. Sie passt körperlich nicht ins genormte Bild der schlanken Popstars und bietet so mehr Identifikationsmöglichkeiten für die Fans. Darüber hinaus wirkt Adele authentisch, sie schreibt ihre Lieder selbst und ist nah dran am Lebensgefühl der jungen und auch der reiferen Hörer. In "Hello" singt sie einem Ex-Freund auf die Mobilbox, den sie zum tausendsten Mal anzurufen versucht. Das mediale Aneinander-vorbei-senden Adoleszenter wird dabei ebenso angesprochen wie die Melancholie, die einem nicht ausgelebten Lebensweg anhaftet. Mit nur 27 Jahren erzählt Adele von einer Zeit, als sie jung und frei war - ideal für alle Multioptionalisten, die eigentlich noch mal etwas ganz anderes im Leben machen wollen. Gesungen in f-Moll, der bevorzugten Tonlage von Superhits.

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Trauriger Blick, erfreuliche Nachfrage: ein Adele-Plakat in New York.

(Foto: dpa)

Musikalisch folgt sie dabei einem Schema, das man seit Jahren erkennen kann: Ein Hit sollte immer einen großen Anteil von bereits Bekanntem enthalten. Weswegen Cover-Versionen gar nicht mal so alter Hits als Neuauflage erfolgreich sind. Einen ihrer ersten Erfolge hatte Adele mit dem Lied "Make You Feel My Love" - im Original von Bob Dylan, also bereits im Emotionshaushalt älterer Hörer verankert.

"Das kenn ich doch", war auch der erste Gedanke, den Kristof Hinz beim Hören von "Hello" hatte. "Der Anfang erinnert sofort an 'Hello' von Lionel Ritchie." Hinz leitet den Studiengang "Popular Music" an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Hinz weiß natürlich auch nicht, wie man einen sicheren Hit schreibt, sonst würde er seinen Studiengang vermutlich an die Cote d'Azur verlegen. Aber wie Hits beschaffen sind, erkundet er genau. "Das Vertraute ist wichtig", sagt Hinz. Die Arrangements und Melodien von Adele lehnen sich stark an den Sound des Sechzigerjahre-Soul an, produziert auf dem aktuellen Stand der Studiotechnik. Wie sehr sie sich an Standard-Mustern orientiert, zeigte in dieser Woche die Aufregung über ihr angebliches Plagiat eines 15 Jahre alten türkischen Liedes, das übersetzt "Sich an den Schmerz klammern" heißt und auch eine eher molltönende Ballade war.

"Bei 'Hello' ist das Arrangement sehr klar, da eckt nichts an", sagt Hinz, "aber je weniger man musikalisch macht, umso besser muss die Stimme sein. Und Adele hat gesanglich eben die Bandbreite eines ganzen Orchesters drauf." Die Wucht ihres Auftritts hebt die einfache Melodie.

Popmusik diente früher der Abgrenzung - doch das hat sich geändert

Die Schlichtheit ist ein großer Verkaufsvorteil, denn ein Hit sollte nicht zu aufmerksamkeitsheischend sein, sonst wird er nicht im Radio gespielt. Weswegen beispielsweise die Gruppe Deichkind trotz ihres Hitparaden-Erfolgs eher selten zu hören ist. Adeles Arrangements sind zu jeder Zeit eingängig und gefällig. Auch deswegen ist sie bei Programmmachern von "Radio Gong" bis "Radio Energy" gleichermaßen beliebt. Dazu muss man wissen, dass der Klischee-Satz "im Radio läuft immer nur das Gleiche" zumindest beim kommerziellen Privatradio zutrifft. Dort sortiert nämlich ein Algorithmus, zum Beispiel die Software "Music Master", die Lieder entsprechend ihrer Benotung durch die Hörer in den Sendeablauf. So werden 800 und weniger Lieder pro Woche verwaltet, je nach Sender. Der Radio-Moderator spielt nicht mehr die Lieder, die er für bedeutend hält, er sieht sich nur noch die fertige Liste an, die von der Software ausgespuckt wird.

Adele steht immer in diesen Listen, ihre Lieder passen in die Struktur verschiedenster Sender. "Hello" kann zwischen "Summer of 69" und "Mambo Nr. 5" laufen, passt aber auch zu David Guetta. Dabei zeigt sich eine weitere Stärke von Adele-Arrangements. In ihren Liedern setzt sie Schlagzeug, Bass, Gitarre, Klavier und Gesang ein, gelegentlich auch ein paar Streicher. "Als Otto-Normalhörer erkennt man die Instrumente und sieht die Band gleich vor sich", sagt Kristof Hinz. Adeles Musik hört sich nicht neu oder innovativ an, dafür wird sie aber auch nicht alt. Wer sich noch an die Achtzigerjahre erinnert, in denen Träger breitschultriger Sakkos bei jedem Hit ein Saxophon zum Solo schwenkten, weiß, dass diese Arrangements ein ganzes Musikjahrzehnt für Nachgeborene unhörbar gemacht haben. Ein modernes Äquivalent wäre der überstrapazierte Studio-Effekt "Auto-Tune", der eine Stimme beliebig in der Tonlage nach oben oder unten schrauben kann. Zum ersten Mal exzessiv eingesetzt in dem Hit "Believe" der Sängerin Cher ("Do you belieiieeeiieve in love after love?") von 1998. Wer einem heute 20-Jährigen dieses Lied vorspielt, könnte ihn genauso gut mit einem Spinett foltern.

In diese Kategorie fallen die Hits der sehr erfolgreichen Adele-Mitbewerberinnen Taylor Swift und Rihanna, die nach der aktuellen Mode produziert wurden, und deswegen in zehn Jahren angestaubt wirken werden. "Hello" dagegen, das kann man heute schon sagen, wird ein Radio-Evergreen werden. Nicht nur aktuell, sondern über viele Jahrzehnte hinweg wird er hoch und runter laufen. Auf allen Sendern.

Eine gesellschaftliche Entwicklung kommt Adele dabei entgegen: Popmusik diente bis vor wenigen Jahrzehnten der Abgrenzung. Durch exzessives Hören neuer Musikrichtungen setzte sich eine Generation von der vorangegangen ab. Das funktionierte zunächst mit Elvis, mit dem man die schlagergewohnten Eltern schocken konnte. Später mit den Beatles und den Rolling Stones, und dies ließ sich durchziehen bis zu Punk, Rap und Techno. Gut war, was die Eltern verzweifeln ließ und knallende Türen und "leiser!"-Rufe nach sich zog.

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In den wenigen Jahren ihres Ruhms wurde viel darüber spekuliert, warum Adele so sagenhaft erfolgreich ist.

(Foto: Sascha Steinbach/Getty Images)

Doch das ist vorbei. Junge Menschen bleiben länger zu Hause wohnen, und moderne Helikopter-Eltern wildern gerne im Lebensbereich ihrer Kinder - immerhin sind sie selber mit Popmusik aufgewachsen. Im Zweifel mit härterer. Bei Adele werden solche Eltern aus dem Wohnzimmer rufen: "Kannst du das nicht etwas lauter drehen? Und lass die Zimmertür offen." Wenn an Weihnachten in diesen Familien also überhaupt noch Streit über das Unterhaltungsprogramm entbrennen sollte, wird es zwei Themen geben, bei denen man schnell einen Konsens finden kann: "Star Wars" im Kino - und "Hello" als Begleitmusik zum Schmücken des Baums.

© SZ vom 10.12.2015

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